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Ein kongeniales Paar: Katalin Zsigmondy und August Zirner. 

Lesung aus den  Tagebüchern von Sofja und Leo Tolstoi

Ist das die Liebe?

Weilheim - Ein Ehepaar über ein Ehepaar: August Zirner und Katalin Zsigmondy lasen aus den Tagebüchern von Sofja und Leo Tolstoi.

 „Ich habe nicht gedacht, dass man so lieben kann. Ich bin von Sinnen! Ich liebe sie…“ – „Mit ihr zu leben ist eine einzige Qual. Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht, wie dieser Wahnsinn enden soll.“

Zwischen diesen Polen spielt sich eine fast 50-jährige Ehe ab, aus der 13 Kinder hervor gehen. Von der Zeit der ersten Verliebtheit eines 34-jährigen in eine gerade 18-jährige, bis zur verzweifelten Flucht des greisen Dichters Lew Tolstoi vor der Ehefrau, die er nicht mehr ertragen kann, künden Briefe und Tagebucheinträge. Aus diesen lässt sich die tragische, reale Liebesgeschichte, die den fiktionalen Verwirrungen in den Romanen Tolstois in nichts nachsteht, rekonstruieren und wiederum auf die Ebene der Literatur heben.

Dieser Bühnenfassung hat sich nun ein anderes prominentes Paar angenommen, das ebenfalls auf eine langjährige Ehe zurückschauen kann: August Zirner und Katalin Zsigmondy lassen Lew und Sofja Tolstoi bei ihrer szenischen Lesung im Weilheimer Stadttheater vor dem inneren Auge des Publikums erstehen. Es gelingt ihnen meisterlich, alle Lebensstationen von den ersten, zarten Liebesbanden über die vielen Kämpfe und Versöhnungen bis hin zum bitteren, unversöhnlichen Ende glaubhaft darzustellen – nur mit der Kraft ihrer wandlungsfähigen Stimmen und ihrer ausdrucksvollen Mimik.

Die fast 90 Minuten fliegen nur so vorüber. Die Zuschauer sind vom ersten bis zum letzten Moment gefangen. Umso bedauerlicher, dass das Stadttheater nur zu etwa zwei Dritteln besetzt ist; solch große Darstellerkunst wird hier nicht alle Tage geboten. Und insofern erstaunlich, als Zirner einer der bekanntesten Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler ist, dessen Namen man größere Zugkraft zugetraut hätte.

Dass die dort wesentlich weniger präsente Katalin Zsigmondy ihm in keiner Weise nachsteht, war die interessante Entdeckung des Abends. Da mag es vielleicht gewisse Parallelen zur geschilderten Ehe geben, auch wenn Zsigmondy ‚nur’ vier Kinder großzuziehen hatte.

Doch zu den Tolstois: Die junge Sofja sucht nach einem Lebenssinn, der über das Dasein als Ehefrau und Mutter hinaus geht. Zeitweilig findet sie diesen, indem sie die Romane ihres Mannes abschreibt. Doch mit jeder neuen Schwangerschaft wird sie mehr an die Rolle gefesselt, die sie nicht ausfüllt, bis sie resigniert. Tolstoi schwankt permanent zwischen Glücksgefühlen gegenüber der stetig wachsenden Familie und Ausbruchsgedanken: „Ich kann nicht arbeiten!“ Das tiefe Zerwürfnis zwischen dem Paar entsteht schließlich dadurch, dass der adlige und gut verdienende Schriftsteller in einer Mischung aus christlichen und kommunistischen Überzeugungen seinen Reichtum an Bedürftige verschenken möchte: „Wir sind doch alle Brüder!“ Seine Frau kontert: „Ich verschenke nichts!“ und verweist auf die Erziehung und Ausstattung der vielen Kinder.

Die bittere Erkenntnis des alten Tolstoi lautet: „Männer scheffeln Geld, Frauen geben es aus. Frauen sind die Triebkraft von allem. Alles wird im Bett entschieden…“ Sofja beklagt sich: „Mich braucht er nur nachts, tags nicht!“ und wird krank vor Eifersucht, als ihr Mann seine Arbeit mehr und mehr mit seinem Freund Wladimir Stassow bespricht und sie damit ausschließt. Sie verbietet ihm den Umgang. Er droht, sie zu verlassen. „Dann bringe ich mich um!“

Ein Teufelskreis, dem sich der 82-Jährige schließlich durch Flucht entzieht. Als sein Leben bald darauf zu Ende geht, wird es Sofja verwehrt, ihren Mann noch einmal zu sehen. Große, tiefe Emotion auf der Bühne. Umso schöner, ein völlig entspannt und glücklich wirkendes Ehepaar Zsigmondy-Zirner hernach beim russischen Buffet zu erleben, zu dem alle Theaterbesucher eingeladen waren.

Sabine Näher

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