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Alle vier Jahre Ausnahmezustand: Das Ochsenrennen von Münsing ist ein Volksfest mit schnellen Rindviechern und tollkühnen Jockeys. Das Foto entstand beim letzten Rennen im Jahr 2012.

Am Sonntag ist es wieder soweit

Rinderwahnsinn in Münsing: Auf die Ochsen, fertig, los!

Münsing - Am Sonntag setzen sich Menschen wieder auf gigantische Fleischberge. Das Ganze heißt Ochsenrennen und ist Kult in dem Dorf am Starnberger See. Tausende Zuschauer werden dabei sein, wenn furchtlose Jockeys um ewigen Ruhm reiten.

Manche sagen, es fühlt sich an, wie auf einer gigantischen Couch zu sitzen, die sich fortbewegt und die schunkelt wie Wackelpudding. Andere sagen, es ist ein Wahnsinn, eine halsbrecherischer Verrücktheit, die sich im Grunde nur der Bayer traut.

Wieder andere behaupten, es ist eine fast schon göttliche Bestimmung, auf den Rücken eines hunderte Kilo schweren Ochsen zu klettern und mit ihm ein Wettrennen gegen andere Riesen-Ochsen zu bestreiten, die so viel wiegen wie ein Audi A 3. Denn man kann sich gerade hier im schönen, aber nur 4200 Einwohner großen Münsing gegen diese Bestimmung, gegen dieses Schicksal nur schwer wehren: Hier wählt man sein Renn-Rindvieh nicht aus, hier wählt das Rindvieh seinen Reiter.

So sieht das zumindest Stanzi Lang, 18 Jahre alt und angehende tiermedizinische Fachangestellt. Sie steht neben der Festwiese, wo am Wochenende die Massen ausgeschenkt werden und die Musi spielen wird. Sie sagt: „I bin a verruckte Henna. Mit Viechern hob i’s einfach.“ Gute Voraussetzungen für das, was die junge Dame am Sonntag gegen 14 Uhr vor hat. Sie wird beim Ochsenrennen in Münsing an den Start gehen – zusammen mit Obelix, ihrem Ochsen. Kampfgewicht: 680 Kilo pure Power.

Zweieinhalb Jahre Vorbereitung

Stanzi Lang bereitet sich, das ist kein Scherz, seit zweieinhalb Jahren auf dieses Rennen vor, zu dem 10 000 Zuschauer und Journalisten aus aller Welt erwartet werden. Ein Ochsenrennen, das ist schon eine Weile her, haben sie in Dubai sogar schon mal im Fernsehen übertragen. Wer hier gewinnt, ist vier Jahre lang der König von Münsing. Denn erst 2020 findet das nächste Rennen statt. Oder eben die Königin, aber das gab’s bisher noch nie. Stanzi Lang sagt: „Jetzt werd’s Zeit, dass amal a Madl gwinnt.“

Die Chancen stehen so schlecht nicht – Obelix, so hört man, ist ein Wunderknabe. Er ist das letzte Kalb, das geboren wurde, bevor die Familie von Stanzi Lang die Landwirtschaft aufgegeben hat. Die Ochsenreiterin war bei seiner Geburt dabei – und wusste in diesem Moment sofort, dass sie mal auf Obelix durch die Münsinger Naturarena um die Wette reiten wird. Seit das Tier einen Monat alt ist, macht sie Spaziergänge mit ihm. Trainingsspaziergänge, Renn-Vorbereitungsspaziergänge, um eine möglichst enge Bindung zwischen Reiter und Jockey einzuüben – alles für den großen Tag, alles für den Sonntag.

Stanzi Lang hat in den letzten Monaten sowieso tief in den Zauberkasten gegriffen, um Obelix zu Höchstleistungen zu trimmen. Sie belohnt ihn mit Pferde-Leckerlis, wenn sie trainieren, Geschmack Apfel-Minze. Kürzlich hat sie zehn Spezln engagiert, die sich neben die Rennstrecke gestellt haben – und Krach machten. Das soll Obelix auf die Geschrei und die Anfeuerungsrufe vorbereiten. Denn man muss wissen: Ochsen sind empfindliche Tiere. Es kann schon mal vorkommen, dass sie erst lossausen, an allen anderen vorbei, um dann plötzlich stehen zu bleiben, nur ein Meter vor der Ziellinie. Alles schon da gewesen beim Ochsenrennen.

Mit dem Ghettoblaster in der Hand hinter dem Ochsen hergerannt

Ein weiterer Spezl von Stanzi Lang ist bei der Trainingseinheit hinter Obelix hergerannt, in der Hand hatte er einen Ghettoblaster, aus dem Volksmusik schepperte. Spätestens jetzt dürfte der Ochse einen Eindruck davon haben, was ihn am Sonntag erwartet.

