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Schön wie im Film: Harmating, ein idyllischer Weiler im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Das ZDF dreht hier gerade eine Komödie, die den Dorf-Alltag durcheinander bringt. 

ZDF dreht in Harmating

Ein Dorf wird Kulisse

Harmating - Ein Investor will eine Luxus-Wellness-Oase bauen. Er bietet den Bewohnern eines Weilers Millionen von Euro dafür, dass sie ihre Heimat aufgeben. Im oberbayerischen Harmating spielt das ZDF diese Idee mal durch – als Film. Und alle Einheimischen machen mit. Ganz Harmating ist gerade Kulisse. Ein Besuch.

Oh, wie schön ist Harmating! Der Weiler im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen verdient das Prädikat besonders wertvoll. Da ist das Wirtshaus mit Biergarten, die Kapelle St. Leonhard, ein paar Bauernhäuser mit Rosengärten, und über allem thronend das efeubewachsene Schloss. Wer hier zufällig durchkommt, der denkt: Hoffentlich spricht es sich nicht herum, wie romantisch es hier ist, sonst ist es mit der Ruhe bald vorbei.

Dahoam in Harmating 1: Annelies Wiedenbauer-Schmidt und Ehemann Herbert vor ihrem Haus. Tisch und Bank sind original, Fensterläden und Vasen Filmrequisiten. 

Zu spät! Das Fernsehen ist längst auf die kleine Idylle aufmerksam geworden. Bis zum 20. Oktober dreht das ZDF zwischen den Moränenhügeln eine Komödie. Es geht darum, ob die Dorfbewohner das unmoralische Angebot eines reichen Investors annehmen. Sie sollen wegziehen, damit an Ort und Stelle eine Wellness-Oase für Superreiche entstehen kann. Ein kleiner Beitrag zum großen Thema Gentrifizierung also. In München hat die Verdrängung der Alteingesessenen schon ganze Stadtteile erfasst. Und jetzt soll Harmating dran sein?

Die etwa 50 Einwohner empfinden den Filmdreh als nette Abwechslung in ihrem ländlichen Alltag. Bis auf den Schlossherrn machen alle mit und räumen ihre Küchen, Wohnzimmer oder gleich das ganze Haus aus, damit sich Kameraleute, Toningenieure und Schauspieler breit machen können. Und eine kleine Entschädigung kriegen sie auch dafür, dass sie Haus und Hof zur Verfügung stellen. Angeblich ist es ein ganzer Batzen Geld. Ein bisschen hat die Gentrifizierung das Dorf also schon erfasst, wenn auch nur zeitweise. Der Mann, der das alles möglich gemacht hat, hat schon den Spitznamen „Unser Wohltäter“.

Dieser Wohltäter ist Christian Jeltsch, 58, Autor und Einheimischer in Personalunion. Der gebürtige Kölner hat für das Fernsehen viele Krimis geschrieben. Seine Tatort- und Polizeinotruf-Folgen haben den Deutschen an so manchem Sonntagabend das Gruseln beigebracht. Seit mehr als zehn Jahren lebt Jeltsch in dem Nachbarweiler von Harmating, in Reichertshausen. Dort ist er in die Dorfgemeinschaft bestens integriert, er hat sogar beim Kampf gegen eine ungeliebte Trocknungsanlage mitgeholfen.

Die Idee, Harmating zum Schauplatz eines Films zu machen, kam ihm beim Joggen mit seinen beiden Hunden. Weil Harmating auf einem Hügel liegt, muss Jeltsch bergauf öfter eine Verschnaufpause einlegen. Dabei hat er Blick auf das verträumte Ensemble. „Irgendwann dachte ich mir, wie es wäre, wenn das alles verloren ginge“, erzählt er.

Im Film heißt Harmating „Gendering“

Klappe die Fünfte. Bis 20. Oktober wird in dem Weiler, der zu Egling gehört, gedreht.

So entwickelte sich in seinem Kopf nach und nach die Geschichte von dem reichen Investor, der mit seinem dubiosen Angebot dem Dorf eine Zerreißprobe beschert. Die Frauen wollen es annehmen, um sich endlich mal ein bisschen was zu leisten, die Männer wollen bleiben. So entwickelt sich ein Geschlechterkampf, bei dem mit allen Mitteln gearbeitet wird. Konsequenterweise heißt Harmating im Film „Gendering“. Da klingt Gender an – Englisch für Geschlecht. Der Arbeitstitel des Films lautet: „Wenn Frauen ausziehen“. Am liebsten wäre es dem Autor, wenn der Film mit englischem Humor daher kommt. „Das ist mir lieber als Schenkelklopfer.“

Annelies Wiedenbauer-Schmidt und ihrem Mann Herbert Schmidt haben die Postadresse Harmating 1. Sie freuen sich, dass in ihrem kleinen Weiler, der zur Gemeinde Egling gehört, gerade gedreht wird. „Ich finde es immer gut, wenn sich was rührt“, sagt die Homöopathin und Grünen-Kreisrätin. Sie hätte auch mitgemacht, wenn es kein Geld gegeben hätte. In diesen Tagen stehen im Flur ihres Bauernhauses Requisiten herum, Vasen, Decken, Stühle. „Jetzt liegt es ausnahmsweise nicht an mir, wenn es gschlampert ausschaut“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Witzig findet sie, dass ausgerechnet in ihrem Haus die Frauen ihre „Trotzburg“ errichten. Denn: „Bei uns im Haus haben schon etliche konspirative Sitzungen stattgefunden. Wir haben uns überlegt, wie man den Irak-Krieg verhindern kann.“ Auch in ihrem geliebten Garten hat sich einiges getan, die Tomatensträucher mussten weichen, und neuerdings haben die Fenster im Erdgeschoss wieder Fensterläden, das Filmteam will es so.

