Arbeitsplatz „Stadttheater“: Nach „Mutter Courage“ (2002) und „Die Physiker“ (2007) inszeniert Celino Bleiweiß heuer „Gespenster“ in Weilheim. Morgen ist Premiere. foto: Rr
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Arbeitsplatz „Stadttheater“: Nach „Mutter Courage“ (2002) und „Die Physiker“ (2007) inszeniert Celino Bleiweiß heuer „Gespenster“ in Weilheim. Morgen ist Premiere. 

Regisseur der Weilheimer Festspiele

Celino Bleißweiß und sein unglaubliches Leben

Weilheim - Celino Bleiweiß , Regisseur der Weilheimer Festspiele, kennt erst seit kurzem seinen Geburtstag. Das Porträt eines ungewöhnlichen Mannes: 

Wie viel kann sich verändern im Leben eines Mannes um die 70? Im Falle von Celino Bleiweiß, der bei den Weilheimer Festspielen gerade Henrik Ibsens „Gespenster“ inszeniert, heißt die richtige Antwort: alles. Selbst das Geburtsdatum des Regisseurs hat sich geändert, seit er zuletzt in Weilheim wirkte. Als er 2007 „Die Physiker“ ins Stadttheater brachte, war er 68. Heute, acht Jahre später, ist er 78. Grund dafür ist kein Rechenfehler, sondern eine unglaubliche Lebensgeschichte – die Bleiweiß selbst in Teilen erst als „Ü 70“ erfuhr. Die ARD hat sie Ende 2014 in einem 84-minütigen Fernsehfilm mit dem Titel „Das geschenkte Leben“ dokumentiert. Auch die BR-Reihe „Lebenslinien“ hat Bleiweiß’ bewegende Geschichte vor einem halben Jahr erzählt: „Der rettende Name“ hieß sie dort, sie ist in der Mediathek des Senders noch abrufbar.  Zu sehen ist darin ein Mann, der eigentlich Mechl Feiler heißt, am 4. Januar 1937 in Südost-Polen zur Welt kam, aber bis vor kurzem seinen Geburtstag nicht wusste. Seine polnisch-jüdischen Eltern wurden wohl im September ’39 beim Massaker von Przemysl ermordet. Um Mechl davor zu bewahren, hatte ihn seine Mutter kurz zuvor einem Fremden anvertraut. Den Kleinen rettete, dass ein Überlebender namens Richard Szaja gefälschte amerikanische Pässe für Frau und Tochter besaß – die ebenfalls von Deutschen hingerichtet wurden. Aus dem Mädchennamen „Celina“ im Pass wurde „Celino“, der Junge übernahm damit auch das Geburtsdatum 30. November 1938. Szaja und Mechls ältere Cousine Sarah gaben sich fortan als seine Eltern aus. Die neue, kleine Familie hieß „Bleiweiß“, sie überstand ein Sonderlager des KZ Bergen-Belsen und im April 1945 eine qualvolle Zug-Odyssee quer durch Deutschland, bis russische Soldaten die 2000 Insassen im brandenburgischen Tröbitz befreiten.

Die wahren Identitäten blieben auch ein Geheimnis, als die Familie Bleiweiß in Brandenburg ein neues Leben begann und 1949 nach Dresden zog. „Ich bin ja so gern in die Schule gegangen“, blickt der heute 78-Jährige zurück, „das war eine wunderbare Zeit für mich.“ Bildung sog der junge Celino auf, und oft ging er ins Theater. Doch ein Berufsziel fiel ihm nicht ein, als er am Ende der Schulzeit in der DDR ein Formular ausfüllen sollte. Erst ein Lehrer brachte ihn auf die Spur „Regisseur“: „Du hast doch Leidenschaft fürs Theater, und du bist ein Bestimmer...“. Längst weiß der Regisseur: „Ich hatte zum Glück den richtigen Lehrer.“

Ab 1957 studierte Bleiweiß an der Filmhochschule in Babelsberg, als Spitzen-Absolvent war er 1962 für eine Karriere bei der DEFA, der volkseigenen Deutsche Film AG, vorgesehen. Allein: Die Nachwuchshoffnung wollte nicht der SED beitreten. „Immer kam die Frage nach der Partei, immer habe ich ,nein’ gesagt.“ Die Folge: Neun Jahre musste sich Bleiweiß bis zu seinem ersten Kinofilm (die Andersen- Verfilmung „Der kleine und der große Klaus“) gedulden, in der Zwischenzeit von ihm selbst wenig geliebte TV-Reihen inszenieren. Und doch wurde er so etwas wie ein Star, gerühmt für seine Literaturverfilmungen.

Aus der DDR aber wollte er „immer nur raus“. Die erste Reise nach Israel, die ihm genehmigt wurde, nutzte er 1983 zur Flucht in die Bundesrepublik. Frau und Tochter durften ihm ein halbes Jahr später folgen. Wenngleich er als Regisseur im Westen „nicht mehr Bundesliga“ spielte, wie Bleiweiß bekennt, war er gut im Geschäft, beteiligt etwa an „Der Bergdoktor“ und „Anna Maria – Eine Frau geht ihren Weg“, zwei der erfolgreichsten Sat1- Serien der 90er Jahre. Regie-Träume haben sich für Bleiweiß, der auch Dozent an der Bayerischen Theaterakademie ist und seit 20 Jahren in Otterfing lebt, nicht erfüllt – gearbeitet hat er dennoch viel und gern: „Immer, wenn ich inszeniere, vergesse ich alles drumherum und bin glücklich.“ Auch die Vergangenheit lässt der Regisseur gern vergangen sein. Doch nach der Scheidung von der Schauspielerin Monika Woytowicz trat nicht nur radikal Neues, sondern auch Vergangenes mit Macht in sein Leben. Die neue Partnerin, Israelin und Professorin für deutsche Geschichte in Tel Aviv, mit der er nun „ein geteiltes Leben zwischen Israel und Deutschland“ führt, hat vor wenigen Jahren „völlig unerwartet“ einen Onkel von Bleiweiß in Israel entdeckt – und damit einen verlorenen Teil seiner Biografie. Bis dato davon überzeugt, dass kein Familienmitglied überlebt habe, hat der 78- Jährige plötzlich „eine Großverwandtschaft mit 30 Leuten“ in Israel. Und wurde mit einer Wärme aufgenommen, die Bleiweiß wieder nur so begreifen kann: als Geschenk.

-Magnus Reitinger-

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