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Ein Mann, der viel hinter sich hat: Der 95-jährige Vinzenz Weber kann auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Die vielen Bäume, die den Weg von Weilheim in Richtung Gut Dietlhofen säumen, hat er einst selbst gepflanzt.

Vinzenz Weber (95), der "Bienenweber", im Porträt

Als wäre es gestern gewesen

Dietlhofen/Weilheim - Wenn Vinzenz Weber aus Dietlhofen erzählt, wird Geschichte lebendig. Ein Einblick in das, was der 95-Jährige erlebt und erreicht hat:

Unten ist die Lage ruhig. Es ist etwa 12 Uhr mittags und nicht eine Welle wölbt die Wasseroberfläche. So gesehen ist der 28. Juni 1942 ein ruhiger Tag – würde nur das Wetter eine Rolle spielen. 300 Meter in der Luft über dem Mittelmeer schweben aber vier Leben in Gefahr: das von Vinzenz Weber und seiner drei Kriegskameraden. Über der Syrte, einer Bucht im Norden Afrikas, werden die jungen Soldaten, alle um die 20 Jahre alt, angegriffen. Und das in einem nur leicht bewaffneten Beobachtungs-Flugzeug. Sie sollen während des Afrika-Feldzuges nach den U-Booten des Feinds Großbritannien Ausschau halten.

Die Schmerzen spürte er nicht

„Auf einmal waren da Punkte am Himmel“, erinnert sich der heute 95-jährige Vinzenz Weber. Der Bordfunker saß im hinteren Bereich des kleinen Fliegers und blickte entgegen der Flugrichtung. Es waren Leuchtspurgeschosse, die in enormer Geschwindigkeit auf ihn zurasten. „Pass auf, wir werden angegriffen!“, rief er dem Flugzeugführer zu und meldete der Einsatzleitung mithilfe des Morse-Alphabets den Standort der Maschine. Ein Geschoss traf einen Tragflügel, ein anderes Webers Oberschenkel. Nicht mehr lange und der brennende Flügel würde Flugzeug samt Crew in die Tiefe stürzen lassen. Das wusste auch der Flugzeugführer, ein laut Weber sehr erfahrener Pilot der Lufthansa. Auf dessen Kommando warf der Bordfunker das Dach ab, wodurch die Flammen auf das Innere des Flugzeugs (eine Ju 88) übergriffen. Weber holte sich von Kopf bis zum Bauch Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Das alles spürte er nicht. Das Flugzeug kippte nach links zur Seite. Wie ein Messer tauchte es senkrecht in die Meeresoberfläche ein. Hätte der Pilot nicht so klug gehandelt, „wären wir beim Aufkommen auf dem Wasser zerschellt“, ist sich Weber sicher. Nacheinander tauchten alle vier Köpfe aus dem Wasser auf, dann retteten sich die Soldaten mühevoll auf ein Schlauchboot. Dort warteten sie sechs Stunden lang, bis ein italienisches Kriegsschiff sie rettete, das von der Staffel in Sizilien verständigt worden war.

Mit 18 Jahren in den Krieg

Vinzenz Weber ist zwar schon 95 und der zweite Weltkrieg mehr als 70 Jahre her, doch die Erlebnisse aus dieser Zeit vergisst er nicht. Auch die Wände im Keller seines Anwesens in Dietlhofen sind voller Erinnerungen daran: Eine goldene, silberne und bronzene Frontflugspange für Fernaufklärer, zwei eiserne Kreuze, ein schwarzes Verwundetenabzeichen und einige weitere Kriegsehrungen und Urkunden hängen dort. Wie viele andere junge Männer war auch er Mitglied der Hitlerjugend und ging zum Reichsarbeitsdienst, bevor er den Wehrdienst antrat. Damals war er 18 Jahre alt. „Wir waren total begeistert und motiviert, in den Krieg zu ziehen“, weiß er noch. Er und seine Kameraden waren enttäuscht, als Deutschland den Krieg verlor. Es war ihnen immer darum gegangen, alles richtig zu machen. Das tragische Ausmaß wurde ihnen erst später bewusst.

Seine Kindheit verbrachte Weber, der am 15. Mai 1921 auf die Welt kam, bis zum siebten Schuljahr in Wielenbach. Später zog er mit der Mutter ins Höckhaus nach Weilheim. Er hatte drei ältere Schwestern und einen älteren Bruder und war erst 14 Jahre alt, als sein Vater starb.

Das Ergebnis: Ein Mitläufer.

