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Facebook verleibte sich 2014 die Messenger-App WhatsApp ein. 

Dafür braucht das Netzwerk unsere Daten

So funktioniert Facebooks "Personen, die du vielleicht kennst" 

Menlo Park - "Ach, das ist doch der Typ von der Party!" Woher weiß Facebook denn, dass Sie den kennen? Gruselig. Hat WhatsApp womöglich etwas damit zu tun ? Wir gehen der Sache auf den Grund.

„Personen, die du vielleicht kennst“ sind Facebook-Nutzer, die du möglicherweise kennst. Herzlichen Dank, aber sind Sie jetzt schlauer? Möglicherweise kennen Sie Personen, die Sie vielleicht kennen. Für Sie keine zufriedenstellende Erklärung. Facebook drückt sich schwammig aus in seinem Hilfebereich. Aber es geht ja noch weiter: "Wir zeigen dir anhand gemeinsamer Freunde, Ausbildungs- und Berufsinformationen, Netzwerken, denen du angehörst, Kontakten, die du importiert hast, und vielen anderen Faktoren Personen an." Aha. Das hilft Ihnen auch nicht weiter. Vielleicht sollten Sie besser fragen: Welche Informationen verwendet Facebook nicht, um neue Freundschaften anzubahnen? Viele glauben, dass Facebook alle Daten verwertet, die ihm unter die Finger kommen. Private Nachrichten und Fotos inklusive.

WhatsApp gehört jetzt zu Facebook

WhatsApp-Gründer Jan Koum pflegte eigentlich lange eine andere Kultur im Umgang mit Nutzerdaten. Sein Mantra: WhatsApp werde keine Daten über die Nutzer mit anderen sozialen Netzwerken teilen. 2014 übernahm Facebook den Messengerdienst. Zwei Jahre nach der Übergabe brach Jan Koum nun sein Versprechen und gab bekannt: WhatsApp gibt ab Ende September 2016 die Handynummern der Nutzer an Facebook weiter.

Was bedeutet es für die Freundschaftsvorschläge bei Facebook, wenn WhatsApp mit seiner Ankündigung ernst macht? Eine ganze Menge. Das soziale Netzwerk kann dann sehen, wie oft Sie die verschiedenen Dienste nutzen, mit wem Sie wann telefonieren, simsen oder per WhatsApp schreiben. Der Typ aus der Disko, dem Sie Ihre Nummer gegeben haben, taucht so am nächsten Tag in Ihrer "Personen, die du vielleicht kennst"-Liste auf. Eigentlich ganz praktisch, oder? Diese Verknüpfung kann aber auch problematisch sein.

Facebook machte Psychiatrie-Patienten miteinander bekannt

In den USA schlug eine Psychiaterin Alarm, weil Facebook sie mit ihren Patienten in Verbindung brachte. Wie fusion.net berichtet, nutzte sie die sozialen Medien kaum. Trotzdem wurden ihr plötzlich ihre Patienten als Freunde vorgeschlagen. Auch untereinander wollte das Netzwerk Kontakt zwischen den Patienten herstellen. Ein junger Mann, der bei der Psychiaterin in Behandlung war, bekam plötzlich am Stock gehende Greise als Freunde vorgeschlagen. Normalerweise stellt der Facebook-Algorithmus auf Menschen gleichen Alters und ähnlicher Interessen ab. Wie kamen also ältere Herren in die Liste des jungen Mannes? Der 30-Jährige zählte Eins und Eins zusammen: Diese Menschen mussten ebenfalls Patienten seiner Ärztin sein!

Nach Recherchen vonfusion.net hatte Facebook die Verbindung all dieser Leute über das Anrufprotokoll der Psychiaterin hergestellt. Denkbar wäre auch, dass die Standort-Informationen der Patienten genutzt wurden. Schließlich besuchten sie alle regelmäßig den selben Ort: Die Praxis ihrer Ärztin. Man stelle sich nur vor, wie sich der selbe Fall bei einer Gruppe anonymer Alkoholiker gestalten würde. Von Anonymität könnte da keine Rede mehr sein. Die Frage ist nun: Handelt es sich bei solchen Geschichten um Einzelfälle? Oder müssen Sie Angst haben, dass Ihre Daten in Zukunft alles über Sie preisgeben?

