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Zweifacher Adoptivvater und Ex-Kripokommissar: Carlos Benede kam über Umwege in den Polizeidienst und arbeitete dort im Opferschutz. Heute leitet er das Jugendhilfeheim „Weitblick“.

Weilheimer Glaubensfragen

Dort anfangen, wo andere aufhören

Weilheim - Carlos Benede war früher als Kommissar beim Opferschutz engagiert, über die Arbeit wurde er Adoptivvater. In der Reihe "Weilheimer Glaubensfragen" erzählte er.

Zu der vierten Veranstaltung in der Reihe „Weilheimer Glaubensfragen“ war am Dienstagabend ein Mann mit einer außergewöhnlichen Biografie zu Gast. Über das Thema „Gutsein an den Grenzen – Barmherzigkeit erfahren und weitergeben“ referierte Carlos Benede. Er stellte den wieder zahlreich erschienenen Zuhörern seine ungewöhnlich verlaufene Lebensgeschichte vor. Ungewöhnlich für ihn aber nur in den Augen der anderen. Denn der ehemalige Kriminalkommissar für die Abteilung Opferschutz und zweifacher Adoptivvater stellte gleich in seinem ersten Satz klar: „Es gibt nicht nur einen Carlos“. Benede wollte an diesem Abend eine Lanze brechen für alle Pflege- und Adoptivfamilien, für alle Helfer, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern, die in irgendeiner Art Gewalt in ihrem Leben erfahren haben.

Schon mit drei Jahren kam Benede in das katholische Kinderheim der „Dillinger Franziskanerinnen“. Gut habe er es dort gehabt. „Die Nonnen waren ihrer Zeit weit voraus“, erinnerte sich Benede. Nach einer Lehre als Schuhverkäufer stellte er sich die Frage, ob das alles sei für das restliche Leben. Es folgten Abendschule, Fachabitur, Studium der Sozialpädagogik, Arbeit als Erzieher. Durch Zufall kam er zum Polizeidienst, wo er als Kriminalkommissar arbeitete und sehr engagiert im Opferschutz war. „Das war damals zunächst ein eher belächelter Bereich“, erklärte er. „Kuschelkommissare“ wurden er und seine Kollegen genannt. Aber im Laufe der Jahre stellte sich die Wichtigkeit dieses Bereichs vor allem in Hinsicht auf Kinder und Jugendliche heraus. Und im Rahmen seiner Arbeit musste er sich dann auch vor 15 Jahren um einen elfjährigen Jungen kümmern. Mit einfachen, aber drastischen Worten schilderte Benede das Schicksal dieses Jungen, dessen Mutter getötet wurde. Der Junge blieb bei Benede. Eine Adoption erfolgte. Geplant war das nicht, eher eine spontane Entscheidung. Aber eine, die Benede nicht bereut. Auch wenn er sich als damaliger Single zunächst kein Kind hatte vorstellen können. Auf die Frage eins Zuhörers erklärte er, dass man auch als unverheirateter Mensch mit einer Vorbildung als Sozialpädagoge und Erzieher eine Bewilligung zur Adoption erhalten kann. Und es blieb nicht bei diesem einen Jungen. Zwei Jahre später holte Benede sich einen schwer traumatisierten Dreijährigen in sein Haus. Kein Jugendamt fühlte sich damals zuständig. Und so blieb der Junge – dann auch als ein „Benede“.

Aber der Kriminalkommissar ging noch einen Schritt weiter. Im Kopf hatte er immer die jungen Menschen, die auf Grund ihrer Vorgeschichte „durch das System fallen“.

Junge Menschen, mit denen niemand mehr klar kommt, die in unterschiedlichen Einrichtungen waren und die keiner mehr nehmen will. „Wir wollten dort anfangen, wo andere aufhören“, erklärte Benede. Mit „wir“ meinte er seinen langjährigen Freund Siegfried Hofer, Sozialpädagoge und Erzieher. Die beiden gründeten 2012 das Jugendhilfeheim „Weitblick“ in einem ehemaligen Hotel in Dachau. Zielgruppe in dieser offenen Einrichtung sind Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Es sind die Gestrandeten, die Vollwaisen, die Traumatisierten, die dort ankommen. „Sie dürfen ankommen. Einfach da sein“, sagte Hofer in seiner anschließenden kurzen Rede.

Auf die Frage eines Zuhörers, wie man mit diesen Jugendlichen denn überhaupt umzugehen habe, gab Hofer eine ganz simple und klare Antwort: „Es klingt so banal. Aber es ist die Authentizität. Man darf keine Rolle spielen“. Dort in der Einrichtung „Weitblick“ nimmt man sich Zeit für diese Jugendlichen. Aggressionen werden in einem Kraftraum abgebaut. Und Vertrauen ist ausschlaggebend. Dieses aufzubauen sei ein langer Prozess, den man aushalten können muss, so Hofer.

Und eines ist noch wichtig im „Weitblick“: Ohne Humor geht gar nichts.

Regina Wahl-Geiger

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