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Bürgermeister Heinrich Hofmann und Archivarin Erika Klemt eröffneten die Ausstellung, die bis 31. März im Planegger Gemeindearchiv zu sehen ist.

Ausstellung im Gemeindearchiv

Der Bau des Ringelstrumpfs

Planegg  - Er ist ein Wahrzeichen Planeggs  - der Kirchturm von St. Elisabeth. Im Volksmund wird der freistehende Campanile ob seiner Farbgebung liebevoll auch Ringelstrumpf genannt. Jetzt ist ihm im Gemeindearchiv eine Ausstellung gewidmet. 

Archivare brauchen Geduld, Weitsicht und ein Quäntchen Glück. Dieses spielt ihnen bisweilen einen Fund zu, dessen Wert auf den ersten Blick nicht sofort zu erahnen ist. Da heißt es zugreifen, auch wenn ein verbeulter Schuhkarton erstmal nicht so vielversprechend aussieht. Dann ist Sachkenntnis gefragt, um die Schätze zu erkennen, freizulegen, zuzuordnen und auszuwerten. All dies traf im Planegger Gemeindearchiv glücklich zusammen. Fotorollen aus einem Nachlass mit Bezug zu St. Elisabeth erreichten über viele Ecken dank Alfons Engel aus Wolfratshausen das Archiv. Die Archivarin Erika Klemt erkannte die Juwelen und brachte sie durch ihre doppelte Fachkenntnis als Ortshistorikerin und Fotografin zum Strahlen. Das Ergebnis ist die derzeitige Ausstellung im Gemeindearchiv unter dem Titel „Ringelstrumpf“, wie der Planegger Kirchturm im Volksmund ob seiner Farbgestaltung genannt wird.

Die verkratzten und verklebten Negative gaben nach sachkundiger Bearbeitung eine Fülle an Informationen frei: zur Orts- und Kirchengeschichte, aber auch zu sozialen Verhältnissen, Mode, Feier und Arbeitswelt in den 30er Jahren. 70 bis 80 Fotos zeigen die Ankunft am Planegger Bahnhof und den Festzug mit den Kirchenglocken für St. Elisabeth 1932 sowie den folgenden Bau des Kirchturms in zahlreichen Arbeitsschritten. Laut Erika Klemt handelt es sich um ein seltenes Dokument der Arbeit auf einer Baustelle. Deutlich ist die Bautafel der Firma Conrad Dumser zu erkennen, ebenso zwei Bilder des damaligen Pfarrers Anton Schneller.

Klug kombiniert mit Akten aus dem Gemeindearchiv und dem Pfarrarchiv ergibt sich für den Betrachter ein anschauliches Bild aus der örtlichen Geschichte. Auch Pläne der Notkirche von 1928 und vom Architektenwettbewerb zum Turmbau sind zu sehen. Ein Anhang geht auf das weitere Schicksal der Glocken, der Turmuhr und des „Ringelstrumpfs“ beim Neubau der Kirche ein. Die fünf Glocken der Gießerei Hamm in Regensburg waren der ganze Stolz der Pfarrgemeinde. In wirtschaftlich höchst kargen Zeiten wurden sie ebenso wie die Uhr durch Spenden finanziert – man hat sie sich buchstäblich vom Munde abgespart. Bemerkenswert ist, dass für alle von Anfang an ein elektrisches Läutwerk konzipiert war. Die Stimmung b, des, es, f, as gibt nach Beobachtung von sangeskundigen Kirchgängern im Zusammenklang den Anfang des Liedes „Salve Regina“. Ob der Chorleiter Benefiziat Bach, der 1932 seinen Dienst in Planegg antrat, sich an der Planung beteiligt hat, war nicht herauszufinden. Jedenfalls war er es, der sich nach dem Krieg um die „Heimführung“ der konfiszierten Glocken verdient gemacht hat.

Bürgermeister Heinrich Hofmann, der in Gegenwart vieler Gäste aus Verwaltung, Gemeinderat und Kirchengemeinde die Ausstellung eröffnete, konnte aus eigener Erfahrung eine Glocken-Anekdote beitragen: Das Jahr 1969 konnten die Glocken erst mit einstündiger Verspätung einläuten, da er und sein Freund als Ministranten und Hilfsmesner in Silvester-Feierlaune den Sakristeischlüssel verschusselt hatten. Als späte „Wiedergutmachung“ versprach er dem Gemeindearchiv ein Exemplar der Liedsammlung, die er aus der damaligen Jugendzeit in der Pfarrei zusammengestellt hatte.

Zuerst waren also die Glocken da, wenn auch der kleine Dachreiter der Notkirche sie keinesfalls aufnehmen konnte. Als der bereits seit 1899 geplante Kirchenbau in immer unerreichbarere Ferne rückte, nahm der Kirchenbauverein kurzentschlossen vorerst den Turmbau in Angriff. Im Schreiben des Baukunstausschusses als Genehmigungsbehörde ist zu lesen: „Turmhaube ist durch einfaches Zeltdach zu ersetzen, … das der Gestaltung der künftigen Kirche nicht vorgreift.“ Doch die Planegger hatten wohl schon damals ihren eigenen Kopf. Überdies schoben sie den Turm auch weiter nach hinten an die Notkirche, anders als es der Entwurf des Architekten Willi Schwarzmeier vorsah. Das erwies sich später für die Neubauplanung als wenig glücklich.

Warum es ganze 40 Jahre dauerte, bis das Kirchenprovisorium dann ersetzt wurde, davon geben die gezeigten Presseausschnitte eine knappe Ahnung. So vermittelt die Ausstellung neben der Dokumentation über Glocken und Turmbau auch Verständnis für den außergewöhnlichen Kirchenkomplex in Planeggs Ortsmitte. Das Planegger Archiv und seine Mitarbeiterinnen sind bekannt für ihre fundierten, gut gestalteten historischen Ausstellungen. Ein kleiner Überblick über die Vielfalt der behandelten Themen ist im Vorraum zusammengestellt. Die neue Ausstellung, die bis zum Frühjahr zu sehen ist, reiht sich würdig an diese Vorbilder an. Ortsgemeinde und auch Pfarrei können sich zu dieser Schau beglückwünschen.

Friederike Tschochner

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