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Christian Heiden testet im Inneren der Orgel den Klang einer Orgelpfeife. Sein Handschuh verhindert, dass klangverändernde Körperwärme an die Pfeife abgegeben wird und Fingerabdrücke entstehen.

Orgelstimmer Christian Heiden in der Wallfahrtskirche

Der Mann, der alle Register zieht

Hohenpeißenberg - Beim Gedanken an eine Orgel haben die meisten den typischen Kirchen-Klang im Ohr. Das Instrument mit zum Teil mehr als 1000 Pfeifen ist eines der vielseitigsten Instrumente überhaupt. Ein Besuch bei Orgelstimmer Christian Heiden, der gerade in der Wallfahrtskirche auf dem Hohen Peißenberg tätig ist.

Hohenpeißenberg – Pop- und Jazz-Klänge, Streichkonzerte, ähnlich denen mit echten Streichinstrumenten, das Gezwitscher einer Nachtigall. All das könnten Kirchgänger zu hören bekommen. Könnten. „Tatsächlich nutzen wenige Spieler das ganze Register der Orgel“, sagt Christian Heiden, der gerade in der Hohenpeißenberger Wallfahrtskirche vor eben solchen Registern einer Orgel steht. Die Kirche wird zur Zeit saniert. Vor Kurzem wurde die alte Orgel durch ein neues Orgelgerüst mit insgesamt 1134 Pfeifen ersetzt. Nur das Gehäuse blieb dasselbe, es wurde auf der Empore aber ein paar Zentimeter nach vorne versetzt, sodass die Kirchenbesucher die Orgel von den Sitzbänken aus besser sehen können. Damit die neue Orgel von außen hübsch aussieht, bekommt das Gehäuse von Restauratorinnen einen frischen Anstrich verpasst. Aber das Wichtigste, das ist der Klang – und dafür ist Christian Heiden aus Baden-Württemberg da.

Er selbst spielt eigentlich Klavier. Wenn er wie jetzt auf der Orgeltastatur spielt, tut er das rein beruflich. Ihn faszinieren die gewaltigen Instrumente, „Orgeln sind vielseitiger als das Klavier“, sagt er. Und teurer: 350 000 Euro kostet sie ohne Farbfassung, sagt Rudi Hochenauer, der Schatzmeister des Fördervereins „Freunde der Wallfahrtskirche Hohenpeißenberg“.

Mehr als 100 Orgeln hat Heiden in seinen 31 Berufsjahren schon gestimmt. Bei der Frage, ob er dafür ein absolutes Gehör braucht, lacht der 50-Jährige und sagt in seinem ostfränkischen Dialekt: „Eigentlich wär ich in dem Fall sogar gestraft.“ Denn wenn die Orgel nur ein bisschen verstimmt ist, sei es für jemanden mit absolutem Gehör bereits eine Qual zuzuhören. Und zu 100 Prozent perfekt lässt sich eine Orgel laut Heiden sowieso nicht stimmen: „Die eine Pfeife rauscht mehr, die andere weniger. Das ist nicht wie bei einem elektronischen Keyboard, bei dem alles gleich klingt.“ Der Klang hängt letztendlich also vom Geschmack des Intonateurs ab. „Aber gerade dadurch bekommt jede Orgel ihren eigenen Charakter“, sagt Heiden. Ein gutes Gehör, das unschöne von schönen Tönen unterscheiden kann, braucht er trotzdem.

Heiden zieht eines der Register aus seiner Vertiefung und schlägt auf der zweistufigen Tastatur ein paar Töne an. Durch die Kirche schwirrt augenblicklich das Gepfeife von Blockflöten. „Da hört man zum Beispiel jetzt einen spuckenden Beiton“, erklärt Heiden. Tatsächlich. Als würde jemand mit zu viel Spucke in die Öffnung einer Blockflöte pusten. In Wirklichkeit wird die Luft von einem so genannten Windkasten, der sich unter der Orgel befindet und mit Luft gespeist wird, durch die Pfeife geblasen.

Die Orgel in der Wallfahrtskirche hat 20 Register. Also 20 verschiedene Klangkategorien, im Prinzip wie die Bläsergruppe eines Orchesters. Stellt man sich vor, dass der Spieler pro Register im Schnitt 56 unterschiedliche Töne anschlagen kann, ist es nur logisch, dass ein Orgelstimmer wochenlang beschäftigt ist. Die Orgel der Wallfahrtskirche nimmt fünf Wochen in Anspruch. Für Heiden nichts Außergewöhnliches, bedenkt man, dass er schon am Klang von Orgeln gearbeitet hat, die 80 Register hatten.

