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Schatzsuche auf dem Speicher

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Wolfratshausen –Besuch des Dachbodens im Wolfratshauser Heimatmuseum: Museumsleiter Hubert Lüttich zeigt seine Schätze

Rundgänge durch Dachböden alter Häuser haben immer etwas Geheimnisvolles und Morbides an sich. Hier oben lebt der Geist der Zeit, hier hängt der staubige Geruch der Vergangenheit in der Luft. Immer ist es düster und ein wenig schaurig. Es stapelt sich Ausrangiertes, Abgenutztes, Antikes und Altbewährtes – manches ist Kunst, vieles nur alter Krempel. Hier stöbert man gerne herum, um ein Stück Geschichte zu erfahren. So ist es auch unterm Dach des Wolfratshauser Heimatmuseums, in dem 1806 nach einem Brand wieder errichteten Gebäude am Untermarkt 10.

Kein Wunder, dass sich am Samstagnachmittag eine größere Zahl von Besuchern eingefunden hatte. Mit Museumsleiter Hubert Lüttich ging’s dann auf Schatzsuche, organisiert vom Historischen Verein Wolfratshausen. Es war Lüttichs letzte offizielle Amtshandlung, denn er geht zum 30. Juni in seinen wohlverdienten Ruhestand. Bis ein Nachfolger gefunden ist, werden seine Mitarbeiterinnen Marita Klünsch und Angelika Hilgarth das Heimatmuseum verwaltungstechnisch weiterführen.

Nur selten in der Vergangenheit hat Lüttich den verschlossenen Museumsspeicher für die Allgemeinheit geöffnet. Dort oben findet Platz, was in den Ausstellungsräumen nicht mehr unterkommt – kleine Kostbarkeiten und originelle Kuriositäten. „Wir sind über die Maßen voll. Wir könnten eine Erweiterung der Ausstellungsräume notwendig brauchen“, sagt er. Seine Hoffnung, dass der Speicher doch bald saniert wird, hat er aufgegeben. Zu hohe Kosten für Isolierung und Brandschutz: „Denken Sie doch nur an die gegenwärtigen Diskussionen um den Bürgerladen unter uns im Erdgeschoss.“ Das bedeutet Lüttich zufolge, dass vorerst die alten Dinge, meist aus Nachlässen alteingesessener Wolfratshauser, weiter oben im Halbdunkeln ihr Dasein fristen.

Zum Beispiel Antonie Kleins Erbe aus dem Biedermeier-Haus an der Bahnhofsstraße. Lüttich kennt jedes der rund 500 Exponate. So schickt er an diesem Tag seine Gäste an, ihm zügig auf dem Rundgang zu folgen. Es geht vorbei an einem großen Tisch mit einer alter Uhr, alten Gemälden, in denen Risse sich wie Adern ihren Weg graben, vorbei an einem niedlichen Puppenhaus und der Original-Kaufmannswaage vom Geigerladen. Hinten in einer Ecke steht ein ganzes Wohnzimmermobilar aus der Biedermeierzeit. „Auch das ist von Antonie Klein“, sagt Lüttich. „Die sind doch viel zu schade für hier oben“, findet Dr. Sybille Krafft. Die Vorsitzende des Historischen Vereins war auch gekommen, um nostalgische Schätze aufzuspüren. „Ja mei, wir hätten schon gerne einen Raum im Bürgerladen eingerichtet“, sagt Lüttich achselzuckend.

„Was is denn des für a Huat?“, ruft eine Dame von hinten. Die gehört zu einer kurfürstlichen Uniform, verrät der Museumsleiter. Gehrock und Hose sind in einem Schaukasten untergebracht, neben der die lebensgroße Holzsilhouette von Charlie Chaplin ein Auge drauf wirft. Wie dieses Abbild des wohl berühmtesten Slapstick-Komödiants hierher gekommen ist, weiß keiner mehr so genau.

Nun ja, Dachböden sind eben Rumpelkammern. Auch im Wolfratshauser Heimatmuseum steht Kuriosität neben Kunstwerk, das Betthaferl neben dem Fleischwolf, der Filmprojektor neben dem Hebammenkoffer aus dem 19. Jahrhundert – alles akribisch nummeriert und registriert. „Auf Papier und im Computer“, bestätigt der Museumsleiter ungeduldig, denn er will weiter, die nächste Gruppe kommt schon den Treppenaufgang hoch. 140 Landschaftsbilder in Öl von Felix Bockhorni (1801-1878) hat Thekla Wallner der Stadt hinterlassen. Daneben befindet sich eine Sammlung expressiver Tuschezeichnungen des Malers Karl Maldek zum Gedenken an den Todesmarsch am 29. April 1945.

Auch Erinnerungen an dunklen Zeiten deutscher Geschichte finden hier unterm Giebel ihren Platz. Im zweiten schlauchlangen Raum mit offenem Gebälk steht bäuerliches Handwerkszeug der Familie Rübsam aus Grünwald. Eine Teilnehmerin sucht mit dem Blick ab. „Wo ist denn Frau Wendls altes Tafelklavier hingekommen?“, will sie wissen, weil sie die Wolfratshauserin Lebzeiten gut gekannt. Auf der Schatzsuche unterm Dach des Heimatmuseums wird man fündig. Es sind die kleinen Schätze der Mitbürger, die man einst kannte und die man nicht vergisst.

Andrea Weber

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