Verwendet Facebook unsere Standortdaten?

Laut einem Facebook-Sprecher verwendet das soziale Netzwerk keine Standortdaten bei der Suche nach neuen Freunden. "Wir verwenden keine Standortinformationen, weder die Ihres Gerätes, noch die, die Sie selbst auf Facebook teilen." Warum der ein oder andere dennoch daran zweifelt, dass Facebook sich tatsächlich an diese Beschränkung hält? Das liegt wohl am Ruf der "Daten-Krake Facebook", den Datenschützern so gerne propagieren. Mit einem haben sie Recht: Facebook bekommt tatsächlich so einige Daten unter die Finger. Eben die, die wir ihm freiwillig zur Verfügung stellen.

Aktives Verhalten der Nutzer ist jedoch längst nicht alles, was das Netzwerk protokolliert. Das Unternehmen arbeitet ständig an einem System, mit dem es Freundschaften "berechnen" kann. Das Ziel: Menschen miteinander zu verbinden. Facebook ist das Thema Vernetzung so wichtig, dass es seine neuen Entwicklungen regelmäßig rechtlich schützen lässt. Wöchentlich meldet Facebook neue Patente an, fast alle im Zusammenhang mit der Datenanalyse. Doch was genau soll das eigentlich sein: "Datenanalyse"?

So funktioniert der Facebook-Algorithmus

Im Prinzip geht es immer um Informationen und um deren Beziehungen. Peter hat zum Beispiel zwölf Freunde und diese zwölf Freunde kennen alle Tina. Die Wahrscheinlichkeit, dass Peter Tina auch kennt, ist somit sehr groß. Wahrscheinlich hat er sie schon Mal auf einer Party getroffen oder wohnt in ihrer Nähe. Bei ihrer Arbeit stellen sich die Entwickler die Fakten als Kreise vor, die durch Linien miteinander verbunden sind. Ein Kreis wäre Peter, einer wäre Tina. Die Linien stellen die Beziehungen der Objekte untereinander dar.

Facebook ist für viele Menschen wie ein Tagebuch, in das sie jeden Tag neue Informationen eintragen. Deshalb hat Facebook eine unvorstellbare Menge an Informationen zur Verfügung. So entstehen riesige Graphen, die wie Stammbäume oder Mindmaps aussehen. Die Analysten können dann Fragen an diese Schaubilder stellen, nicht nur im Zusammenhang mit menschlichen Beziehungen, sondern auch mit Marketing. Zum Beispiel: Wann lesen die meisten Menschen Fußball-News in der U-Bahn? Interessieren sie sich vorwiegend für Bundesliga oder doch Champions-League? Hängt es vielleicht von der Tages- oder Jahreszeit ab, was am meisten gelesen wird? So werden Zielgruppen gebildet. Das ist praktisch für Werbung: Schwups - landet die Anzeige eines Sportartikelherstellers genau zu Beginn der Champions-League-Saison auf der Timeline der Fußball-Fans.

Wofür braucht Facebook all unsere Daten?

Im Endeffekt will Facebook Menschen aus aller Welt dazubringen miteinander zu kommunizieren. Das ist das Geschäft, das Facebook quasi erfunden hat. Deshalb sind die neuen "Freundschafts-Angebote" ja auch so wichtig für das virtuelle Netzwerk. Es kostet Facebook viel Zeit und Geld, das System noch effektiver zu machen. Natürlich braucht so ein Konzern eine Menge Einnahmen. Die kommen wiederum hauptsächlich von Unternehmen. Facebook kann Kundenkontakt herstellen. So landet auf Ihrer Timeline eben Werbung von Reiterbedarf, weil Sie oft Bilder von Ihrem Pferd posten. Und als Sie umgezogen sind, wurden Ihnen vermehrt Möbel angeboten. Schwarze Magie? Mitnichten.

