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Zu Fuß kamen von Tag zu Tag mehr Flüchtlinge nach Europa. Nur durch die Organisation von Helferkreisen war es möglich, den Menschen  zu helfen.

Flüchtlingshelfer im Landkreis

Schaffen wir das?

Landkreis – Vor gut einem Jahr sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Satz „Wir schaffen das“ bezüglich der Flüchtlingskrise in Europa. Wie hat sich seitdem das Leben für die Helfer vor Ort verändert? Mit welchem Gefühl blicken sie in die Zukunft? Die Meinungen sind geteilt.

Als vor einem Jahr täglich tausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, erreichten den „Unterstützerkreis Peißenberg“ bereits die ersten Anrufe und E-Mails. „Wie können wir helfen?“ war oft die Frage, die Bürger dem Helferteam stellten. Die Einstellung „Wir schaffen das“ sei von vielen Bürgern mitgetragen worden, so Lisa Hogger. Die Koordinatorin des Unterstützerkreises engagiert sich nicht erst seit einem Jahr, sondern seit fast drei Jahren für Flüchtlinge. Allein für die Beantwortung von E-Mails wende sie rund zwei Stunden pro Tag auf, zusätzlich investiere sie viel Zeit für Organisatorisches. Die Reaktionen auf ihr Engagement, sowohl beruflich als auch privat, seien durchweg positiv, sagt Hogger, die Realschullehrerin ist. Nur einmal erreichte sie ein Anruf von einer besorgten Frau, die sie eindringlich bat, sich „um Deutsche zu kümmern und nicht um Ausländer“. Diese Sicht findet Hogger nicht ganz richtig: „Das Engagement kommt nicht nur Ausländern, sondern auch Inländern zugute“, sagt sie. Denn ohne Ansprache und Perspektive gerate man leichter auf die schiefe Bahn oder werde Opfer von Salafisten.

Die Stimmung in der Bevölkerung sei hinsichtlich des Themas „Flüchtlinge“ ein wenig vergiftet, findet Hogger. In Peißenberg bemerke sie zwar keinen Stimmungswandel, und auch die Helfer zeigten keine Übermüdungserscheinungen. Trotzdem blickt sie ein wenig besorgt in die Zukunft. Grund dafür ist das Vorhaben der bayerischen Staatsregierung, dezentrale Unterkünfte nach Auslaufen des Mietvertrages aufzulösen und Flüchtlinge in Großunterkünften wie Kasernen unterzubringen. „Wenn die Leute einen Beruf haben oder in die Berufsschule gehen – wie geht es dann mit ihnen weiter?“, fragt sich Hogger. In Peißenberg sei bisher bei einer Unterkunft der Vertrag ausgelaufen, so die Koordinatorin. Die Flüchtlinge konnten anderweitig untergebracht werden.

Von der Aussage des Ausspruchs „Wir schaffen das“ überzeugt ist der hauptamtliche Asylkoordinator des Landkreises, Jost Herrmann. „Der Satz stimmt. Im Landkreis haben wir es geschafft“, sagt Herrmann. In 26 von über 30 Gemeinden, in denen Asylbewerber leben, seien die Menschen eine Bereicherung. Weilheim und viele andere Orte seien bunter geworden, findet er. Erfreut ist der Weilheimer, der zum ersten Juni sein Amt als evangelischer Pfarrer niedergelegt hat, auch über die Situation in Wessobrunn. Dort seien die Bürger durch die neue Lage zusammengewachsen. Die Integration der Flüchtlinge habe dabei geholfen, Neu-Wessobrunner zu integrieren. Leute, die zuvor keinen Kontakt zu den Dorfbewohnern gehabt hätten, würden nun mit ihnen gemeinsam anpacken. Allen gemeinsam ist das Verhältnis zu den Betreuten. So seien die Verbindungen zu Flüchtlingen zwar oft eng, jedoch wäre dies immer auch eine Beziehung auf Zeit.

Herrmann sieht in der Wohnungssituation im Landkreis eine Herausforderung. Nicht ganz stichhaltig findet er jedoch das Argument, Flüchtlinge würden Einheimischen Wohnraum wegnehmen. Häufig wohnten Asylbewerber in Unterkünften, in denen die meisten Deutschen nicht wohnen wollten.

Merkels umstrittenen Satz betrachtet Ria Markowski von der „Nachbarschaftshilfe Iffeldorf“ mit gemischten Gefühlen. Das Gelingen stehe und falle mit dem ehrenamtlichen Engagement der Bürger, findet sie. Mit 50 Flüchtlingen sei in Iffeldorf ein Umfang erreicht, den die Helfer noch bewältigen können. „Es darf aber auf keinen Fall mehr werden“, sagt sie. Man sei nicht mehr so euphorisch wie zu Beginn, habe eine nüchternere Sicht auf die Dinge. Aus humanitärer Sicht habe Merkel richtig gehandelt, nun müsse aber für Stabilität gesorgt werden. In einem Brief schilderte Markowski Bundeskanzlerin Angela Merkel die Flüchtlingsversorgung in den Kommunen. Immerhin – Markowski erreichte eine Antwort von einem Koordinationsstab für Flüchtlingspolitik. Jedoch, wie sie sagt, mit relativ geringem Inhalt.

Iffeldorfs Bürgermeister Hubert Kroiß würde den Merkel-Satz nur mit einem Zusatz quittieren. „Wir schaffen das, aber mit Maß und Ziel“, findet er. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen brauche es eine Grenze. Weitere 50 Flüchtlinge in seinem Ort gingen nicht. Jetzt müssten die Integration gelingen und Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge gefunden werden – was bei einem angespannten Wohnungsmarkt nicht einfach sei. Die Stimmung in der Osterseengemeinde sei gut, die Situation nur durch die aktiven Helfer im Dorf zu bewältigen. Der Bürgermeister selbst habe mittlerweile einen geschärfteren Blick auf die Situation. Das Leid der Welt, das sonst weit weg war, sei nun hautnah im Dorf. „Das berührt einen intensiv“, sagt er.

Beim Penzberger „Unterstützerkreis Asyl“ blickt man positiv in die Zukunft. Bei Helfertreffen ginge es vor allem um aktuelle Themen, sagt Asylkoordinatorin Ruth Brichmann. Im Voraus gebe es von offizieller Stelle stets wenig Informationen. Für die Helfer heiße es, keine Neuerungen zu verpassen, bürokratische Angelegenheiten zu erledigen und Hilfe anzubieten, sagt Brichmann. Die Arbeit in dem Bereich, die den Kontakt zu anderen Unterstützerkreisen im Oberland, die Auseinandersetzung mit dem Asylrecht und den menschlichen Kontakt umfasse, habe ihr Leben bereichert.

Birgit Zaska ist seit drei Jahren beim Unterstützerkreis in Weilheim aktiv und betreut einen der Wohncontainer im Paradeis. Durch die Arbeit habe sie mehr Verständnis für die Flüchtlinge gewonnen, sagt sie. Aktuell sei die Situation zu bewältigen. Wenn sie die Eritreer anschaue, die in den Containern leben und nun anerkannt seien und Berufe hätten, „dann glaube ich, wir schaffen das“, so die Weilheimerin. Jedoch: Würden noch einmal so viele Flüchtlinge ins Land kommen wie bisher, „werden wir es tatsächlich nicht schaffen“, glaubt Zaska.

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