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Im Geltinger Gewerbegebiet lagert Michael Gebhart (57) seine Hackschnitzel - und führte deshalb einen erbitterten Streit mit dem Landratsamt. 

Wolfratshauser Unternehmer kämpft jahrelang gegen das Landratsamt

Der Gustl Mollath aus Weidach

Wolfratshausen - Neun Jahre hat Michael Gebhart (57) mit dem Landratsamt gestritten. Wie Gustl Mollath nahm er das Duell Behörde gegen Bürger an. Nach Zwangsgeldern, Beschlagnahmungen und Gerichtsurteilen bekam er Recht. Es war ein Kampf um eine Lapalie, der völlig aus dem Ruder lief.

Ohne den Kommafehler wäre es nie soweit gekommen. Vielleicht hatte sich der Hersteller des Maishäckslers vertippt. Oder der Mitarbeiter, der die Anfrage der Geretsrieder Polizei bearbeitete, wusste es nicht besser. Fest steht: Der Kommafehler hätte Michael Gebhart (57) beinahe einen Haufen Geld gekostet. Eine Verurteilung wäre der Höhepunkt eines irrsinnigen Rechtsstreits zwischen dem Weidacher und dem Tölzer Landratsamt gewesen.

Die Sache regt ihn immer noch auf - obwohl er Recht bekommen hat

Der Konflikt begann vor sechs Jahren mit der Beschwerde eines Nachbarn über zu viel Lärm im Geltinger Gewerbegebiet. Er endete mit der polizeilichen Beschlagnahmung eines selbst gebauten Grüngut-Häckslers. Dazwischen lagen viele Anschuldigungen und Beschimpfungen, 1000 Seiten Papier, Gerichtsurteile und 55 000 Euro Prozesskosten. Das alles für die banale Frage, ob Gebhart auf seinem Grundstück im Geltinger Gewerbegebiet Grüngut häckseln darf oder nicht. „Ich bin überwacht worden wie ein Top-Terrorist“, sagt er. „Ich hab’ mich gefühlt wie Gustl Mollath. Nur ohne Psychiatrie.“ Gebhart sitzt am Tisch seiner Wohnküche in Weidach, vor ihm stapeln sich die Unterlagen. Amtssiegel sind zu sehen, die Logos von Staatsanwalt und Amtsgericht. Gebhart streicht mit dem Daumen an den Papierkanten vorbei, er spricht schnell. Der Fall regt ihn immer noch auf, obwohl seit inzwischen neun Monaten alles entschieden ist.

Aus Tölz kam ein kostenpflichtiger Bescheid nach dem nächsten

Gebhart hatte sein Grundstück im Geltinger Gewerbegebiet vor acht Jahren gekauft, um die Container seiner Transportfirma abzustellen. Und um Grüngut zu häckseln und als Hackschnitzel zum Heizen in der Region weiterzukaufen. „Energie aus der Region für die Region“ nennt er das. „Da kann doch nichts Verbotenes dran sein.“ Kann doch. Sechs Jahre lang verschickte das Landratsamt immer neue kostenpflichtige Bescheide mit immer neuen Vorwürfen. Sechs Jahre lang widersprach Gebhart mit Gegenklagen und Dienstaufsichtsbeschwerden. Bis er im Februar vor dem Münchner Landgericht Recht bekam. Einen Anwalt hatte er sich nie genommen. Gebhart ist ein Einzelkämpfer. „Die Rechtslage war ja immer eindeutig“, sagt er. „Aber irgendwann zweifelt man an seinem Verstand.“

Als sich ein Nachbar beschwert, kommt die Sache ins Rollen

Die Misere beginnt, so berichtet es Gebhart, als sich ein Nachbar im Sommer 2010 über den Lärm des Häckslers beschwert. Ein Baukontrolleur kommt vorbei, sieht abgeladene Äste und deutet das als illegale Grüngutlagerstätte. Später bemerkt ein Kontrolleur Metallteile auf dem Grundstück, die vom Bau einer Lagerhalle übrig geblieben waren – er moniert einen illegalen Schrotthandel. Als Gebhart Holzbretter an einen Container lehnt, damit keine Hackschnitzel aufs Nachbargrundstück fliegen, kreidet ihm die Behörde einen Schwarzbau an. Denn das Brett berührt auch die Wand der Lagerhalle und schafft so eine Verbindung.

Der nächste Konflikt dreht sich um Bäume. Diese musste Gebhart als Ausgleich für den Bau seiner Halle pflanzen, aber ein Kontrolleur konnte keine Bäume erkennen. „Ab diesem Moment hab’ ich gedacht, ich bin gaga“, sagt Gebhart. Neun Bäume hätten es sein müssen, 80 Setzlinge habe er gepflanzt. „Das ist mehr als auf allen Nachbargrundstücken zusammen.“ Im September 2011 fahren Verwaltungsrichter 38 Kilometer raus aus München nach Gelting, um den Fall vor Ort zu klären. Mit fortschreitender Besichtigung kommt der Vorsitzende Richter zu der Erkenntnis, dass sich da einiges aufgeschaukelt haben muss zwischen Behörde und Geschäftsmann. „Das ist eine Sache für den Psychiater, aber nicht für das Gericht“, sagt der Richter. Er stellt die Verfahren ein und empfiehlt den Streitparteien, mehr miteinander zu sprechen. Das Gegenteil ist der Fall.

