Handel mit falschen Facebook-Fans blüht

Berlin - Im Netz blüht ein Handel mit „Likes“, Followern und Kommentaren in Sozialen Netzwerken. 1500 Klicks auf den eigenen „Gefällt mir“-Button auf Facebook gibt es schon für unter 100 US-Dollar.

Der Berliner Rapper Massiv hat digital aufgerüstet. Die Zahl seiner Twitter-Follower - Nutzer, die seine Meldungen in dem Kurznachrichtendienst verfolgen - hat sich binnen Wochen auf 100 000 verzehnfacht. Der Rapper hielt nicht hinter dem Berg, wo viele der Fans pünktlich zur Veröffentlichung seines neuen Albums herkamen. „Wer Follower will bei eBay gibt's Hammer Angebote“, twitterte er.

Das Marktforschungsunternehmen Gartner rechnet damit, dass 2014 zwischen 10 und 15 Prozent der Bewertungen in Sozialen Netzwerken gekauft sein werden. Das Geschäft laufe erst an, warnt eine im August veröffentlichte Studie des IT-Spezialisten Barracuda Networks.

Hintergrund ist, dass die Zahl der Anhänger in den Netzwerken sich zu einer wichtigen Währung entwickelt hat. Unternehmen messen daran den Erfolg ihrer Werbekampagnen, auch Journalisten orientieren sich an der vermeintlichen Fangemeinde.

„Solange Erfolg an Zahlen geknüpft wird, ist es verführerisch, das über eine Abkürzung zu machen“, sagt der Social-Media-Berater Boris Eldagsen. Er hat beide Seiten des Geschäfts getestet, das er in Vorträgen als „dunkle Seite der Likes“ bezeichnet - Logo im „Star Wars“-Design inklusive. Eldagsen und drei Mitstreiter tragen auf ihrer Webseite „Like Detectives“ Informationen zum Thema zusammen.

„Das ist eine grundlegende Veränderung von Social Media“, erläutert er. Die Netzwerke würden immer kommerzialisierter - und dadurch das Interesse zu manipulieren immer größer. „Wir liefern jeden Monat mehr als 2,5 Millionen Twitter-Follower“, wirbt etwa ein Anbieter.

Manchmal kommt das „Gefällt mir“ von Facebook-Accounts, die von einer Software (Bot) gesteuert werden. Manchmal sind es Menschen, die für einige Cent auf „Like“ klicken oder einen Kommentar schreiben. „Zurzeit ist der Markt so, dass viele semi-professionelle Anbieter sich gegenseitig das Wasser abgraben“, beobachtet Eldagsen. „Ich denke, dass es sich professionalisieren wird.“

Auch auf den Profilen großer Unternehmen finden sich Bot-Fans, wie eine Auswertung des Mailänder Professors Marco Camisani Calzolari zeigte. Im US-Wahlkampf fiel ein sprunghafter Anstieg der Follower des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney auf. Sein Twitter-Konto gewann an einem einzigen Tag fast 117 000 Anhänger - ein Plus von 17 Prozent. Barracuda Networks fand bei vielen von ihnen Indizien, dass es sich um Bots handelt.

Der Fall zeigt ein Problem auf: Wer die mutmaßlich falschen Follower gekauft hat, ist offen. Immerhin wäre es auch denkbar, dass das gegnerische Lager dahintersteckt. Oder eine Agentur, die ohne das Wissen ihres Auftraggebers handelt, um eine vereinbarte Zielmarke zu erreichen. „Der Nachweis ist das große Problem“, sagt Eldagsen.

Klar ist für einige Analysten aber, welche Folgen das Geschäft mit den Likes haben könnte. „Fake-Nutzer sollten Facebook und Twitter Sorgen machen, weil sie Nutzervertrauen, Online-Sicherheit und das allgemeine Gemeinschaftsgefühl der sozialen Netzwerke bedrohen“, schreibt Paul Judge von Barracuda.

Der Chef des Hamburger Social Media-Dienstleisters Ethority, Sten Franke, sieht dagegen keine Gefahr für die Sozialen Netzwerke. Aber auch er warnt vor den gekauften Freunden. „Längerfristig bringt es nichts, weil das eigentliche Kommunikationsziel - nämlich ein Dialog - nicht erreicht wird.“ Zudem setzten Unternehmen sich dem Risiko aus, ihre Arbeit zunichtezumachen, falls der Kauf auffliegt. „Ich glaube nicht, dass sich das langfristig als Massenphänomen durchsetzen wird.“

Facebook geht davon aus, dass es sich nur bei 1,5 Prozent seiner Nutzer um missbräuchlich angelegte Profile handelt. Ende August hat das Unternehmen angekündigt, stärker gegen falsche Likes vorzugehen und sie automatisch zu löschen: „Ein Like, das nicht von jemandem kommt, der wirklich an einer Seite interessiert ist, nützt niemandem.“ Das Technologieblog „TechCrunch“ berichtete vergangene Woche über erste Lösch-Aktionen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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