Andreas König ist Sicherheitsexperte beim Deutschen Skiverband. Foto: DSV

Trotz Helm und Co.

„Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“

Andreas König vom Deutschen Skiverband erklärt, was moderne Schutzausrüstung leisten kann und wo sie an Grenzen stößt.

Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass der frühere Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher beim Skifahren gestürzt ist und mit schweren Kopfverletzungen um sein Leben bangen musste. Damals hieß es sogar, sein Helm sei gebrochen. Kann und soll das sein?

Ja, unter gewissen Umständen kann der Helm brechen. Die modernen Helme von heute haben nicht mehr die voluminöse Raumfahrer-Optik von einst, sondern sind gewissermaßen ein modisches Accessoire – mit Sicherheitsfunktion. Das liegt am intelligenten Innenleben, das unter der harten Außenschale steckt: Dieses weiche Dämm-Material nimmt bei einer punktuellen Belastung, also beispielsweise durch einen sturzbedingten Aufprall, die Energie auf und federt den Druck ab.

Die Druckenergie wird also über die Kopfoberfläche verteilt. Bei einer extrem starken Belastung – wir sprechen von „Hard Impact“ – muss die Energie aber irgendwohin abgeleitet werden, weil sie sonst massiv nach innen, also auf den Schädel, drücken würde. In diesem Fall darf ein Skihelm durchaus brechen. Man muss sich das vorstellen wie bei einem weichen Turnschuh im Vergleich zu einem High-Heel-Absatz: Laufe ich mit dem Turnschuh über ein Stück Plastik, hält es das aus – unter dem Stöckelschuhabsatz würde es zerbrechen.

Wie ist es, wenn jemand eine Helmkamera montiert und deren Halterung bei einem Sturz zu einer Punktbelastung führt?

Das wäre genau wieder der Stöckelschuheffekt. Die Helmhersteller verweisen darauf, dass bei einer montierten Kamera die Schutzfunktion nicht mehr hundertprozentig gegeben ist. Alternativ gibt es aber Gummibandsysteme, mit denen sich die Kamera zum Beispiel auf Oberkörper oder auf der Schulter befestigen lässt.

Stichwort Rumpf: Wie verteilen sich überhaupt die Verletzungen beim Skisport?

Den Statistiken der Auswertungen für Skiunfälle (ASU) zufolge hat sich die Zahl der Skiunfälle in den vergangenen 40 Jahren um über die Hälfte. Die Verteilung ist ungefähr gleich geblieben: Rund 40 Prozent der Skiunfallverletzungen entfallen auf die Knie, 20 Prozent auf die Schulter, je acht Prozent auf den Rumpf und – dank der Helme spürbar weniger als früher – auf den Kopf.

Manche Wintersportler panzern sich mittlerweile mit Protektoren, um zum Beispiel die Wirbelsäule zu schützen. Wie sinnvoll ist das?

Es gilt, den an sich unmöglichen Spagat zu schaffen zwischen maximalem Sicherheitsbedürfnis und maximalem Tragekomfort – Parameter, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen, denn nichts ist so unpraktisch wie eine Art Ritterrüstung. Doch auf diesem Sektor hat sich viel getan, die modernen Protektoren sehen aus wie eine Weste und tragen sich auch wie ein Kleidungsstück: Sie sind weich, werden beim Aufprall blitzschnell hart – quasi Materialien, die mitdenken. Ein Hersteller bietet sogar einen Airbag für den Rennlauf an: Ein Chip fungiert als sogenannter Beschleunigungsmelder – er erkennt abnorme Bewegungsabläufe wie einen Sturz, sodass sich dann der Airbag öffnet, um Kopf und Halswirbel zu schützen. Diese Entwicklungen aus dem Rennbereich soll jetzt auch in den Freizeitsport übergehen.

Das klingt nach einem futuristischem Rundum-Sorglos-Paket...

Vorsicht, eine hundertprozentige Sicherheit kann und wird es nie geben!

Warum nicht?

Jede Schutzausrüstung wirkt nur so gut wie derjenige, der sie bedient. Nehmen wir die Passform: Der Helm ein bisschen weiter, weil er dann lässiger sitzt? Der Protektor lieber etwas kürzer, weils bequemer erscheint – und dann bricht in der Lücke der Wirbel? Oder nehmen wir die Bindung: Die soll einerseits bei einem Sturz auslösen, also sich öffnen, andererseits auch bei 80 km/h so fest sitzen, dass ein guter Skifahrer auf harter Piste seinen Ski nicht verliert. Eine Bindung kann nicht alle Szenarien vorhersehen. Auch die beste Schutzausrüstung kommt irgendwann an ihre Grenzen.

Was heißt das für eine möglichst verletzungsfreie Praxis?

Sich so zu verhalten, dass man erst gar nicht in eine brenzlige Situation kommt. Der Skifahrer selbst bestimmt durch sein Verhalten das Risiko! Und die Gefahr, dass jemand durch vermeintlich tolles Equipment – man trägt ja Protektor oder hat 600 Euro für einen ABS-Rucksack mit Lawinenairbag bezahlt – die persönliche Risikogrenze verschiebt, kann durchaus sein.

Aus Umfrage-Analysen wissen wir, dass viele Wintersportler vor einem Unfall die Situation falsch eingeschätzt und die Gefahr gar nicht erkannt haben. Die beste Lawinen-Notfallausrüstung nützt einem Freerider nichts, wenn er sie nicht bedienen kann. Und eine Gefahrenstelle zu erkennen hat auch etwas mit Wahrnehmung zu tun, speziell bei schwierigen Sichtverhältnissen mit Licht-Schatten-Wechsel oder Nebel: Eine gute Skibrille – viele fahren leider ohne – hilft, den unerwarteten Sulzbuckel zu erkennen statt ihn zu übersehen. Der beste Skifahrer ist letztlich der, der sich rechtzeitig einbremst und sagt: Stopp, das ist mir zu gefährlich. Bei allen Hightech-Innovationen – Skifahren ist und bleibt ein Sport, bei dem sich Risiken zwar minimieren, Verletzungen aber nicht generell vermeiden lassen.

Das Gespräch führte Martin Becker.

Martin Becker

Martin Becker

E-Mail:martin.becker@merkur.de

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