Beim Prozess vor dem Amtsgericht ist er richtig frech, das gibt er zu 

Gebhart ignoriert ab sofort alle Briefe der Behörde. „Ich konnte sie nicht mehr ernst nehmen“, sagt er. Bei Nachfragen gibt er patzige Antworten. In Briefen schreibt er von „ständigen Bespitzelungen“, „diktatorischen Maßnahmen“ und „Lächerlichkeit“. Das bringt ihn vors Wolfratshauser Amtsgericht. Streitpunkt diesmal: die Größe der selbst gebauten Häckselanlage, die Gebhart betreibt. Ihr Kern besteht aus einem 30 Jahre alten Maishäcksler. Der Hersteller spricht gegenüber der Polizei von 100 Tonnen Durchsatz pro Stunde. „Damit wäre die Anlage doppelt so groß wie die größte Anlage im Kreis“, sagt Gebhart. „Das ist Schmarrn.“ Die Anlage sei tatsächlich so klein, dass sie jeder ohne Genehmigung in seinem Garten betreiben dürfe. Das Landratsamt sieht das anders. Im Frühjahr 2016 wird der Betrieb der Anlage in Wolfratshausen verhandelt. „Dort war ich frech“, sagt Gebhart. Die zuständige Beamtin hat er im Gerichtssaal „ideologische Traumtänzerin“ genannt. Und darauf hingewiesen, dass der Staatsanwalt in der Verhandlung schlafe. Das alles kam nicht gut an: 7500 Euro Bußgeld.

Am Landgericht stößt er auf Verständnis

Gebhart bezahlt nicht. Der Fall kommt vors Münchner Landgericht, Aktenzeichen 12 Js 25780/13. „Da habe ich zum Glück eine Richterin erwischt, die mir geglaubt hat“, sagt Gebhart. Sie bietet einen Vergleich an: Entweder Gebhart zahlt 5000 Euro oder es gibt ein Gutachten. Gebhart entscheidet sich für Variante zwei. „Ich wusste ja, dass der Häcksler nie und nimmer einen so großen Durchsatz hat.“ Die Polizei rückt auf seinem Grundstück in Gelting an und beschlagnahmt das Gerät. Ein Autokran kommt, fährt seinen Greifer aus und lädt die 30 Jahre alte Maschine auf einen Tieflader. Mit Polizeischutz kommt sie in ein Lager nach Bad Tölz. Gebhart kann derweil nicht arbeiten, obwohl wegen Sturmtief Niklas viel zu tun gewesen wäre. Das ist ein nettes Detail der Geschichte: Während der Freistaat in Form des Landratsamts gegen Gebhart prozessiert, ist der Freistaat zugleich wichtiger Geschäftspartner: Gebharts Hauptkunden für die Hackschnitzelverarbeitung sind nämlich die Bayerischen Staatsforsten. „Verrückte Welt“, sagt Gebhart dazu. „So is’ es halt gewesen.“

Gefeiert wird mit Pizza und drei Flaschen Rotwein

Als nach ein paar Wochen ein Gutachter am Bodensee gefunden ist, wird die Maschine zurückgekarrt. Das erste Probehäckseln misslingt, weil das Material zu nass ist. Die Maschine wird ein zweites Mal beschlagnahmt. Dann gelingt das Gutachten. Die Mappe zur „Leistungsermittlung einer fahrbaren Häckselmaschine“ ist einen Zentimeter dick und enthält 37 Seiten mit Berechnungen, Fotos und Analysen. Das Ergebnis: Der Häcksler ist tatsächlich kleiner als gedacht. Statt 100 schafft er gerade mal eine Tonne pro Stunde. Der Kommafehler wird entdeckt, die Richterin stellt das Verfahren ein. Die Gebharts feiern. „Wir haben drei Flaschen Rotwein und acht Pizzen gebraucht.“

Das Landratsamt bezeichnet Gebhart als "beratungsresistent"

Beim Landratsamt kennt man den Fall genau. Ja, da habe es einige Vorwürfe gegeben, sagt Sprecherin Marlis Peischer auf Nachfrage. „Das hätte sich nie so aufgeschaukelt, wenn Herr Gebhart nicht beratungsresistent gewesen wäre“, sagt sie. Man hätte die ganze Diskussion verhindern können. Nur: „Herr Gebhart verstößt immer wieder gegen Baurecht. Und er unterscheidet leider nicht zwischen Bußgeld, Zwangsgeld und den normalen Gebühren für einen Genehmigungsbescheid.“

Gebhart sieht das anders. Er schiebt die Unterlagen vor sich auf dem Tisch zu einem Stapel zusammen. „Wissen Sie“, sagt er. „Die Behörden haben einen Fehler gemacht. Das kann passieren. Was mich aber ärgert, ist, dass es keine Konsequenzen hat.“ Vielmehr habe man sich hinter einer ursprünglichen Fehlentscheidung versteckt und ihn mit immer neuen Gängeleien zwingen wollen, klein bei zu geben. Man habe ihn mundtot machen wollen wie damals Gustl Mollath, sagt Gebhart.

Der Fall des Nürnbergers erschütterte die bayerische Justiz. Mollath kam 2006 in die Psychiatrie, weil ihm die Gerichte mehrere Straftaten anlasteten und ihm Gutachter Schuldunfähigkeit attestierten. Seine Berichte über Schwarzgeldgeschäfte hatten die Behörden als schizophrene Einbildungen abgewiegelt. Niemand glaubte ihm, obwohl sie mindestens in Teilen stimmten, wie sich später herausstellte. Neun Jahre vergingen, bis das Verfahren neu aufgerollt wurde und Mollath freikam. So krass ist Michael Gebharts Geschichte dann doch nicht ganz.

dor

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