+
Nach Listerienfunden war Sieber in die Schlagzeilen geraten. Jetzt gibt es Schadensersatz-Forderungen gegen den Freistaat.

Landratsamt reagiert auf Vorwürfe

Nach Insolvenz: Metzgerei Sieber fordert eine Million Euro Schadensersatz vom Freistaat

Geretsried - Nach Listerienfunden stoppten die Behörden den Verkauf der Großmetzgerei Sieber. Die Firma meldete Insolvenz an und fordert jetzt eine Million Euro Schadensersatz vom Freistaat. Das Landratsamt reagiert.

Am Donnerstag ist das Insolvenzverfahren über die Geretsrieder Großmetzgerei Sieber eröffnet worden. Der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl ist pessimistisch, was den Fortbestand des Unternehmens angeht. Eine Chance sieht er nur, wenn die Behörden einsehen, dass sie überzogen gehandelt haben – und quasi als Schadensersatz eine Million Euro zahlen sowie eine Bürgschaft über zwei Millionen Euro übernehmen.

Die Großmetzgerei war wie berichtet nach Listerienfunden in Sieber-Produkten in die Schlagzeilen geraten. Es folgte ein Produktionsstopp und ein Vertriebs- und Verkaufsverbot. Kurz darauf meldete Sieber Insolvenz an. Die Behörden waren sicher, dass Sieber für Todesfälle nach Listerieninfektionen verantwortlich war. Das Produktionsverbot ist inzwischen aufgehoben worden, nachdem Vorkehrungen getroffen wurden, um künftig eine Kontamination mit Listerien zu verhindern.

"Fortbestand des Traditionsunternehmens ist ungewiss"

Mit Spannung war die Erklärung erwartet worden, die Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl angekündigt hatte. „Der Fortbestand des Traditionsunternehmens ist höchst ungewiss“, schreibt er. Und er hat auch einen Schuldigen ausgemacht: „Dies ist nach derzeitigem Kenntnisstand auf eine überzogenes Handeln der Behörden im Zusammenhang mit der bekannten Listerienproblematik zurückzuführen.“ 

Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl

Insgesamt haben die Behörden drei Entscheidungen getroffen, von denen jede einzelne ausgereicht hätte, die Firma insolvent gehen zu lassen, sagt Hingerl. Da wäre zum einen die Warnung des Staatsministeriums für Umwelt- und Verbraucherschutz vor allen Produkten der Firma Sieber, also inklusive der nachpasteurisierten Waren. Da wäre zweitens das Verbot vom 27. Mai, Waren in Verkehr zu bringen, ohne die nachpasteurisierten Produkte auszunehmen. Und da wäre die Weigerung, den Antrag vom 5. Juli zu genehmigen, nachpasteurisierte Ware wieder zu produzieren. „Die Arbeiter hätten sofort wieder produzieren können“, so Hingerl. Die Firma hätte die Möglichkeit gehabt, wirtschaftlich zu überleben.
 
Wie der ehemalige Firmeninhaber Dietmar Schach vermutet Hingerl, dass die drastische Maßnahmen des Landratsamts auf eine politische Entscheidung zurückgehen. Denn: „Alle drei Entscheidungen sind von fachlicher Unkenntnis geprägt“, schreibt der Jurist. Bei einer Entscheidung ganz oben wolle unten eben niemand mehr widersprechen. Namentlich nennt Hingerl das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, das schon am 20. Mai mit einer Taskforce eingerückt sei und bei der Ankunft angekündigt habe: „Heute wird der Betrieb geschlossen.“ Doch dazu ist es nicht gekommen. „Die Fachleute mussten unverrichteter Dinger wieder abrücken.“ Sieber habe eben sauber produziert.

Wenn die Wiedereröffnung der Produktion nicht gelingt, liegt der Schaden nach Schätzung Hingerls bei zehn Millionen Euro, inklusive jahrelange Prozesse.

Landratsamt widerspricht der Darstellunge

Das Landratsamt widerspricht der Darstellung von Dr. Josef Hingerl in einer Stellungnahme. Dessen Behauptungen seien „nicht nachvollziehbar“. Aus Sicht der Behörde bestand im Mai akuter Handlungsbedarf, um die Verbraucher zu schützen. Denn: In Produkten der Firma Sieber seien Keime des Stammes Listeria monocytogenes gefunden wurden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer bundesweiten Erkrankungswelle geführt haben.

