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Die Insolvenz der Pleite Sieber beschreibt Insolvenzverwalter Dr. Hingerl als Folge totalen Behördenversagens.

Insolvente Großmetzgerei Sieber

Neue Attacken des Insolvenzverwalters

Geretsried - Der Insolvenzverwalter der Großmetzgerei Sieber, Dr. Josef Hingerl, hat seinen Ton noch einmal verschärft. In seiner Pressemitteilung stellt er die Affäre als ein großes Behördenversagen dar.

Drei Seiten umfasst das Schreiben, das der Hingerl, Insolvenzverwalter der Firma Sieber, am Donnerstag verschickt hat. Sie sind vollgepackt mit Vorhaltungen gegen nahezu alle Behörden, die für den Produktions- und Vertriebsstopp der Großmetzgerei und die nachfolgende Insolvenz verantwortlich waren. Die Rede ist von Fehlerketten, Drohungen und rechtswidrigen Entscheidungen. Die Folge, so Hingerl: Die Schließung eines Traditionsunternehmens, der Verlust von 120 Arbeitsplätzen, die Vernichtung von 120 Tonnen völlig unbedenklicher Ware.

Fehlte die Rückendeckung des Robert-Koch-Instituts?

Tatsache ist: Die Behörden hatten sich stets auf das Robert Koch-Institut berufen, das einen Zusammenhang zwischen dem auf Sieber-Produkten gefundenen Listerienstamm und einer Erkrankungswelle in Süddeutschland als „wahrscheinlich“ bezeichnet hatte. Darauf gestützt, warnte das Verbraucherschutzministerium Ende Juni vor dem Verzehr sämtlicher, wohlgemerkt sämtlicher Sieber-Waren. Hier hakt Hingerl ein. Er zitiert aus einer E-Mail des Robert Koch-Instituts vom 31. Mai, in dem es heißt: „Wir bitten Sie, von dieser Formulierung abzusehen... Wir möchten darüber hinaus auch klarstellen, dass das RKI (Robert Koch-Institut, Anmerkung der Redaktion) keine umfassende Risikobewertung in der Angelegenheit durchgeführt hat und dafür auch nicht zuständig ist.“ Hingerl schlussfolgert, dass die bundesweite Warnung vor sämtlichen 200 Sieber-Produkten, von der sich die Firma eigentlich nicht mehr erholen konnte, ohne Rückendeckung der Wissenschaftler erfolgt sei. Mindestens die nachpasteurisierte Ware, die laut Hingerl 50 Prozent der Produkte ausgemacht habe, hätte davon ausgenommen werden müssen. Sie ist laut Hingerl völlig unbedenklich, weil sie in der Verpackung ein zweites Mal erhitzt wurde und daher garantiert keimfrei ist.

Ein Behördenchef soll dem Ex-Eigentümer massiv gedroht haben

Darüber hinaus soll es laut Hingerl drei „untaugliche Fehlversuche von höchster Instanz“ gegeben haben, Sieber zu schließen. Den ersten hatte der Jurist schon in der jüngsten Pressemitteilung öffentlich gemacht, wonach eine Taskforce des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Geretsried aufgetaucht sei, und zwar mit dem festen und ausdrücklichen Vorsatz, einen Anlass für die Schließung zu finden – vergeblich. Neu ist die Behauptung von Hingerl, dass am Abend desselben Tages der Präsident des LGL, Dr. Andreas Zapf, bei dem Sieber-Besitzer, Dietmar Schach, angerufen habe, um ihn dazu zu drängen, die Ware freiwillig zurückzunehmen. Andernfalls würde der Betrieb geschlossen. „Er meinte, die Presse werde ihn sowieso fertig machen“, so Hingerl. Hätte Schach dieser Drohung nachgegeben, hätte er sich selbst den Todessstoß versetzt. Später habe auch noch ein Ministerialdirigent angerufen, um Schach zu einer Rückholaktion zu bewegen. Wieder blieb Schach hart.

Auch das Landratsamt kommt nicht gut weg

Das Tölzer Landratsamt hat nach Ansicht von Hingerl in der Affäre lediglich „formal mitgewirkt“. Die Behörde sei offenbar gezwungen gewesen, die falsche Entscheidung von höherer Ebene zu verteidigen. Ungeheuerlich findet der Jurist allerdings die Aussage der Behörde, ein Nachpasteurisieren der Waren habe auf dem Gelände an der Böhmerwaldstraße nach den vorliegenden Erkenntnissen nicht stattgefunden. Dass dem so ist, hätte „jeder Laie, der sich in den Betrieb begibt, sofort feststellen können“. Schlussfolgerung Hingerl: „Offenbar muss jetzt das eigene Fehlverhalten kaschiert werden.“

Der Gesamtschaden liegt bei zehn Millionen Euro

Der Insolvenzverwalter bezeichnet es als seine Aufgabe, für die geschädigten Gläubiger eine Befriedigung ihrer Forderungen zu erhalten. „Der durch rechtswidriges Handeln entstandene Schaden liegt bei zehn Millionen Euro“, so Hingerl. Die Sicherung des Unternehmens könne gelingen, wenn der Freistaat eine Million Euro als Schadenausgleich beisteuert, ebenso eine Bürgschaft über zwei Millionen Euro. All das unter Vorbehalt einer Zustimmung der Gläubiger. Seine Einwilligung müsste auch der ehemalige Eigentümer Dietmar Schach geben. Er hat einen Schaden von fünf Millionen Euro erlitten. „Er bleibt ruiniert“, so Hingerl. „Nur die Arbeitsplätze wären gesichert.“

Ein Anruf könnte das Unternehmen retten, meint Hingerl

Hingerl fordert die Behörden mit Nachdruck auf, seinem Insolvenzplan zuzustimmen. „So könnte mit den geringsten Mitteln Lösungen gefunden werden, die heute sämtlichen Beteiligten helfen, den großen Schaden begrenzen und einen jahrelangen Rechtsstreit vermeiden.“ Und, so das Fazit des Juristen: „Mit einem Anruf wurde die Firma Sieber geschlossen. Mit einem Anruf kann sie wieder zum Leben erweckt werden.“

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