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Sie haben Fragen? Hier werden sie beantwortet: Im Facebook-Thread dreier Bürgervereinigungs-Stadträte.

Interview: „Es ist unsere Pflicht, das zu erklären“

Hallenbad-Aus: BVW rechtfertigt sich über Facebook

Wolfratshausen – Unverständnis, Frust oder gar Wut: Die Bürgervereinigung reagiert auf die Reaktion der Bürger nach dem Aus des interkommunalen Hallenbads. Stadträte haben eine Facebook-Seite eingerichtet.

Viele Bürger können es nicht nachvollziehen, dass die Bürgervereinigung Wolfratshausen (BVW) geschlossen gegen die Beteiligung am Betriebskostensdefizit beim interkommunalen Hallenbad gestimmt und das Projekt somit gekippt hat. Die BVW reagierte professionell – und stellt sich auf der Online-Plattform Facebook den Fragen. Eine Stadträtin, die sich seit zwei Tagen die Finger wund tippt, ist Dr. Ulrike Krischke. Unser Redakteur Frederik Lang hat mit ihr gesprochen.

-Frau Dr. Krischke, was hat Sie dazu bewogen, die Facebook-Seite zu erstellen?

Ulrike Krischke

Die Reaktionen auf die Artikel in den örtlichen Zeitungen haben gezeigt, dass es Wolfratshauser Bürgerinnen und Bürger gibt, die unsere Entscheidung nicht verstehen oder nicht nachvollziehen können. Es sind an vielen Stellen Fragen gestellt worden, die wir gerne beantworten wollten. Wir sind davon überzeugt, dass man auch mit Kritik verantwortungsvoll umgehen muss: antworten, erklären. Im Entscheidungsprozess beschäftigen wir uns lange mit den Unterlagen, gehen zu Sitzungen und Gesprächen, tauschen uns aus und versuchen dann, zwischen Notwendigkeiten, Möglichkeiten und finanziellen Aspekten den richtigen Weg zu finden. Da kommt vieles zusammen, was nicht alles in einer einzigen Rede Platz finden kann. Wenn unsere Begründung für die Bürgerschaft nicht verständlich genug war, sehe ich es als unsere Pflicht an, das zu erklären.

-Welche Reaktionen gab es nach der Sitzung? Wie persönlich wurde es?

Die meisten Reaktionen zeigen eine große Verärgerung und Unverständnis, aber wir erfahren auch einiges an Zuspruch. Beleidigend ist es meines Wissens nie geworden.

-Wie viel Zeit verbringen Sie und Ihre Kollegen mit der Beantwortung der Fragen?

Den Thread haben wir am Mittwochabend gegen 20.30 Uhr gestartet, gegen 22.30 Uhr haben wir mit der Beantwortung aufgehört. Am Donnerstagabend war es ähnlich. Wir sind alle beruflich stark eingespannt und haben Familien, Kinder, so dass unsere Zeit wie die vieler Wolfratshauser natürlich begrenzt ist.

-Stehen nur die drei genannten Stadträte hinter dem Thread oder auch die restliche Fraktion?

Von den Stadträten, die das betrifft, sind vor allem Benedikt Brustmann, Peter Ley und ich auf Facebook aktiv. Die meisten anderen haben keinen Account.

-Müssen Sie viele Kommentare löschen?

Nein, bis jetzt noch keinen einzigen. Bis jetzt waren alle Fragen und Kommentare sehr sachlich und sehr kritisch. Das ist auch gut so. Wir wünschen uns einen echten Austausch, in dem beide Seiten die Argumente und Fragen der jeweils anderen zu verstehen versuchen. Die sachliche Ebene zu verlassen, wäre fatal. Dann landet man am Ende in Schuldzuweisungen und Verletzungen. Das möchten wir nicht.

-Zeigen die Reaktionen, dass die Politik zu wenig transparent war?

Die Reaktionen zeigen, dass viele Bürger über unsere Beweggründe und die Details des geplanten Hallenbades nicht viel wussten. Das ist natürlich die denkbar schlechteste Voraussetzung. Jemand hat mir zum Beispiel vor einer Woche geschrieben, es wäre sehr „schade wenn es in Geretsried nun gar kein Bad mehr geben würde“. Das zeigt, dass ein deutliches Informationsdefizit besteht, keine Frage.