Nach der Kapitulation Deutschlands 1945 war er ein halbes Jahr in holländischer Gefangenschaft, bis er wieder nach Hause zu seiner Mutter konnte und seinem eigentlichen Beruf, dem eines Fernmeldehandwerkers bei der Post, nachkommen konnte. Wie viele andere deutsche Soldaten musste er einen langen Fragebogen zum Nationalsozialismus ausfüllen. „,Mitläufer‘ stand da am Ende als Ergebnis“, erinnert er sich. Als er nach seiner Entlassung in einem Zug von Holland über Rosenheim nach Garmisch fuhr, zogen die Bilder von zerstörten Städten und Dörfern an den Fenstern vorbei. In Weber kam Unruhe auf. Was, wenn es auch Weilheim und das Haus seiner Mutter getroffen hat? Doch er fand sie in einer Mühle in Wielenbach. „Mei Bua!“, sagte sie nur und schloss ihren Sohn fest in die Arme.

Mit einem zittrigen Zeigefinger streicht sich Weber senkrecht über sein rechtes und linkes Augenlid. Es sind die Tränen von damals, die er nachzeichnet. Gefühle beschreibt der Mann mit den dunklen Augen, deren Pupillen man kaum ausmachen kann, nicht so gern ausführlich.

Wie Weber zum "Bienenweber" wurde

Wenn er an das Kennenlernen seiner Frau Eva Christa zurückdenkt, muss er schmunzeln. Sie war im Krieg Aufseherin in einem Mädchencamp, in dem rekrutierte Mädchen untergebracht waren. Weber sollte als Offizier prüfen, ob die Mädchen heimlich Besuch von Soldaten bekamen. Am Ende war er es, der die ganze Nacht lang mit zwei Mädchen und seiner Zukünftigen zusammensaß. Nach dem Krieg heiratete das Paar in einer Gaststätte an der Waisenhausstraße in Weilheim und bekam Sohn Sigbert. Dessen durch Überhitzung im Brutkasten verursachte Behinderung war der Auslöser dafür, dass Weber Imker wurde und deshalb auch als der „Bienenweber“ bekannt ist. Medikamente waren Mangelware. Honig, sagte ein Arzt, könne man dem Bub aber auch geben. Es war eine schmerzhafte und anstrengende Zeit für die Webers. „Beim Fahrradfahren zitterten immer meine Knie“, kann er sich erinnern. Mit vier Jahren starb Webers Sohn.

Webers Imker-Leidenschaft lebte nach dem Verlust jedoch weiter. Irgendwann kannte er sich so gut aus, dass er in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern für Vorträge gebucht wurde und ihn Imker aufsuchten, um nach Rat zu fragen. Er wusste so viel über Bienenvölker, von denen er zwischenzeitlich 100 besaß, dass er Fachberater für Bienenzucht des Bezirks Oberbayern wurde. Bis zum 85. Lebensjahr war er darüber hinaus Sachverständiger für Bienenzucht der Regierung.

Weber und seine Frau wollten nicht kinderlos bleiben und bekamen nach dem Tod ihres Sohnes noch zwei Kinder, die ihm bis heute in seinem paradiesischen Garten helfen, den der Naturfreund inklusive des Hauses selbst geschaffen hat. Auch die Allee, die Dietlhofen schmückt, stammt von Vinzenz Weber. Die Bäume pflanzte er, kurz nachdem er nach dem Krieg sein Grundstück, das damals noch eine Kiesgrube war, in der Nähe des Dietlhofer Sees erworben hatte.

Webers Botschaft an die Menschen

Unterhält man sich mit Weber über heutige gesellschaftliche Ereignisse, kommt er beispielsweise auf die Gewaltausbrüche von Hooligans während der Fußball-EM zu sprechen. „Fußball hat doch eigentlich etwas mit Freundschaft zu tun.“ Seine Stimme ist altersbedingt schon etwas brüchig, doch wenn es um Gewalt und Kriege geht, scheint sie noch ein bisschen dünner zu werden. „Jeder sollte aus den Kriegen eine Lehre ziehen. So etwas Furchtbares darf nicht nochmal passieren.“ Wenn es etwas gäbe, womit der 95-Jährige das Leben der Menschen nach ihm beeinflussen könnte, täte er dies mit folgenden Worten: „Die Menschheit muss lernen, endlich Frieden zu wahren und wissen: Leben ist ein Geschenk.“

 

von Luca von Prittwitz

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