Es gibt halbe Register, unsymmetrische Register und akustische Register, um nur ein paar Varianten zu nennen, und auch Neben- und Effektregister wie Donner, Pauke, Glockenspiel, Zimbel-stern, Kuckucksruf und Nachtigall. Auch die Orgel in der Wallfahrtskirche kann singen wie die Nachtigall – und zwar so: Kopfüber stehen die kleinen Pfeifen in einem Wasserbehälter, der regelmäßig befüllt werden muss. Lediglich durch die Luft, die durch die Pfeife geht und ein Blubbern verursacht, entsteht der typische Klang des Vogelgezwitschers. „Auf die Idee muss man erst mal kommen“, sagt Heiden. Jetzt wird klar, was er mit „vielseitig“ meinte.

Ein bisschen Verwirrung stiften die Begriffe „Stimmen“ und „Intonieren“: Das klassische Stimmen bedeutet, den Ton an die Tonleiter anzupassen, sodass ein C auch ein C ist. Die Intonation allerdings ist mehr als das. Hierbei geht es um die Gestaltung von Klangfarbe und Lautstärke, darum, der Pfeife einen klaren und vollen Ton zu entlocken und diesen an den Raum anzupassen. Die Pfeifen besitzen allein durch Länge, Breite, Material und Öffnung einen eigenen Klang. Um diesen zu verändern, reicht es schon, wenn Heiden mit einer Art Nadel kaum sichtbare Löcher unter die seitliche Öffnung piekst oder an der oberen Öffnung mit einem Messer-ähnlichen Werkzeug einen Teil des Metalls wegschnitzt. Dabei muss er aber auch darauf achten, dass er die Pfeifen nur mit einem Handschuh anfasst – sie könnten sich durch die Körpertemperatur erwärmen und dadurch ihren Klang verändern. Das alles ist sozusagen Basteln auf hohem Niveau – Feinmechanik. Heiden muss die Abfolge, einen Ton zu spielen, ihn anzuhören und die Pfeife zu stimmen aber nicht alleine bewältigen: Der Auszubildende Gabriel Miltner unterstützt ihn dabei. Der 18-Jährige ist im zweiten Lehrjahr. Pro Jahrgang sind es etwa 30 Schüler an der Berufsschule in Ludwigsburg, der „Oscar-Walcker-Schule“. Sie ist die einzige in Deutschland, an der man Musikinstrumentenbau lernen kann. Das heißt, es gibt in Deutschland nur knapp 100 Auszubildende dieser Kategorie. Laut Heiden könnten es inzwischen zu viele Orgelbauer sein: „Ich glaube, es gibt mehr von ihnen, als man vielleicht braucht. Es werden immer weniger Kirchenbesucher, das alles ist rückläufig.“ Und die Kundenzahl ist auf die Kirchen begrenzt, eine Orgel lässt sich schließlich schlecht unter den Arm klemmen.

Die Würzburger Orgelfirma „Vleugels“, für die Heiden arbeitet, hat 20 Mitarbeiter und ist in ganz Süddeutschland tätig. Gut für Heiden und Miltner, so sehen sie nebenbei besonders schöne Gegenden – wie die um den Hohen Peißenberg: „Das ist cool, wenn man rausguckt, hat man da das Alpenpanorama. Das ist schon was Besonderes“, sagt Heiden. Etwa zwei Wochen hat er noch, den Ausblick zu genießen. Gestimmt werden muss die Orgel dann erst wieder in einem Jahr, später nur noch alle zwei Jahre.

Sich die Orgelmusik anhören, das ist am 16. Oktober ab 16 Uhr möglich, wenn Orgelspieler Michael Hartmann aus München die Orgel einweiht. „Der ist super“, versichert Heiden. Wer weiß, vielleicht spielt er ja auch eine Vielzahl der Register – vermutlich nicht gerade den weihnachtlichen Zimbelstern. Aber vielleicht lässt er die Nachtigall zwitschern...

Die Wallfahrtskirche

wird am Sonntag, 16. Oktober, wiedereröffnet. Das Programm: 9.45 Uhr Aufstellung am Pröbstelsberg, 10 Uhr Kirchenzug, 10.30 Uhr Festgottesdienst und Segnung der Orgel mit Weihbischof Wolfgang Bischof, 16 Uhr Orgelkonzert mit Prof. Dr. Dr. Michael Hartmann.

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