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Vollblutpolitiker im Gespräch: Gregor Gysi (l.) und Christian Ude trafen sich in Gräfelfing.

Gregor Gysi und Christian Ude im Gräfelfinger Bürgerhaus

„Ich wünsche mir mehr Leidenschaft“

Gregor Gysi appelliert im Dialog mit Christian Ude im Gräfelfinger Bürgerhaus an die SPD und seine eigene Partei.

Nicht ohne Grund wurde Gregor Gysi vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache zum besten Redner des Wahlkampfs für die Bundestagswahl 2013 gekürt. Dass dieser Mann eloquent, informativ und gelegentlich launig sein kann, davon konnten sich am Mittwochabend über 350 Zuschauer im Gräfelfinger Bürgerhaus überzeugen.

Auf Einladung der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing, dessen Vorsitzender Klaus Stadler diesen „übervollen Abend“ als besonderes Geburtstagsgeschenk zum 95. der Literarischen in diesem Monat betrachtete, sprach Münchens Altbürgermeister Christian Ude mit Linken-Politiker Gysi. Das Gespräch war vielleicht etwas weitschweifend übertitelt mit: „Deutschland: Woher – wohin?“, sodass die beiden Vollblutpolitiker einen Ritt durch die aktuelle politische Lage Deutschlands und der Welt wie Putins Rolle im Syrienkrieg oder die Flüchtlingskrise unternahmen.

Insbesondere die allgemeine Welle nach rechts zeigte sich als das Thema, auf das Gregor Gysi den ganzen Abend immer wieder zu sprechen kam. „Das macht mir große Sorgen“, so Gysi. Viele Menschen, gerade im Osten, fühlten sich abgehängt. Diese Menschen – Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose, im Niedriglohnsektor Beschäftigte – hielten nichts mehr von Demokratie. Das sei eine tiefe Tragik, sagte der langjährige Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag. „Hier müssen wir ansetzen und mit mehr Aufklärungsarbeit und Abbau von Ängsten wieder näher an diese Leute herankommen“, formulierte Gysi seine Forderung. „Das Ziel muss eine sozialgerechtere Verteilung sein.“

Den meisten, die jetzt die AfD wählten, ginge es jedoch dabei nicht um Strukturen, sondern sie wollten die anderen Parteien schlicht ärgern, analysierte Gysi. Die AfD sei durch Protestwähler erstarkt und profitiere von der inhaltlichen Annäherung der CDU und SPD. Deshalb sein Appell an die beiden großen Volksparteien: „Die Union muss sich wieder mehr auf ihre konservativen Werte konzentrieren und die SPD sozialdemokratischer – durch einen ordentlichen Druck von links – werden.“

Die AfD-Lösung für die Flüchtlingskrise, den Bau einer Mauer um Europa, hält der Politiker dagegen für schlichtweg falsch. „Wir müssen konsequent die Fluchtursachen bekämpfen.“ Und hier hätte der Frieden in Syrien oberste Priorität. Dieser könne jedoch nur mit einem Umdenken der Westmächte bezüglich Russland und somit Putin erreicht werden. „Man kommt an gewissen Realitäten einfach nicht vorbei.“ Das gelte auch für den Frieden und die Sicherheit in Europa. Gysi: „Das alles gibt es nur mit Russland und nicht gegen Russland. Das dürfen wir nicht vergessen.“ Die USA und Russland dürften nicht in Schweigen verfallen durch den Abbruch diplomatischer Beziehungen, wie jüngst durch US-Präsident Barack Obama angedroht.

Zur Europäischen Union habe er übrigens ein gespaltenes Verhältnis, erzählte er. Auf der einen Seite kritisiere er sie scharf und empfinde sie als „unsozial, undemokratisch, bürokratisch und intransparent“. Auf der anderen Seite wolle er sie retten. „Wir brauchen die EU.“ Gerade auch im Hinblick, dass es seit Bestehen der EU keinen Krieg zwischen zwei Mitgliedsstaaten gegeben hat. Die EU sei ein Friedensgarant, und dafür lohne es sich zu kämpfen. Gerade deshalb sehe er in einem möglichen Wahlsieg von Front-National-Politikerin Marine Le Pen eine große Gefahr. „Die Mehrheit der Franzosen könnte dann für einen Austritt aus der EU stimmen“, warnte Gysi, „und dann ist die EU mausetot.“ Sein Lösungsvorschlag: neues Vertrauensverhältnis zwischen Bürgern und Politik schaffen. Und mit einem Augenzwinkern an Christian Ude gewandt: „Ich wünsche mir mehr Leidenschaft bei der SPD und meiner Partei für einen großen, sozialen Schub!“

Carolin Högel

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