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Dr. Wolfgang Kircher führt die Apotheke St. Ulrich in Peißenberg und ist Sprecher der Apotheker im Landkreis. 

Apothekersprecher Dr. Wolfgang Kircher

„Das Urteil hat schwerwiegende Folgen“

Landkreis – Ausländische Versandapotheken müssen sich, wenn sie rezeptpflichtige Medikamente nach Deutschland verkaufen, nicht an die Preisbindung halten. Diese Entscheidung traf jetzt der Europäische Gerichtshof. Auf deutliche Kritik stößt sie bei Dr. Wolfgang Kircher, Sprecher der Apotheker im Landkreis.

Was sagen Sie zum Urteil des Europäischen Gerichtshofes?

Dr. Wolfgang Kircher: Ich war bei einer Tagung der Apothekenaufsichtsbehörden in Augsburg, als das Urteil hereinplatzte. Es wurde spontan auch von anwesenden Regierungsvertretern kritisch kommentiert. Die Folgen des Urteils können auch für Patienten schwerwiegend und konsequenzenreich sein. Ich finde die Urteilsbegründung, den ausländischen Versandapotheken solle der Zugang zum deutschen Markt erleichtert werden, – gelinde gesagt – sehr erstaunlich. Das Urteil macht nun vor allem zwei ausländischen Konzernen das Leben leichter, für rund 20 000 Familienbetriebe in Deutschland wird es aber schwerer. Dabei übernehmen die traditionellen Apotheken im Gegensatz zu den Versandapotheken Gemeinwohlpflichten wie die Notdienstversorgung, die Herstellung ärztlicher Rezepturen sowie die Organisation stark wirksamer Betäubungsmittel und schwer zu beschaffender Arzneimittel.


Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Kircher: Man muss sagen, dass aktuell nur der Versandhandel aus dem Ausland von dem Urteil betroffen ist. Bei uns bleibt die Preisbindung. Der Patient kann derzeit also bei verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht verhandeln. Wer hofft, dass Arzneimittel günstiger werden, wenn die Preisbindung aufgehoben wird, der sollte bedenken: Für schwer zu beschaffende Medikamente werden sich dann die Preise erhöhen, wie es etwa in angelsächsischen Ländern geschehen ist. Die Gesundheitsministerien in Bayern und anderen Bundesländern sowie auf Bundesebene wollen nun verhindern, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu unterschiedlichen Preisen rezeptpflichtiger Arzneimittel führt. Sie wollen Maßnahmen einleiten, damit für alle Patienten die gleichen Zugangsbedingungen zu allen Arzneimitteln bestehen. Das politische Ziel dabei ist es, die sichere und flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln zu erhalten.

Ist denn der ausländische Versandhandel überhaupt eine Konkurrenz für die Apotheken im Landkreis?

Kircher:  Zu einem gewissen Grad ja. Aber verlässliche Marktdaten liegen hierzu nicht vor. Viele rezeptpflichtige Medikamente, die im Ausland bestellt werden, sind im übrigen sogenannte Lifestyle-Produkte, wie das Potenzmittel „Viagra“. Manche Kunden fragen mich, warum ausländische Versandapotheken Medikamente mit niedrigeren Preisen als wir anbieten können. Ein Grund besteht darin, dass sie mit Rabatten einkaufen können, die für uns in Deutschland gesetzlich verboten sind.

Und wie sieht es mit Versandapotheken im Inland aus, die ja auch Medikamente verschicken, die nicht verschreibungspflichtig sind? Sind sie eine Konkurrenz für andere Apotheken?

Kircher:  Ja, das spielt eine größere Rolle. Etwa zehn bis zwölf Prozent des Umsatzes gehen den Apotheken vor Ort wohl durch die inländischen Versandapotheken verloren. Auch diese betreiben Rosinenpickerei, indem sie nur profitträchtige Medikamente versenden und keine der bereits genannten kostenintensiven Gemeinwohlpflichten übernehmen. Aber da muss ich sagen: Das sind Entwicklungen des freien Marktes.

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