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Jeder Tag ist eine Herausforderung: Um Angehörigen sowie Mitarbeitern des AWO-Demenzzentrums eine Leitlinie und Sicherheit zu geben, wurde ein Ethik-Komitee gegründet.

„Ein ganz anderes Gefühl der Sicherheit“

Demenz: Darf man kranke Menschen festbinden?

Wolfratshausen – Rückenwind für Angehörige und Mitarbeiter: Im AWO-Demenzzentrum gibt es jetzt ein Ethik-Komitee. Es beantwortet auch knifflige Fragen.

Wer schon mal mit dementen Menschen zu tun hatte, der weiß: Jeder Tag ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Wie reagiert man richtig auf die Verhaltensauffälligkeiten seines Gegenübers? Vor dieser Frage stehen regelmäßig auch die Mitarbeiter des AWO-Demenzzentrums in Wolfratshausen. Um ihnen eine Leitlinie und Sicherheit zu geben, wurde nun ein Ethik-Komitee gegründet. Redakteur Patrick Staar sprach darüber mit Pflegedienstleiterin Sandra Münch.

-Warum haben Sie sich dazu entschlossen, ein Ethik-Komitee zu gründen?

Bei den Fallbesprechungen gab es immer wieder diese ethischen Fragen, bei denen wir uns im Nachhinein gedacht haben: Die müssen wir mehr berücksichtigen. Also hat unsere Sozialdienstleiterin Gabi Strauhal bei einem Kurs zum Ethikberater mitgemacht. Und dann hat sie das Ethikkomitee gegründet.

-Wer sitzt in diesem Gremium?

Verschiedene Fachleute. Eine Hospizbegleiterin und Seelsorgerin ist dabei, eine Psychogerontologin, eine Psychotherapeutin, Sozialpädagogen, aber auch ein Arzt und Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, der zugleich Stiftungsprofessor für Licht und Gesundheit ist.

-Wie oft trifft sich das Komitee?

Wir treffen uns viermal pro Jahr. Wenn’s pressiert, berufen wir auch zwischendrin das Gremium ein, sonst versuchen wir die Fragen in kleiner Runde zu klären.

-Welche ethischen Fragen werden besprochen?

Pflegedienstleiterin Sandra Münch im Gespräch mit einer Bewohnerin: Das Ethik-Komitee soll das Miteinander im AWO-Demenzzentrum weiter verbessern.

Es geht zum Beispiel um freiheitsentziehende Maßnahmen. Körpernahe Fixierung lehnen wir ab – Bauchgurte zum Beispiel. Und wir fixieren auch keine Bewohner im Bett. Aber es gibt auch andere Fälle. Manche Leute haben so eine Unruhe, dass sie zum Beispiel bei Mahlzeiten immer aufstehen wollen. Darf ich diese so nahe an den Tisch ranrücken, dass sie nicht mehr aufstehen können? Auf der einen Seite ist das auch eine freiheitsentziehende Maßnahme. Auf der anderen Seite dient das Ranrücken dem Wohl der Menschen – Nahrungsaufnahme, Energiezufuhr, und so weiter. Themen sind auch Sterbebegleitung und Sexualität.
 
-Wird im Ethikkomitee auch über den Einsatz von Medikamenten diskutiert?
 
Ja. Wir sprechen zum Beispiel über die Frage, inwieweit wir Psychopharmaka (Arzneimittel, das eine Veränderung der psychischen Verfassung bewirkt, Anm. d. Red.) einsetzen sollen.

-Sprechen Sie im Ethik-Komitee auch über Streitereien zwischen Bewohnern?

Wir haben das Glück, dass wir unsere Bewohner selbst aussuchen können. Ein Ausschlusskriterium ist die sogenannte „Frontotemporale Demenz“. Bei dieser Form der Demenz verändert sich die Persönlichkeit der Leute, sie werden sehr aggressiv. So jemanden haben wir hier nicht. Wir haben sehr junge demente Leute hier, Leute mit Altersdemenz, Leute, bei denen sich die Demenz mit Parkinson vermischt. Dadurch, dass alle dement sind, harmoniert das sehr gut. Demente und Nicht-Demente kommen sich eher in die Quere.

-Worum geht es, wenn es zu Streitereien kommt?

Hier ist der Verlust der Orientierung und der Verlust des Eigentumsbegriffs zu nennen. Wir haben zum Beispiel eine Bewohnerin, die denkt, dass der Esssaal ihr Wohnzimmer ist. Wenn ich in meinem Wohnzimmer fremde Leute sehe, würde ich auch einen Streit beginnen.

-Wie jung sind die jüngsten Heim-Bewohner?

Die jüngste Bewohnerin ist 52 Jahre alt. Sie ist schon ein paar Jahre hier. So ein junger Mensch hat ganz andere Bedürfnisse als jemand mit Altersdemenz. Die jungen Menschen haben womöglich schulpflichtige Kinder, stehen mitten im Leben und gehen arbeiten. Die reißt es aus einem ganz anderen Abschnitt ihres Lebens raus, wenn sie an Demenz erkranken.

-Ist es für Mitarbeiter schwierig, mit solchen Fällen umzugehen?

Sicher es ist für unsere Mitarbeiter ein Schreckmoment, wenn ein Bewohner jünger ist als sie selbst. Wenn so ein junger Mensch dazu kommt, bekommen unsere Mitarbeiter – man könnte sagen existenzielle Gefühle. Wir unterstützen dann mit Gesprächen. Letztlich behandelt man so einen Menschen aber wie jeden anderen. Man schaut: Was isst er gerne, was trinkt er gerne? Was macht er gerne? Ob jemand zehn Jahre jünger oder älter ist, macht nach dem ersten Schreckmoment keinen Unterschied.

-Wie bindend sind die Beschlüsse des Komitees?

Wir beraten, unterstützen und machen Vorschläge, aber es gibt keine Vorgaben. Wenn wir etwas fürs Haus beschließen, dann stehen wir alle fest hinter dieser Entscheidung. Häufig weiß man in bestimmten Situationen nicht, wie man sich verhalten soll. Wenn man dann Rückenwind vom Ethik-Komitee bekommt, gibt das ein ganz anderes Gefühl der Sicherheit.

-Wer kann sich an das Ethik-Komitee wenden?

Jeder Angehörige und alle Mitarbeiter – vom Sozialdienst über Betreuungs-Assistenten bis hin zu den Reinigungskräften. Wenn jemand an uns herantritt, besprechen wir das.

pr

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