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Ernst Kößlinger an seinem Schreibtisch im hellen Atelier unterm Dach: Briefmarkenentwürfe und Grafik-Arbeiten (Plakate, Radierungen, Karikaturen) sind hier in den letzten Jahrzehnten entstanden.

Ernst Kößlinger feiert 90. Geburtstag

Meister der feinen Linien und starken Farben

Martinsried - Am Montag feiert der renommierte und mehrfach ausgezeichnete Gestalter Ernst Kößlinger aus Martinsried seinen 90. Geburtstag.

Er hat geschafft, wovon viele Künstler nur träumen können: Die Kunst, die seine Leidenschaft ist und seine Berufung, machte er zum Beruf. Schon als Kind zeichnete der Martinsrieder gerne. Und wer seine Berufung zum Beruf macht, der kennt auch keinen Ruhestand. Noch heute ist Kößlinger in seinem Atelier in Martinsried tätig. Und die Vita des gebürtigen Schwabingers ist beachtlich.

Aus seinen Händen stammen Zeichnungen, Radierungen, Holz- und Linolschnitte, Aquarelle und Lithographien. Über 30 Sondermarken verdanken ihm die Deutsche Post und ihre Kunden. Gleich zwei davon wurden zur schönsten Marke Europas gewählt. Zwölf Plakate gestaltete er für die Münchner Wiesn und rund 50 für das Münchner Stadtmuseum. Sein Auer-Dult-Plakat sei 15 Jahre lang drei Mal im Jahr verwendet worden, erzählt er ein wenig stolz.

Und Kößlinger ist nicht nur Praktiker. Er lehrte zunächst an der Akademie für das Graphische Gewerbe und später als Professor für Grafikdesign an der Fachhochschule München. Für sein Werk bekam er 1998 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Dabei ist sein Wirken längst nicht vorbei. Derzeit beschäftigen ihn verstärkt Grafiken mit phantastischen Themen. „Da ist in letzter Zeit viel entstanden“, sagt er. Auch ein Buch über Carl Orff habe er kürzlich illustriert. Aufträge nehme er aber nur noch wenige an, räumt er ein.

Auch an den Wettbewerben der Post für die Gestaltung von Briefmarken beteilige er sich seit zwei Jahren nicht mehr. Die Vorlage für eine Briefmarke sei zwar sechs Mal größer als eine Marke. Aber das sei immer noch winzig. „Es ist eine unheimlich feine Gestaltungsarbeit“, sagt er. Dem Künstler ist anzumerken, dass ihm die Gestaltung der Briefmarken große Freude bereitet hat. „Was mich gereizt hat, war, dass es immer unterschiedliche Themen gab.“ Besonders viel Spaß habe ihm die „Zirkus“-Serie bereitet, sagt er. Doch er scheint nicht zu bereuen, sich diesbezüglich zurückgezogen zu haben. „Da habe ich lange genug mitgemacht“, findet der Martinsrieder. Über 14 Millionen Mal sind sein Clown, seine Ballerina, seine Elefanten und sein Zirkuszelt abgeleckt, geklebt, verschickt, in den Papierkorb geworfen und oftmals auch ins Sammelalbum gesteckt worden.

Seine Sondermarke anlässlich der 750-Jahrfeier des Frankfurter Doms wurde 1989 über 32 Millionen mal gedruckt. Auch die Sondermarken „Mainzer Dom“ und „500 Jahre Münchner Frauenkirche“ zählen zu seinen Werken. Sein Exemplar zum Tag der Briefmarke 1994, der „Postzusteller im Spreewald um 1900“, zeigte einen Postboten auf Schlittschuhen und hatte eine Auflage von fast 50 Millionen.

Am liebsten habe er aber immer phantastische Themen umgesetzt, dafür hat er nun mehr Zeit. Welches seiner Werke ihm am wichtigsten sei, könne er nicht sagen, aber da fallen ihm schnell die Skizzen Prominenter ein, die er „auf verstohlene Weise“ angefertigt habe. „So dass die Betroffenen es gar nicht gespannt haben“, erzählt er immer noch amüsiert. Carl Orff habe er bei einem Vortrag an der Musikhochschule gehört und heimlich skizziert. Anschließend habe er Orff das Bild signieren lassen. Auch von Golo Mann, Eugène Ionesco und vielen mehr habe er solche Skizzen. Sein Oeuvre ist also umfassend.

An diesem Montag aber wird das Schaffen pausieren, denn dann wird gefeiert. Ernst Kößlingers Frau, seine beiden Kinder, seine vier Enkel und einige Kollegen und Freunde werden den 90-Jährigen hochleben lassen.

Victoria Strachwitz

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