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Zu Gast bei Sattlern und Schmieden

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Traditionsreiches Handwerk: Susanne Wittmayer (Mitte) erklärt den Führungsteilnehmern das Handwerk der Cembalo-Bauer. foto: hans lippert
Traditionsreiches Handwerk: Susanne Wittmayer (Mitte) erklärt den Führungsteilnehmern das Handwerk der Cembalo-Bauer. © Hans Lippert

Wolfratshausen - Eine Geschichtsstunde der besonderen Art gab’s am Wochenende in der Flößerstadt: Der Historische Verein führte fast 100 Besucher durch Handwerksbetriebe entlang des Untermarkts.

Erste Station bei der Führung zum Tag des offenen Denkmals war die Polsterei von Peter Hierl. Der Inhaber stellt mit viel Liebe zum Detail Sitzmöbel her – im Stil vom Biedermeier bis heute. Geduldig erklärte er seinen Besuchern am Sonntagnachmittag die Arbeit des Polsterers. Sein Geschäft war eine von acht Stationen entlang des Untermarkts, die Dr. Sybille Krafft und Bernhard Reisner vom Historischen Verein Wolfratshausen ausgesucht hatten.

Hierl betreibt seine Werkstatt in vierter Generation. Ursprünglich war sie eine Sattlerei, die nach dem Bedeutungsverlust von Pferden für die Wirtschaft zu einer Manufaktur für Polstermöbel wurde. Besonders stolz ist Hierl auf ein Pferde- und ein Kuh-Kummet – auch bekannt als Geschirr für Zugtiere. „Des san meine Raritäten“, berichtete Hierl. Die Besucher konnten in der Werkstatt alles anfassen: Nägel, Rosshaar und Holz, aber auch die Porzellannägel. „Die sind heute ganz schwierig zu bekommen, früher haben die die Klosterfrauen gemacht“, sagte Hier. Sein Motto: Originales erhalten, die Technik verbessern.

Auf zur nächsten Station: der Schmiede am Untermarkt. Paul Brauner erläuterte ihre lange Geschichte. Im Jahr 1899 für 14 000 Mark gekauft, übernahm sie Josef Ettenhuber 1930 und führte sie 45 Jahre lang. Anfangs war es vor allem eine Huf- und Wagenschmiede, später Kunstschmiede: „Spezialität waren Ofentürl“, erzählte Brauner. Ettenhuber ist heute noch stolz auf seinen Beruf – als kreativer Kopf schmiedete er beispielsweise für eine Villa in Spanien 67 Fenster. Die Zukunft der Schmiede ist aber ungewiss. Ettenhuber ist 83 Jahre alt. Seit drei Jahren bleibt die Esse kalt, ein Umbau steht vor der Tür. Laut Brauner ist das Gewerbe aber nicht aufgegeben. „Es ruht nur.“

Dr. Gerhard Hämmerling führte in die Geheimnisse der Happschen Apotheke ein. Zu den Fakten: 1810 erwarb Wilhelm Semmelbauer die so genannte „Gerechtigkeit“, eine Apotheke zu betreiben. Seit 1889 gehört der Laden der Familie. Bewacht wird sie von den Schutzheiligen Cosmas und Damian aus Syrien.

Bernhard Reisner würdigte beim Salon Kotz den Berufsstand der Bader und Zahnzieher. Otmar Fagner, der in vierter Generation das Gasthaus Humpl-Bräu führt, zeigte den Besuchern den fünf Grad kalten Eiskeller, ohne den früher eine Ganzjahresversorgung mit Bier unmöglich gewesen wäre. Zur Beschattung des Eiskellers dienten Kastanien. Übrigens: Eine Mass Bier kostete 1618, also vor fast 400 Jahren, genau einen Pfennig.

Weiter ging die Führung des Historischen Vereins auf die Reeperbahn – aber nicht nach Hamburg, sondern zur Seilerei von Alois Kratzmeir in Wolfratshausen. Weil dessen Vater früher im Seilergassl seine Seile gedreht hatte, nannten die Wolfratshauser die Gasse scherzhaft Reeperbahn. Die erhielt ihren Namen nämlich auch von Taumachern, genauer: den so genannten Reepschlägern. Für die Herstellung der Schiffstaue benötigten diese nämlich eine lange, gerade Bahn – eben die Reeperbahn.

Der Journalist Wolfgang Schäl berichtete am Schwankl-Eck über die ehemalige Druckerei Schwankl und schwelgte in Erinnerungen an Akzidenz-Drucksachen, die Lynotype und das „Wolfratshauser Wochenblatt“ – der Vorgänger des Isar-Loisachboten.

Zum Schluss ging’s in die kleine Werkstatt von Susanne Wittmayer, deren Vater Kurt 1945 aus Siebenbürgen flüchten musste und nach einer Odyssee in Wolfratshausen landete. Er baute tausende Cembalos. Seine Tochter restauriert heute für das Deutsche Museum Musikinstrumente – natürlich mit besonderer Vorliebe Cembalos.

von Dieter Klug

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