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Der Bigben-Glockenturm in London mit der Union Jack.

Aktuelles Interview

Brexit - "Ich dachte, so ’ne verrückte Idee“

Penzberg - Der 64-jährige Martin Whittaker ist Engländer und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Mit der Heimatzeitung hat er über den "Brexit" gesprochen:

Update vom 23. Juni 2016: Wie das EU-Referendum ausgeht, steht morgen in der Früh fest. Wir berichten die gesamte Nacht über Live-Ticker vom Brexit.

Martin Whittaker ist in Wednesbury in England geboren und ging in Cambridge auf die Universität, um Deutsch und Französisch fürs Lehramt zu studieren. Mit seiner Familie kam er vor 46 Jahren nach Deutschland, inzwischen wohnt er in Penzberg und lehrt an der Gautinger Realschule. Er ist „ziemlich verdeutscht“, wie er sagt. Trotzdem verbindet ihn viel mit seinem Heimatland. Einen Austritt der Briten aus der EU hält der 64-Jährige für unnötig, wie er der Heimatzeitung verraten hat.

Herr Whittaker, stimmen Sie mit ab, wenn es um die „Brexit“-Entscheidung geht?

Da ich schon länger keinen Wohnsitz mehr in England habe und deshalb auch nicht wählen kann, stimme ich auch nicht beim „Brexit“ ab. Wobei ich mich ehrlich gesagt nicht erkundigt habe, ob ich theoretisch trotzdem abstimmen dürfte.

Wenn Sie abstimmen würden, wofür würden Sie sich entscheiden?

Ich würde in der EU bleiben wollen. Ich habe neulich ein schönes Argument gehört: „Man kann aus der EU austreten, man kann aber nicht aus Europa austreten.“ Ich war in so vielen Ländern, liebe das Globale und mit anderen Menschen zu tun zu haben. Als ich das mit dem „Brexit“ mitbekommen habe, dachte ich: „So ne verrückte Idee.“ Auszutreten könnte bedeuten, einen Schritt zurückzumachen. Der englische Staat denkt, er könnte so vielleicht wieder die Welt regieren, die Welt ist aber schon einen Schritt weiter. Ein Austritt würde mich traurig machen, ich glaube, es wäre ein Fehler.

Martin Whittakerhält den „Brexit“ für unnötig.     

Können Sie dennoch Aspekte der anderen Seite nachvollziehen?

Als ich etwas länger darüber nachgedacht habe, konnte ich es mir ein bisschen erklären. Denn ich bin ja selbst dort aufgewachsen. Und Einwanderung beispielsweise ist auch ein großes Thema in England. Die Menschen haben Angst, dass, wenn sie nicht aufpassen, drei Millionen Türken reinkommen. Das ist die Urangst vor Fremdem, dass die eigene Kultur untergehen könnte, die Einwanderer die Arbeitsplätze bekommen und Frauen vergewaltigen. Das ist im Grunde wie in Deutschland. Dass die Menschen aber derart überrollt werden, wird nicht passieren.

Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn pro „Brexit“ gestimmt wird?

Was genau sich verändert, steckt im Detail der anschließenden Verhandlungen. Denn das Land kann dann selbst bilaterale Verträge schließen und ist in seinen Entscheidungen nicht mehr von der EU abhängig. Der einzige Automatismus, den es dann noch gibt, ist der, dass die jetzigen Verträge nicht mehr wirksam sind.

Manche Experten vermuten, die Wirtschaft wird sehr unter einem „Brexit“ leiden. Glauben Sie das auch?

Ich habe vor kurzem mit einem Uni-Freund korrespondiert, der Schiffsmakler in London ist. Ich dachte, er würde sagen, England solle wegen der ökonomischen Vorteilen drinbleiben. Doch er meinte: Ne, ne, das sei weder so noch so besser. Die wirtschaftlichen Argumente seien auf beiden Seiten ausgeglichen. Man kann, glaube ich, also nicht sagen, dass Englands Wirtschaft dadurch untergehen wird.

Lesen Sie hier alle Infos zum Brexit im News-Ticker

Denken Sie denn darüber nach, sich einen deutschen Pass zuzulegen?

Nein, das sehe ich nicht als erforderlich an. Ich könnte zwar einen zweiten Pass bekommen, aber ich wollte immer nur einen haben, da ich immer noch dazu neige, wie ein Engländer zu denken, obwohl ich schon seit mehr als 40 Jahren hier bin. Außerdem glaube ich, dass durch den „Brexit“ kaum Nachteile für mich entstehen würden.

Das Interview führte Luca von Prittwitz

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