Das Robert-Koch- Institut und das Bundesinstitut für Risikobewertung hätten aufgrund genetischer Untersuchungen festgestellt, dass es sich bei dem in den Produkten der Geretsrieder Firma gefundenen Listerienstamm offenbar um den gleichen Erreger handelt, der seit Ende 2012 in Süddeutschland zu 80 Erkrankungen und acht Todesfällen geführt hat. „Der Schutz des Verbrauchers wurde von den Behörden höher gewichtet als die Interessen der Firma Sieber.“

Auch was das Nachpasteurisieren angeht, also das Erhitzen in der Verpackung, widerspricht das Landratsamt mit Nachdruck der Darstellung des vorläufigen Insolvenzverwalters. „Ein Nachpasteurisieren der bereits verpackten Produkte hat nach allen Erkenntnissen der Behörden nicht stattgefunden.“ Dies sie durch positiven Proben aus dem Einzelhandel sowohl im In– also auch im Ausland belegt.

Das Landratsamt bedauere außerordentlich, dass der Fortbestand des Unternehmens infrage steht. Man habe sich jedoch nichts vorzuwerfen. So sei dem Betrieb vor einer Woche grünes Licht für den Neustart gegeben worden, nachdem alle Auflagen erfüllt worden seien. "Aus Sicht des Verbraucherschutzministeriums sind die Schadenersatzansprüche gegen den Freistaat Bayern unbegründet. Unabhängig davon steht dem Unternehmen der Rechtsweg offen.“

Verbraucherschutzministerium weist Forderung zurück

Eine Pressesprecherin des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbaucherschutz wies den Vorschlag von Dr. Josef Hingerl zurück. Klar sei, dass es einen persönlichen Schicksalsschlag bedeute, wenn ein Arbeitsplatz in der Region verloren gehe. Aber: „Die Gewährung von Aufbauhilfen für insolvente Betriebe ist ungeachtet ihrer rechtlichen Zulässigkeit nicht Aufgabe des Verbraucherschutzministeriums“, schreibt sie. Dies sei dem Insolvenzverwalter auch bereits in einem Gespräch im Landratsamt mitgeteilt worden. Aus Sicht des Verbraucherschutzministeriums seien die Schadenersatzansprüche gegen den Freistaat Bayern unbegründet. „Unabhängig davon steht dem Unternehmen der Rechtsweg offen.“ Auch das Ministerium verteidigt sein Vorgehen: „Das Wichtigste ist der Schutz der Verbraucher. Zu diesem Zweck werden für Betriebe auch einschneidende Maßnahmen ergriffen, wenn sie rechtlich zulässig und erforderlich sind.“ Dass das Handeln der Behörden richtig war, sei vom Verwaltungsgericht bestätigt worden.

dor/vu

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Süße Weihnachtsbäckerei</center>

Süße Weihnachtsbäckerei

Süße Weihnachtsbäckerei
<center>Woaßt du ibahapts, wia gern dass i di mog?</center>

Woaßt du ibahapts, wia gern dass i di mog?

Woaßt du ibahapts, wia gern dass i di mog?
<center>König Ludwig 4er Set mini</center>

König Ludwig 4er Set mini

König Ludwig 4er Set mini
<center>Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017</center>

Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017

Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017

Meistgelesene Artikel

Trachtengeschäft Fischer-Pflügl feiert Geburtstag

Wolfratshausen – Seit 90 Jahren gehört das Trachtenmodengeschäft Fischer-Pflügl zum Gesicht von Wolfratshausen dazu. Jetzt feiert das Unternehmen Geburtstag.
Trachtengeschäft Fischer-Pflügl feiert Geburtstag

Kindergarten an der Badstraße: Erweiterung eingeweiht

Wolfratshausen – Helle Räume, viel Platz zum Toben, tolle Spielsachen, eine größere Freifläche. Die neue Krippengruppe des Kindergartens St. Sebastian an der Badstraße …
Kindergarten an der Badstraße: Erweiterung eingeweiht

Glühwein, Krippen, Balkanklänge

Wolfratshausen – Alexandra Steiner wollte immer schon einen kleinen, gemütlichen Weihnachtsmarkt organisieren. „Nichts Kommerzielles, sondern etwas fürs Herz“, sagt die …
Glühwein, Krippen, Balkanklänge

Nach Unfällen: Neuer Asphalt für Unfallstrecke

Dietramszell – Die Staatsstraße 2072 zwischen Ascholding und Tattenkofen hat in den vergangenen Wochen traurige Berühmtheit erlangt. Nun hat die Unfallkommission den …
Nach Unfällen: Neuer Asphalt für Unfallstrecke

Kommentare