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Für Georg Heide (2. v. li.) gehört der Einzug der Wiesnwirte (hier 2015 in der Kutsche mit Frau Renate, li., und dem Wirtepaar Steinfatt) zu den besten Momenten. Emotional wird Heide aber nur am letzten Tag.

Tränen, Rucksackverbot und Ex-Trinkerei

50 Jahre auf der Wiesn: Georg Heide erzählt 

Planegg/München – Georg Heide arbeitet heuer zum 50. Mal auf der Wiesn. Zum privaten Jubiläum hat er Einblicke in seine persönliche Oktoberfest-Geschichte gewährt.

Der Oberbürgermeister hat noch vier Wochen Zeit, um für das Anzapfen auf dem Oktoberfest zu üben. Für die Wirte hat das Oktoberfest längst begonnen. Am 15. Juli haben sie mit dem Aufbau ihrer Zelte angefangen. Erst müssen die tonnenschweren Grundgerüste aufgestellt werden. Dann wollen für ein Zelt wie die Bräurosl mit ihren insgesamt 8400 Plätzen 30 Schiffscontainer mit Einrichtung ausgepackt und am richtigen Platz montiert sein. Handwerker und Zulieferer müssen koordiniert und die Kontrolleure, die sich um Sicherheit und Hygiene zu kümmern haben, zufriedengestellt werden. Und einer muss das alles koordinieren. In der Bräurosl ist es der Planegger Gastronom Georg Heide. Trotzdem sitzt er einen knappen Monat vor dem „O’zapft is“ ganz entspannt im Biergarten seiner Planegger Gaststätte Heide-Volm und hat fast zwei Stunden Zeit, sich zu unterhalten. Über das Wetter, über die Sicherheitslage, über Mode und die Ess- und Trinkgewohnheiten seiner Gäste.

Und über Tränen, die ihm immer noch jedes Mal in den Augen stehen, wenn er am letzten Wiesntag in seinem Festzelt auf der Bühne steht und seine Gäste verabschiedet. „Die Tränen kommen aber nicht, weil ich so traurig wäre, dass es erst mal wieder für ein Jahr vorbei ist. Aber in dem Moment löst sich der Knödel auf, der einem zwei Wochen im Bauch liegt. Man ist froh, wenn die vielen Tausend Gäste sicher nach Hause gekommen sind, ohne dass etwas passiert ist.“ Innere Anspannung spürt er also auch nach mittlerweile zwölf Jahren als verantwortlicher Wirt eines Wiesn-Zeltes noch. Aber Stress oder Hektik scheinen ihm nach insgesamt 50 Jahren im Geschäft fremd.

1967, als er tagsüber noch die Hotelfachschule besuchte, arbeitete er abends erstmals mit im Familienbetrieb. Als sein Vater Willy Heide zum Sprecher der Wiesnwirte wurde, wuchs Georg in die Rolle des Chefs, die er 2004 offiziell übernahm. „Die Frage, ob ich Wiesn-Wirt werden will, habe ich mir nie gestellt“, sagt er.

Über das Wetter, sagt er, mache er sich gar keine Gedanken. Das könne er sowieso nicht beeinflussen. Sein Opa, der vor 80 Jahren mit dem Wiesn-Geschäft anfing, habe ihm von 1936 erzählt, als morgens die Schneepflüge zwischen den Bierzelten durchgefahren seien. Und selbst wenn es ganz heftig kam, ist es immer noch gut gegangen.

Nur 1989 habe er echte Zweifel gehabt, ob die Bräurosl am ersten Wiesntag aufmachen würde. Am Tag zuvor hatte ein Sturm die Zeltplanen aufgerissen. Und dann hat auch noch der schwere Leiterwagen der Feuerwehr, mit dessen Hilfe die Planen wieder festgemacht werden sollten, den Holzboden des Zeltes zerstört. „Da sind die Spreißel nur so geflogen“, sagt er. Aber 200 Leute hätten mit angepackt, und man sei am nächsten Morgen wie geplant eingezogen. Solche Erfahrungen machen eben gelassen.

