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Pokémon-Jagd am Museum: Jeden Tag suchen Kevin, Elja, Alex und Erajdie Graslitzer Straße ab. Dort treffen sie abends auf viele andere Spieler.

Die Jagd ist noch nicht vorbei

Pokémon Go: Jeden Tag geht's am Karl-Lederer-Platz rund

Geretsried – Seit gut einem Monat gibt es das Spiel „Pokémon Go“ fürs Smartphone. Die Begeisterung hält an: Jeden Tag versammeln sich zig Spieler abends am Karl-Lederer-Platz, unterhalten sich und starren auf ihre Handys. Selbst Erwachsene gehen auf Monsterjagd.

Die Pokémon-Jäger sind überall. Morgens um 8 Uhr an der Sudetenstraße im Bus Richtung Wolfratshausen, um 14 Uhr an der Isar bei der Alpenstraße und um 19 Uhr am Eiscafé L’Arena: Einen Monat ist es jetzt her, dass der japanische Spielehersteller Nintendo das Handyspiel „Pokémon Go“ veröffentlicht hat. Die Begeisterung ist ungebrochen.

Ein besonders beliebter Ort bei allen Spielern in der Stadt ist der Karl-Lederer-Platz. Hier im Zentrum tummeln sich die meisten virtuellen Monster. Hier treffen Hausfrauen auf Rentner, hier plaudern junge Burschen mit gestandenen Männern, hier fachsimpeln Kfz-Mechatroniker mit Metzgermeistern.

Dennis ist wegen des Spiels schon 100 Kilometer gelaufen

Mittwochabend, kurz nach 19.30 Uhr. Langsam rollt Alex (15) mit seinem Cityroller vom Karl-Lederer-Platz kommend die Graslitzer Straße entlang. „Da, ein Nebulak“, ruft er und zeigt zum Stadtmuseum. Seine drei Spezl zücken sofort ihr Handy und streichen über das Display. Im Spiel fliegt jetzt ein roter Ball auf das kleine graue Monster. In der Wirklichkeit ist da nur der Gehweg. „Ich bin fast Level 21“, erzählt Alex stolz. Das heißt: Seit einem Monat läuft er ständig durch die Straßen, immer auf der Suche nach Pokémon. Wo und wann sie auftauchen, weiß er nicht. Wenn sein Handy vibriert, sind sie da.

Monster am Rathaus: Das Zubat sieht man nur auf dem Bildschirm. Den realen Hintergrund liefert die Handykamera.

Am Parkplatz vor dem Museum hat sich die Entdeckung des Nebulak schnell herumgesprochen. Dennis (18), Philipp (19) und Julian (14) sitzen auf einer schmalen Bank. Auch sie zücken ihre Handys. Die drei Jungs laufen jeden Tag von der Stern-Kreuzung an der Sudetenstraße bis zum Museum an der Graslitzer Straße. Drei Kilometer hin, drei Kilometer zurück. Zu Fuß, bei Sonne und bei Regen. Über 100 Kilometer ist Dennis schon gelaufen. Das zeigt das Spiel an. Die Pokémon-Jagd lockt Jugendliche wieder in Scharen ins Freie. Dennis und seine Kumpel gehen immer zwei Wege: Entweder entlang der Adalbert-Stifter-Straße, da gibt’s immer viele Pokémon. Oder am Radweg durch den Stadtwald, am Vogelhäuschen tauchen immer seltene Exemplare auf.
 
Alex (28) hat sich’s ein bisserl einfacher gemacht. Er ist mit Kumpel Peter (26) und Hund Felix ins Auto gestiegen und zum Museum gebraust. „Man sieht jeden Tag dieselben Leute“, sagt er. „Eine Omi spielt das Spiel immer beim Subway.“ Und dann gibt’s noch den „Pokémon-Rainer“, erzählt er. „Habt Ihr den schon gesehen?“

Es entwickelt sich ein Gespräch zwischen wildfremden Menschen. Über Entwicklungspunkte, Brutzeiten des Glurak, Arena-Wettkämpfe mitten in der Nacht und Tricks mit der Handyuhr. So etwas schafft zurzeit nur das Handyspiel. „Das ist besser als Facebook“, sagt Dennis. „Man unterhält sich mit echten Menschen und vergleicht seine Werte. Ein echtes soziales Netzwerk.“

Auf einmal geht etwas schief. Philipp flucht und wischt aufgeregt auf seinem Handy hin und her. „Mann, ich komm’ nicht mehr rein“, sagt er. Der Akku ist nicht das Problem, dafür haben die Jugendlichen schon vor ein paar Tagen gesorgt. Sie haben externe Akkus gekauft, um den Energiebedarf des Spiels zu decken. Steckdosen gibt’s an der frischen Luft ja nicht.

