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Buchcover der Neuerscheinung "Digitale Depression".

Auszug aus dem Buch "Digitale Depression" 

Münchner Autoren: Wer aufs Smartphone starrt, verpasst Glücksmomente

München - Wir zerstören unsere Glücksmomente, weil wir in den schönsten Augenblicken auf unser Smartphone starren - um unser Essen, unsere Turnschuhe, die Isar zu fotografieren. Zwei Münchner Autoren schreiben über die "Digitale Depression". Ein Buchauszug. 

"Tobi ist über das Wochenende zu Besuch, wir haben uns ewig nicht gesehen. Doch die Wiedersehensfreude ist von kurzer Dauer. Seitdem sich seine Freundin per WhatsApp gemeldet hat, ist er faktisch nicht mehr bei uns. Er ist damit beschäftigt, Fotos zu machen, die er ihr schicken kann. Ihr zu berichten, was er gerade macht – oder machen würde, wäre er nicht ständig am Tippen. Während unseres Stadtspaziergangs haben Sehenswürdigkeiten keine Chance, das Display ist interessanter. Auch später in der Kneipe will kein intensiveres Gespräch in Gang kommen, denn der nächste Plington kommt garantiert. Wir sind genervt, Tobi wirkt gestresst, aber kann es andererseits auch nicht lassen. "Ich antworte nur kurz", heißt es. Auf seine Antwort folgt ihre Antwort … Am Sonntagabend reist Tobi wieder ab und war irgendwie gar nicht wirklich da. Aber aus dem Zug ruft er dann noch mal an – wie erfreulich, so viel haben wir das ganze Wochenende nicht geredet!

Schön, dass die Technik die Menschen heute überall miteinander verbindet. 

Nicht schön, dass sie gleichzeitig Menschen voneinander trennt. 

Buchcover der Neuerscheinung "Digitale Depression".

Tobis Freundin wollte vielleicht gar nicht stören. Ihr war nicht bewusst, dass sie durch ihre interessierten Nachfragen die Stimmung bei Tobi und seinen Gastgebern ziemlich vermiest. Vielleicht sogar Aggressionen ihr gegenüber entstehen lässt, bevor man sie jemals persönlich kennengelernt hat. Sie kann nichts dafür und Tobi wollte es auch nur richtig machen. Die Freundin teilhaben lassen. Und eine kleine Nachricht zwischendrin, so hat er vielleicht gedacht, stört ja auch nicht weiter. Dass es nicht bei einer Nachricht bleiben würde, dass ein oder zwei Telefonanrufe am Tag insgesamt viel weniger störend gewesen wären, war für ihn anscheinend nicht abzusehen. Dass sein Smartphone, das er beim Tippen auch noch in Augenhöhe hält, gleich als doppelte Barriere zum Gesprächspartner ziemlich respektlos wirkt, war ihm wahrscheinlich auch nicht bewusst. 

Es gibt wohl kein eindeutigeres Signal, dem Gesprächspartner Desinteresse zu signalisieren, als neben der offensichtlich gedanklichen Ablenkung auch noch den Blickkontakt unmöglich zu machen. Aber er selbst sieht sich ja nicht in dieser Haltung. Vielleicht hätten wir in der Situation ein Foto machen sollen, um es ihm aufs Handy zu schicken. Das wäre eventuell eine Chance gewesen, auch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. 

Was müsste wohl passieren, damit wir wieder so unbeschwert wie früher mit Freunden zusammen sein können? 

Brauchen wir noch mehr Technik, um die Technik um uns herum zu kontrollieren? Vielleicht einen Störsender in der Hosentasche, um unsere Freunde zurück in die reale Welt zu holen? Oder müssen wir uns an die eigene Nase fassen, uns zu einem anderen Umgang mit Technik erziehen? 

Uns allen geht es manchmal wie Tobi. 

Ohne böse Absicht rutscht man in Verhaltensweisen, die mehr Ärger als Freude stiften und auch dem eigenen Glück im Wege stehen. Technik begünstigt häufig ebensolche Verhaltensweisen: Dem digitalen Kommunikationspartner mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den physisch anwesenden Mitmenschen. Zu verlernen, das Glück im Moment zu erleben und erst durch entsprechende Likes zu einem Post auf Facebook vermeintlich glücklich zu werden. Positive Gefühle von Fortschrittsbalken unserer Fitness- Gadgets abhängig zu machen, statt von unserem Vorankommen im realen Leben. Vor lauter Konzentration auf die Technik das eigene Glück aus den Augen zu verlieren.

[...]

Natürlich haben wir alle gerne Fotos, und auch ein Video schaut man sich vielleicht gern noch einmal an – aber paradox wird es, wenn es sich um tatsächlich schwer festzuhaltende Dinge handelt. Wie das Glockenspiel, das mit der Handykamera aufgenommen einfach nur grausig klingt. Wer möchte das seinen Freunden noch mal vorspielen?! Ähnlich ist das bei Liveaufnahmen eines Konzerts der Lieblingsband. 

Da lässt sich durchaus fragen, ob man nicht tatsächlich mehr davon hätte, den Moment einfach nur zu genießen …" 

Über die Autoren des Buches "Digitale Depression

Sarah Diefenbach ist Professorin an der LMU München, studiert hat sie Psychologie mit Nebenfach Informatik. Sie forscht auf dem Gebiet Mensch-Technik-Interaktion und untersucht hier insbesondere positive Emotionen und die Schwierigkeit, das zu wählen, was uns glücklich macht (Hedonic Dilemma). Daniel Ullrich ist Post-Doc am Lehrstuhl für Medieninformatik der LMU München. Er promovierte zum Thema intuitive Interaktion mit technischen Produkten. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nutzererleben und positive Erlebnisse mit Technik, insbesondere mit intelligenten Systemen und Robotern.

Das Buch: Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich: Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. mvg-Verlag, 16,99 Euro. Erscheinungstermin: 9. Mai. 

Video: So funktioniert die neue WhatsApp-Verschlüsselung

Die neue Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bedeutet, dass ab sofort Nachrichten, Bilder und Videos die über WhatsApp verschickt werden, geschützt sind. Sie können nur noch vom Sender und Empfänger gelesen werden, sonst von niemandem.

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sah

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