Auch der Amoklauf in München oder die Attacke in einem Zug bei Würzburg kommentiert er scheinbar unaufgeregt. Das Rucksackverbot und den Zaun finde er richtig, sagt er. Er sei zuversichtlich, dass die Wiesn sicher sei. „Bei Großereignissen wie einer Europameisterschaft oder dem Oktoberfest ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass etwas passiert“, sagt er. Er glaubt nicht, dass die Besucherzahlen merklich sinken.

Nur zweimal seien die Leute weggeblieben. „Nach dem Anschlag auf der Wiesn 1980 hatten wir zwei, drei ganz schwere Jahre“, sagt Heide. Erst 1985 sei das Geschäft wieder richtig gelaufen. Und seit Anfang der 1990er Jahre, sagt Heide, wurde es auf der Wiesn dann merklich voller. „Das begann mit der Wiedervereinigung.“ Damals seien 30 Millionen potenzielle Besucher dazugekommen. 2001, als zwei Wochen vor Wiesnbeginn in New York die Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind, gab es noch mal eine echte Delle.

Wiesntage beginnen für Georg Heide um sieben. Bis das Zelt öffnet, macht er drei Stunden Büroarbeit. Dann spaziert er durch die Bräurosl, sieht nach dem Rechten, setzt sich zu Bekannten an den Tisch. Sein Schwiegersohn kümmert sich derweil um die Küche, seine Tochter Daniela und Ehefrau Renate haben Personal und Buchhaltung im Griff. „Und einer muss halt den Wirt machen.“

Er freut sich, dass die Gäste sich für die Wiesn wieder schick machen, auch die jungen. „Als ich Jugendlicher war, ging man in Jeans und Turnschuhen.“ Nur dass sich die jungen Leute schon frühmorgens vor dem Zelt drängen, stört ihn. „Und die Ex-Trinkerei kann ich nicht verstehen.“

Im Großen und Ganzen habe er ein Publikum, das über die Jahrzehnte recht ähnlich geblieben sei. Der normale Münchner Wiesnbesucher. Italiener und Amerikaner kämen längst nicht mehr so viele. Neuheiten gibt es in der Bräurosl in diesem Jahr nicht, sagt Heide. „Alles ist wie gehabt.“ Nur, wie jedes Jahr, noch ein bisschen teurer: 10,60 Euro, 30 Cent mehr als 2015, kostet die Mass.

Bei den Veränderungen im kulinarischen Angebot, die laut Heide Anfang der 70er mit der Ankunft von Gerd Käfer auf dem Oktoberfest begonnen haben, zog er zwar immer irgendwie mit. „Für ein Bier und ein Hendl kommt heut’ halt keiner mehr“, sagt er. Aber, findet er, manche Gerichte haben eben ihre Berechtigung. „Ein Tellerfleisch ist, anders als ein Hendl, eben nicht mehr richtig heiß, wenn es die Bedienung durch das halbe Zelt getragen hat. „Und Pinzettenküche funktioniert im Bierzelt sowieso nicht.“

Ganz große Veränderungen wird er, wenn es nach ihm geht, als Wirt wohl nicht mehr erleben. Georg Heide ist 64, sein Vater war über 80, als er ihm die Bräurosl offiziell übergab. Doch Heide denkt schon jetzt an Rückzug. „Mein Vertrag mit der Brauerei läuft noch bis 2019. Wenn dann einer kommt, der meiner Tochter einen Vertrag anbietet, hätte ich nichts dagegen.“ Die Nachfolge scheint also geregelt. In der Bräurosl wird er sich dann aber vermutlich immer noch jeden Tag irgendwo dazusetzen. Nur eben noch etwas entspannter.

Wiesn nostalgisch: Die schönsten Bilder von früher

Stefan Reich

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