Das Spiel selbst bereitet Philipp Sorgen: Der Bildschirm ist eingefroren – Absturz wegen Überlastung. Das kommt immer mal wieder vor, wenn zu viele Spieler gleichzeitig eingeloggt sind. Zeitweise ließ der Hersteller sogar keine neuen Nutzer zu, weil weltweit zu viele Spieler gleichzeitig auf die Server zugreifen wollten. Auf über 100 Millionen Geräten ist das Programm inzwischen installiert.

Stromnachschub: Damit der Handyakku nicht zu schnell leer wird, haben die Spieler externe Speicher dabei.

Philipp schüttelt den Kopf. „Das ist bitter. Ich habe gerade ein Glücksei aktiviert.“ Solche Eier sind selten. Sie verkürzen die Zeit zum Aufstieg ins nächste Level – eine wichtige Währung bei Pokémon-Fans. Entweder man gewinnt die Eier, die eine Stunde lang funktionieren, an einem virtuellen Pokéstop, oder man kauft sie für ein paar Cent. Virtuelle Eier im Tausch gegen reales Geld: Das ist das Geschäftsmodell der Hersteller. Der Umsatz liegt laut Analysten bei über zehn Millionen Dollar pro Tag.
 
„Ich geb’ für so was kein Geld aus“, sagt Dennis. „Höchstens, wenn ich später mal einen zweiten Rucksack brauch.“ Er meint natürlich nicht sich, sondern seine Spielfigur auf dem Handy.

Am Abend verlagert sich der Pokémon-Treff

Später am Abend verlagert sich der Pokémon-Treff vom Stadtmuseum an den Karl-Lederer-Platz zwischen Bücher Ulbrich und Subway. Hier haben Spieler drei virtuelle Leuchtfeuer gezündet. Das lockt Pokémon an. Weil die Feuer auf allen Handys angezeigt werden, kommen immer mehr Spieler vorbei. Um 21.30 Uhr stehen 65 Personen herum. Max (32) ist zum ersten Mal hier. In der rechten Hand hält er sein iPhone, in der linken die Hand der Freundin. Taucht ein Pokémon auf, kann es jeder Spieler mit seinem Handy einfangen. „Man hört sie schon, bevor man sie sieht“, sagt Max. „Irgendeiner schreit schon rechtzeitig.“

Kriminelle haben das Spiel missbraucht, um Jugendliche auszurauben

Befürworter sagen, „Pokémon Go“ bringt Generationen zusammen. Kritiker sagen, das Spiel ist gefährlich. In den USA zum Beispiel hat jemand ein Leuchtfeuer an einem abgelegenen Ort im Wald gezündet. Spieler kamen – und wurden brutal ausgeraubt. In New York dürfen Sexualstraftäter das Spiel nicht mehr nutzen. Die Gefahr, dass Kinder angelockt würden, sei zu groß, argumentierte Gouverneur Andrew Cuomo.

In Geretsried ist bislang nichts passiert. „Aber ein bisschen Nachdenken schadet nicht“, sagt Dennis. Nur einmal musste die Polizei ausrücken. Ein Anwohner am Isardamm hatte beobachtet, wie ein Pkw kurz vor Mitternacht mehrfach die Straße entlangfuhr. Die Insassen stiegen aus, sahen sich um und fuhren wieder. Die Polizei kontrollierte den Wagen und konnte den Anwohner beruhigen. Es waren keine Einbrecher, die Häuser ausspähten, sondern Geretsrieder auf nächtlicher Monsterjagd.

Momentan gibt es 147 verschiedene Pokémon. Manche sind häufig in Geretsried unterwegs, manche selten. Die fortgeschrittenen Spieler warten jetzt auf die Freischaltung der so genannten „legendären Pokémon“. Die wollen die Entwickler an besonderen Orten verteilen, sagt Peter. Zum Beispiel im Kolosseum in Rom und dem Epidaurus-Theater in Griechenland. „Wir in Geretsried haben keine Arena“, bedauert er. „Wir müssen mal zur Allianz Arena fahren und da nachschauen.“

dor

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