Annelies Wiedenbauer-Schmidt und ihr Mann werden ihr Haus den Filmleuten sogar für eine Weile ganz überlassen. Ein oder mehrere Nächte suchen sie sich ein anderes Dach über dem Kopf. Wo? Das wissen sie jetzt noch nicht so genau. „Freunde, Verwandte, irgendwo“, sagt Wiedenbauer-Schmidt. Auf das Angebot der Crew, in einem Hotel zu übernachten, sind sie nicht eingegangen. „Unser soziales Netz wird uns schon auffangen“, sagt sie.

Beim Dreh wir im Film: Die Wirtschaft als Mittelpunkt

Beherbergt im Film die Post von Harmating: Josef Riedl vor seinem Haus.

Der Mittelpunkt jedes Dorflebens ist natürlich die Wirtschaft. Logisch, dass im Film der jungen Wirtin Paula, die von Anna Maria Mühe gespielt wird, eine Schlüsselrolle im Geschlechterkrieg zufällt. Im echten Leben gehört die Tafernwirtschaft Hans Holzheu, 50, und seiner Frau Edith, 48, Postadresse Harmating 10. Holzheu nimmt es gelassen, dass momentan in seinem Haus extrem viel Betrieb ist. „Das passt schon, das ist eine nette Truppe.“ Fünf Wochen dient die Wirtschaft der Fernsehcrew als Stützpunkt, drei davon bleibt seine Wirtschaft geschlossen. Wenn gedreht wird, zieht er sich in den ersten Stock des Hauses zurück. Dort wohnt er. „Da will man nicht stören.“ Und eins steht für ihn jetzt schon fest: Die Stube, die die Filmleute blau gestrichen haben, kriegt wieder eine weiße Farbe, wie vorher. „Es hat ein paar gegeben, die gesagt haben, lass doch das Blau. Aber ich mag Weiß lieber.“

Ein bisschen beunruhigt ist Holzheu, dass seine kleine, gemütliche Wirtschaft wegen des Films plötzlich von Schaulustigen überrannt wird. „So wie es ist, passt es doch wunderbar“, sagt er. „Wir sind eine Brotzeitwirtschaft und wollen es auch bleiben. Warmes Essen gibt es nur Sonntagmittag.“ Filmruhm hin, Filmruhm her. Nach dem Dreh soll wieder Alltag einkehren.

Die Post im Wohnhaus

Der Wirt von Harmating: Hans Holzheu. Er schließt sein Wirtshaus drei Wochen.

Nur eine vorübergehende Erscheinung waren die Fernsehleute für Josef Riedl und seine Frau Rosemarie, Postadresse Harmating 2. „Sie waren einen halben Tag da, dann waren sie wieder weg“, erzählt er. Auch er hat einen guten Eindruck vom Team: „Ganz umgänglich, absolut in Ordnung“, sagt er. Im Flur im Erdgeschoss war die Harmatinger Post untergebracht – die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, die nächste Postfiliale findet man erst ein Dorf weiter in Ascholding. Und in der Waschküche spielten die Männer im Film Poker, an der Wand hing ein Poster mit einem Hawaii-Motiv und unbekleideten Frauen. Gestaunt hat er darüber, dass gewisse Stellen auf den Postern abgeklebt waren. „Ich wusste gar nicht, dass das ZDF so prüde sagt“, sagt er mit einem Lächeln.

Auch Daniela Hainz, 40, die unter der Postadresse Harmating 3 zusammen mit ihrem Mann Nikolaus einen uralten Bauernhof betreibt, lässt das Filmteam in den nächsten Tagen in ihre Küche. „Ein bisschen ein komisches Gefühl ist es schon“, sagt sie. Auf der anderen Seite hatte sie auch in der Vergangenheit manchmal Filmteams zu Gast und noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. „Wir im Dorf haben dann halt einfach beschlossen, dass wir das durchziehen.“ Vor allem ihre Kinder sind begeistert von dem Trubel. Sie fahren mit dem Radl den jeweiligen Drehorten immer hinterher. „Für die ist das eine Riesengaudi.“

Und was, wenn jetzt die Filmhandlung Wirklichkeit wird? Wenn ein Investor kommt und ihr viele Millionen dafür bietet, dass sie mit ihrer Familie verschwindet und irgendwo anders ein sorgenloses Leben genießt? Die Antwort kommt schnell: „Das kommt für mich nicht infrage“, sagt sie. „Dafür bin ich viel zu heimatverbunden.“

Harmating im Fernsehen: Der Film soll im Herbst 2017 im ZDF ausgestrahlt werden.

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