-Hat der Unmut auch damit zu tun, dass die komplette BVW dagegen war? Es gibt ja auch Vorwürfe, die in Richtung Fraktionszwang gehen...

Das sagen zumindest die Reaktionen auf Facebook. Dass wir keinen Fraktionszwang haben, kann man leicht verifizieren, wenn man sich andere Beschlüsse, zum Beispiel zu den Themen Untermarkt 10/Bürgerladen, Kraft-Areal oder Erweiterung der BayWa ansieht. Damals wurde uns vorgeworfen, wir könnten uns nicht einigen. Das ist schon verrückt.

-Macht es derzeit Spaß, Politiker zu sein?

Die Arbeit im Stadtrat hat viele schöne Seiten: um Ideen und Inhalte ringen, Verantwortung übernehmen und tragen, sich neue Inhalte aneignen, Projekte entwickeln und natürlich auch Entscheidungen treffen und dazu stehen. Dass nicht alle Entscheidungen auf die Zustimmung aller treffen, liegt in der Natur der Sache.

„Tretet zurück“: Facebook-User beklagen „Fehlentscheidung“ und „Armutszeugnis“

So ist das im digitalen Zeitalter: Viele Menschen machen ihrem Unmut über bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen auf der Online-Plattform Facebook Luft – auch über das Nein des Wolfratshauser Stadtrats in Sachen interkommunales Hallenbad. Während in der geschlossenen Gruppe „Du bist aus Wolfratshausen, wenn...“ auch deftige Worte fallen, die nah an der Schmerzgrenze sind, geht es in dem „Thread“ (am Ehesten lässt sich das mit „Diskussionsstrang“ übersetzen) der Bürgervereinigung Wolfratshausen (BVW) mit dem Namen „Transparenz zur Entscheidung in der Sache Hallenbad“ eher sachlich zu.

Aus ihrem Unmut über das Aus für das große Hallenbad machen die Nutzer aber keinen Hehl. Nur vereinzelt fordern sie Konsequenzen. Einer zum Beispiel schreibt von „Fehlentscheidung“ und „Vertrauensverlust“. Das Gremium habe am Bürger vorbei entschieden und sei nicht mehr wählbar. Fazit: „Bitte tretet zurück und nehmt die Fehlbesetzung Bürgermeister auch gleich mit.“ Eine andere Nutzerin spricht von einem „echten Armutszeugnis für die Stadt“, von einem „Schritt zurück“ und fragt sich, warum nicht auf die Meinung von Bürgern, Schulen und Vereinen gehört wird. Das Gros der User interessiert sich dafür, welche alternative Lösung es gibt, wo die Wolfratshauser Schulen, Vereine und Lebensrettungsorganisationen künftig schwimmen gehen sollen.

Eine der Klagen ist, dass sich die BVW lediglich gegen eine der Bedingungen sträubt, nämlich die Beteiligung am Investitionskostenzuschuss. Der Tenor: Wegen einer Bedingung könne man ein Zukunftsprojekt nicht fallen lassen. Die BVW-Räte Dr. Ulrike Krischke, Peter Ley und Benedikt Brustmann erläutern die Beweggründe ihrer Fraktion sachlich und unaufgeregt. Sie betonen ihre Verantwortung dafür, wohin die Steuergelder fließen und dass sie höhere Kosten nur bei einem Bad mit „Strahlkraft“ verantworten könnten. Das müsste dann aber Rutsche, Kinderbad, Bewirtung sowie Sport- und Lehreinrichtungen haben. Das Trio beklagt, dass man Wolfratshausen den Schwarzen Peter zugeschoben habe, indem man es von der Loisachstadt abhängig gemacht hat, ob aus dem Bad etwas wird oder nicht. Man habe die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen, betonen die drei Stadträte. „Aber da kann ich nicht von gemeinschaftlicher Zusammenarbeit oder Interkommunal sprechen.“ Immerhin: Die Etikette wird gewahrt, die BVW-Räte bedanken sich am Ende des Tages für die sachliche Debatte – und auch der eine oder andere User folgte diesem Beispiel.

fla

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