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Seit jeher viel Arbeit hat die Justiz mit einem Ickinger. Er ist jetzt zum 38. Mal verurteilt worden.  

38. Verurteilung

Ein Intensivtäter der harmlosen Art

Icking - Ein Ickinger (59) ist schon 37 Mal verurteilt worden. Jetzt ist die 38. Verurteilung dazugekommen. Mehr auf dem Kerbholz dürfte kaum jemand im Nordlandkreis haben. Der Richter ist für ihn längst ein alter Bekannter.

Der Angeklagte ist schlecht drauf. Er wirkt bedrückt, als der Richter den Sitzungssaal betritt. Als ahne er, dass das heute kein guter Tag für ihn wird. Der Richter stellt die Personalien fest: „Familienstand geschieden. Oder inzwischen wieder verheiratet?“ „Oh ja, das wär’ mal recht“, antwortet der Mann auf der Anklagebank und muss einen Moment schmunzeln. „Aber die hau’n mir alle wieder ab.“ Der Richter schmunzelt auch, als er erwidert: „Jetzt frag ich mich aber, warum?“

Die zwei kennen sich gut, der angeklagte Alfred K. (Name geändert) und der Vorsitzende Richter Helmut Berger. 37 Vorstrafen hat der Ickinger (59) gesammelt. Bei etlichen Verhandlungen führte Berger Regie. Das verbindet. Da darf zwischendurch auch mal geflachst werden. Das Leben ist schon hart genug für einen wie K.

Ende April erst wieder. Als er mit knapp 1,9 Promille auf seinem roten Kleinkraftrad die Serpentinen von Icking hinab nach Wolfratshausen gefahren ist. „Die haben mich nicht erwischt“, schnauft der Angeklagte. Sein Moped steht auf dem Parkplatz eines Supermarktes, als die Polizei ihn aufgreift. Im Laden trägt K. gerade einen Kasten Bier und eine Flasche Schnaps zur Kasse. Er hadert noch immer mit dem mangelnden Feingefühl der Gesetzeshüter. „So eine Blamage. Ich brauch’ mich da nicht mehr blicken zu lassen.“

Die Trunkenheitsfahrt ist nur eine von vier Anklagen gegen den Ickinger , über die Berger an diesem Tag urteilen muss. Missbrauch von Notrufen lautet der zweite Vorwurf: Am 9. Juni gegen 21 Uhr wählte K. die Nummer der Polizei, beorderte Notarzt und Rettungswagen zu einer Wohnung in Wolfratshausen, wo sich eine Frau die Pulsadern aufgeritzt haben soll. Tatsächlich suchte K. nur einen Weg, um in die Wohnung seiner Schwester zu gelangen. „Ich wollte ein bisschen quatschen. Aber sie hat mich nicht reingelassen. Sie mag nicht, wenn ich betrunken komme“, gestand der Angeklagte. „Ich habe den Bogen etwas überspannt.“

Das tat er auch am 19. September, als er am Hauptbahnhof eine junge Frau als „Schlampe“ und „ Dreckskanacke “ titulierte. Unnötig zu sagen, dass er ziemlich betrunken war. Zehn Tage später lenkte er seinen Roller mit zwei Promille durch die Bahnhofstraße, ein Streifenwagen kam ihm entgegen.

„Er ist schwerer Alkoholiker“, erklärt der Richter der jungen Staatsanwältin, die etwas unbedarft eine Therapie vorschlägt. „Hatte ich schon“, winkt K. ab. „Das war reines Kasperltheater. Hinterher hab ich mehr getrunken, als vorher.“ Was tun mit ihm? Entweder K. sitzt, dann ist für eine Weile Ruhe. Wenn er frei herumläuft, säuft er und macht Mist. „Ich treffe halt ab und zu ein paar Chaoten am Bahnhof, die zahlen mir ein Bier“, sagt er. Der Verteidiger will seinem Mandanten die Haft ersparen. „Er hat hier versucht, sich moderat zu verhalten. Aus seiner Sicht hat er auch nichts Großes angestellt“, plädiert Verteidiger Manfred Fuchs.

Richter Berger sieht keinen Grund für eine Bewährung, er setzt die Haftstrafe auf acht Monate fest. Das macht den Angeklagten fassungslos. „Jetzt kann ich mich wieder nei’hocke?“, fragt er, schüttelt ungläubig den Kopf und schleicht schimpfend aus dem Saal. „Hier hast Du nur Ärger“, diese Worte sind deutlich zu verstehen.

Kurze Zeit später fliegt die Tür wieder auf, K. hat noch etwas zu sagen. „Okay, Herr Berger. Wir machen das so. Dann geh’ ich halt rein.“ Seine Stimme klingt nun fest und bestimmend. „Aber nicht vor Weihnachten. Ich werde bald 60. Das will ich noch feiern.“ Der Richter lächelt.

Rudi Stallein

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