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Anfang 2016 ziehen die ersten Asylbewerber in die Gräfelfinger Flüchtlingshäuser.

Ein Jahr nach der Grenzöffnung

Es ist noch nicht geschafft

„Wir schaffen das.“ Als Angela Merkelam 31. August 2015 diesen Satz sagt, sind die Gemeinden im Würmtal längst vollauf damit beschäftigt, ihren Anteil zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beizutragen.

Der Handlungsdruck ist groß im vergangenen Sommer. Turnhallen müssen in Notunterkünfte umgewandelt werden, um all den Menschen, die in ihrer Not aus dem Nahen Osten und Afrika nach Deutschland streben, ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Im Würmtal trifft es zunächst die Gemeinde Planegg. Am 22. Juni ziehen die ersten Flüchtlinge in einer der beiden Dreifachturnhallen des Feodor-Lynen-Gymnasiums ein. Bis Oktober bleibt die Halle belegt, bevor die Bewohner zunächst in eine der inzwischen aufgestellten Traglufthallen des Münchner Landratsamtes umziehen. Ein Teil von ihnen kehrt im Mai 2016 nach Planegg zurück, in die Unterkunft am Friedhofsparkplatz. Im Juli ist dann auch die Unterkunft im Martinsrieder Parc de Meylan fertig, die lange umstritten war. Auch gegen weitere Unterkünfte in Planegg formiert sich Widerstand. Die Debatte erledigt sich nach dem Flüchtlingsdeal der Bundesregierung mit der Türkei und dem vorläufigen Planungsstopp, den die Regierung von Oberbayern im April für alle weiteren Unterkünfte verhängt.

Ab 19. August 2015, knapp zwei Monate nach der Belegung der FLG-Halle, noch bevor Angela Merkel die Grenzen für Flüchtlinge auf der Balkan-Route öffnet, nimmt das Landratsamt München auch die Halle des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gymnasiums als Notunterkunft in Beschlag. „Es hat sich ziemlich schnell eine große Anzahl von Helfern eingefunden“, sagt Bürgermeisterin Uta Wüst. Mitarbeiter der Kommunalverwaltung ziehen auch schon mal privat los, um auf die Schnelle ein Kinderbett oder Windeln zu besorgen. Zwischen Helfern und Flüchtlingen entwickeln sich freundschaftliche Bande. Als im Oktober der Umzug der inzwischen rund 180 Menschen in eine Traglufthalle in Unterhaching ansteht, macht sich der Helferkreis Asyl dafür stark, eine Gräfelfinger Lösung zu finden. Am Ende siedeln 80 Flüchtlinge, allesamt mit sehr guten Bleibeaussichten, in die Halle des TSV Gräfelfing um. Im neuen Jahr geht es von dort aus weiter in die sieben zweigeschossigen Häuser, die auf einer Wiese an der Großhaderner Straße Ecke Neurieder Weg eigens für sie errichtet worden sind. Sie bieten Platz für 208 Personen. 170 Asylbewerber sind dort aktuell untergebracht, 25 weitere leben in einzelnen Wohnungen im Gemeindegebiet.

Die Gemeinde Neuried kann dem Landkreis München erst kurz vor dem Planungsstopp überhaupt einen Standort anbieten. Die Bezirksregierung hat das Projekt auch im August 2016 noch nicht freigegeben.

Im Sommer 2015 dient die ehemalige Pflegeakademie in Gauting bereits seit zwei Jahren als Flüchtlingsunterkunft. „Als dieser große Ansturm kam, lief das erst einmal unproblematisch“, sagt Bürgermeisterin Brigitte Kössinger. „Die Belastung lag nicht bei der Gemeinde, sondern zunächst beim Landratsamt, das ja Unterkünfte finden musste.“ Im Oktober ziehen 45 afghanische Flüchtlinge ins ehemalige Bundesforstamt in Stockdorf ein. Weitere knapp 130 Asylbewerber finden im umgebauten Firmengebäude von Apparatebau (AOA) Gauting ein neues Zuhause auf Zeit.

Weil der Landkreis Starnberg massive Probleme hat, alle Flüchtlinge unterzubringen, wird erwogen, 128-Mann-Zelte, wie sie auch die Bundeswehr nutzt, auf der Sanatoriumswiese in Krailling aufzustellen. Der Markt für Container und Traglufthallen ist zu diesem Zeitpunkt leer gefegt. Der Aufbau der Zelte soll im Herbst erfolgen. Doch dazu kommt es nicht. Im April wird schließlich eine Container-Siedlung an der Hubertusstraße für maximal 144 Personen eröffnet, idyllisch eingebettet zwischen Ortsrand und Wiesen.

Gauting beherbergt mit 316 die meisten Flüchtlinge von allen Würmtalgemeinden. In Gräfelfing sind es 195, in Planegg 138, in Krailling 128 und in Neuried 23. Etliche sind bereits anerkannte Flüchtlinge. In den Statistiken der Landratsämter werden sie als Fehlbeleger geführt. „Theoretisch müssten sie direkt an dem Tag ausziehen, an dem sie die Anerkennung bekommen“, sagt Franziska Herr von der Pressestelle des Landratsamtes München. In den Häusern an der Großhaderner Straße in Gräfelfing sind 51 Bewohner davon betroffen, in Gauting 44, in Planegg 14 und in Krailling sieben.

Es gibt eine Übereinkunft zwischen den Gemeinden und den Landratsämtern, dass anerkannte Flüchtlinge vorerst in den Unterkünften bleiben dürfen. „Es ist nicht mehr die angespannte Krisensituation. Die Fragestellung hat sich geändert. Es geht darum, dass Anerkannte eine Bleibe auf dem freien Wohnungsmarkt finden“, sagt Gräfelfings Bürgermeisterin Wüst. Schaffen sie dies nicht und müssen dennoch eines Tages die Unterkünfte räumen, fallen sie als von Obdachlosigkeit Bedrohte in die Verantwortung der Kommunen. „Das ist ein großes Problem, weil wir die Wohnungen nicht haben“, sagt Gautings Bürgermeisterin Kössinger.

Sie rechnet damit, dass der Großteil der Asylbewerber in der Gemeinde bleiben möchte. „Das sind sehr viele Familien mit Kindern. Die Eltern werden bleiben wollen, weil die Kinder schon ein bisschen Fuß gefasst haben in Kindergärten und Schulen.“ Für die gemeindlichen Wohnungen und Sozialwohnungen gebe es Wartelisten. Anerkannte Flüchtlinge würden in Gauting nicht bevorzugt behandelt. Gleiches gilt in Gräfelfing. Bürgermeisterin Wüst: „Gesellschaftlich ist das sicher nicht ganz einfach."

nik/sr

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