Vielleicht müssen wir an dieser Stelle eine kleine Wahrheit einstreuen: Der Sieger des Münsinger Ochsenrennens kommt in die ewige Ruhmeshalle des Ortes im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, der Ochse hat weniger Glück. Vom letzten Rennen anno 2012 leben nur noch zwei Tiere. Stanzi Lang sagt: „Die Rennochsen ham’s lang gnua schee.“ Sprich: Sie haben das beste Leben, das ein Ochse haben kann. Da muss man Realist bleiben. Ochs ist Ochs und eine Ochsensemmel ist eine Ochsensemmel. Die kulinarische Spezialität im Festzelt heißt heuer übrigens: Ochs am Spieß.

Zurück zum sportlichen Teil: Insgesamt gehen 19 Rennochsen mit ihren Jockeys an den Start. Die Tiere haben verwegene Namen wie Napoleon, Django oder Bonzo. Einer der Favoriten, sagen Experten, ist Ringo. Ringo, der Gigant mit den riesigen Hörner. Das Tier wiegt 1250 Kilo und ist 1,80 Meter groß. Man muss ihn per Leiter besteigen.

Mit diesen Geheimtricks arbeiten die Jockeys

Der Jockey heißt Leonhard Maxl, er ist 18 Jahre alt und vor ein paar Wochen haben sie, so erzählt er es, beim Furtgehn beschlossen, dass er ab jetzt ein Ochsen-Jockey ist. Und dass er sich doch, bittschön, ein bisserl mit Ringo anfreunden soll. „Wir treffen uns mindestens alle zwei Tage“, sagt er. Der Bauer, dem der Ochse gehört, hat sogar eine Startbox gebaut, so eine wird es auch am Sonntag geben, damit Leonhard Maxl professionell trainieren kann. In dem Dorf wird, wenn es ums Ochsenrennen, nichts dem Zufall überlassen. Wer meint Fußballbundesligisten oder russische Kunsturnerinnen bereiten sich gewissenhaft auf Wettkämpfe vor, der war noch nicht in Münsing.

Hier arbeiten die Jockeys und die Ochsenbesitzer mit sämtlichen Geheimtricks, die Grenzen des Reglements werden ständig neu ausgetestet, man arbeitet an neuen Kraftfuttermischungen, es gibt Jockeys, die hier natürlich Ochserer heißen, die im Fitnessstudio üben. Im Grunde gibt es nichts, was es nicht gibt: Leonhard Maxl und sein Team arbeiten mit einem orangenen Kübel, den sie Ringo zeigen. Immer wenn er ihn sieht, flitzt er los wie der Blitz. Am Anfang des Trainings war Kraftfutter in dem Kübel, inzwischen ist nichts mehr drin. Es reicht, wenn Ringo das Ding sieht, schon wird er zum Renn-Ringo. Der orangene Kübel wird auch am Sonntag im Einsatz sein. Leonhard Maxl sagt: „Natürlich will ich gewinnen, sonst würd’ ich ja nicht an den Start gehen.“

Ochserer geben sich selbstbewusst

An Selbstbewusstsein fehlt es keinem der Ochserer, die an den Start gehen. Ela Sappl ist gerade mal 20 Jahre alt, doch sie ist bereits eine Ochsenrenn-Veteranin. Vor vier Jahren war sie Vierte in Münsing, beim Ochsenrennen in Surheim im Berchtesgadener Land hat sie sogar gewonnen, danach durfte sie einen Marsch dirigieren. Das war ihr Preis, sonst nichts. Ochserer sind moderne Helden: Sie machen das, was sie machen, nicht für Geld, nicht für Medaillen, sondern weil’s wahnsinnig aufregend ist. „Es ist ein geiles Gefühl“, sagt Ela Sappl, die im normalen Leben eine Ausbildung zur Hebamme macht. „Das hast du in keiner Achterbahn.“

Ihr Ochse heißt Mr. Charly Brown, wiegt 1000 Kilo und ist 1,60 Meter groß. Gerade liegt er faul im Gras, schaut manchmal zum Himmel hoch oder vertreibt die Fliegen, die auf ihm hocken. „Aber wenn er die Arena sieht“, sagt Ela Sappl, „weiß er, was los ist.“ Dann muss er sausen. Wie eine bayerische Rennsemmel, die niemals zur Ochsensemmel werden will.

Alles zum Ochsenrennen am Sonntag

Der Rennsonntag in Münsing beginnt ab 10 Uhr mit einem Frühschoppen, der Festzug mit der Münsinger Musikkapelle startet um 12.30 Uhr. Das Ochsenrennen findet um 14 Uhr statt. Adresse: Naturarena an der Holzhausener Straße. Dort gibt es auch Parkplätze, allerdings mit viel Verkehr und Stau im Ort gerechnet. Deshalb empfiehlt sich eine frühzeitige Anreise. Münsing, das am Starnberger See liegt, erreicht man über die A 95. Weitere Informationen zum Ochsenrennen am Sonntag unter www.ochsenrennen.de

Auch am Samstag wird in Münsing bereits gefeiert: Es gibt ein Oldtimer-Treffen und abends Tanzlmusi im Festzelt.

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