Nachrichten, Profil-Informationen, Standorte, Fotos, Buchungen von Hotels und Taxis... Was auf Ihrem Smartphone so alles passiert, gibt Facebook ein ziemlich genaues Bild über Ihr Leben. Ihr Handy sagt Ihnen, wann Sie den Bus nehmen müssen, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Wenn Sie in einer fremden Stadt unterwegs sind, ist es Ihr Navigationsgerät. Beim Amoklauf in München aktivierte Facebook seinen Safety Check. Viele boten Gestrandeten über das Netzwerk ein sicheres Dach über dem Kopf an. Facebook will dabei helfen, das echte Leben einfacher zu machen. Wenn es dazu Ihre Daten braucht, warum nicht?

"Verbraucher müssen die Hoheit über ihre Daten behalten"

Ein entschiedener Gegner der unkontrollierten Datenweitergabe heißt Johannes Caspar und ist Datenschutzbeauftragter Hamburgs. Er verbat Facebook Ende September 2016 den Zugriff auf die WhatsApp-Daten. Für den Transfer der Handynummern müsse das Unternehmen zuerst die Genehmigung der Nutzer einholen. Auch Klaus Müller, Vorstand beim Verbraucherzentrale Bundesverbandes, meint in einer Pressemitteilung: "Mit großer Sorge beobachten wir einen schleichenden Trend: Verbraucher verlieren nach und nach die Hoheit über ihre Daten. Ihre Privatsphäre gerät in Gefahr."

WhatsApp entgegnet auf seiner FAQ-Seite: "Ab dem 25. August 2016 erhielten WhatsApp-Nutzer direkt in der App eine Benachrichtigung über die Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinie, sowie einen Überblick über wesentliche Updates. Die Nutzer hatten 30 Tage Zeit, um zu entscheiden, ob sie zustimmen und WhatsApp weiterbenutzen möchten."

WhatsApp setzt auf Transparenz

Liegt also doch alles in der Hand der Nutzer? "Mehr Transparenz" lautet wohl die Devise. Warum erklärt Facebook nicht genauer, was es mit den "Personen, die du vielleicht kennst" auf sich hat? WhatsApp geht mit gutem Beispiel voran und versucht auf seiner Homepage etwas Klarheit zu schaffen:

"Nichts, was du auf WhatsApp teilst, inklusive deiner Nachrichten, Fotos und Account-Informationen, wird für andere sichtbar auf Facebook oder einer anderen App der Facebook-Unternehmensgruppe von Apps geteilt. Das bedeutet, dass z. B., obwohl einige Informationen (wie deine Telefonnummer) mit Facebook geteilt werden, diese Informationen nicht von anderen Personen auf Facebook gesehen werden können.  Wenn du und deine Kontakte die neuste Version unserer App verwenden, sind deine Nachrichten standardmässig Ende-zu-Ende verschlüsselt. Wenn deine Nachrichten Ende-zu-Ende verschlüsselt sind, können nur die Personen, mit denen du chattest, sie lesen - nicht WhatsApp, Facebook oder irgendjemand anderes."

Das können Sie selbst tun

Wenn Sie sich schon gruseln vor den "Personen, die du vielleicht kennst", warum treten Sie dann nicht einfach aus Facebook aus? So ganz frei ist die Entscheidung für oder gegen die sozialen Medien dann eben doch nicht: Wer heutzutage ohne auskommen will, hat es in vielen alltäglichen Dingen schwerer. Dennoch: Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er im Netz von sich preisgeben will. Für alle, die skeptisch sind, gibt es die verschlüsselten Chats bei Facebook, die selbst Mark Zuckerberg nicht mitlesen kann. Wenn Sie prüfen möchten, welche Kontaktdaten und Nummern aus Ihrem Handy-Telefonbuch Facebook bereits gespeichert hat, klicken Sie hier. Sie können auch verhindern, dass weitere Kontakte aus Ihrem Adressbuch hochgeladen werden. Im Messenger gehen Sie dazu wie folgt vor:

Android: Tippen Sie auf „Personen“ > „Synchronisierte Kontakte“, um diese Einstellung zu aktivieren oder zu deaktivieren.

iPhone oder iPad: Tippen Sie auf „Synchronisierte Kontakte“, um diese Einstellung zu aktivieren oder zu deaktivieren.

Für die ganz Vorsichtigen bleibt wohl nur noch der Umstieg auf eine andere Messenger-Anwendung. Zum Beispiel Threema. Diese App befindet sich bisher noch nicht unter der Obhut des Daten-Riesen Facebook.

lg

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