Hans-Thomas TillschneiderUni-Dozent und AfD-Denker

"Feind aller linken Spießer"

Das ist der Chefideologe der AfD

Bayreuth - Der Bayreuther Islamwissenschafter Hans-Thomas Tillschneider ist für die AfD in Sachsen-Anhalt ins Parlament eingezogen. Ein Porträt des Uni-Dozenten und Chefideologen.

Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt hat auch eine bayerische Komponente. Auf Listenplatz 10 ist der Bayreuther Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider in den Magdeburger Landtag eingezogen. Der Akademische Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Islamwissenschaft errang im Wahlkreis Dürrenberg-Saalekreis sogar das Direktmandat.

Hans-Thomas TillschneiderUni-Dozent und AfD-Denker

Tillschneiders Agitation für die AfD ist an der Uni Bayreuth schon länger Thema, denn der 38-Jährige ist ein Vordenker des rechten AfD-Flügels. Er selbst titulierte sich in einem Interview mit einer Rechtspostille als „eine Art Rudi Dutschke von rechts“. Er machte bei der Dresdner Pegida-Bewegung mit, und zeitweise beim radikaleren Leipziger Ableger „Legida“. Die Bayreuther Juso-Hochschulgruppe nennt Tillschneiders Agitation eine „Gefahr“, weil er geschickt argumentiere.

Tillschneider hinterlässt breite Agitationsspur

Im Internet hat Tillschneider, der Rumäniendeutscher ist, eine breite Agitationsspur hinterlassen. „Ich will die Politik von ihrem pseudomoralischen Ballast befreien“, tönt er. Der Sprecher der so genannten Patriotischen Plattform, die sich als Sprachrohr der „konservativen“ AfD-Mitglieder versteht, stützte bei parteiinternen Auseinandersetzungen den scharf rechts positionierten Thüringer AfD-Fraktionschef Höcke. „Lasst unseren Björn Höcke in Ruhe!“, hieß es im Internet-Auftritt der Patriotischen Plattform.

Tillschneider selbst hat zu praktisch jedem Thema eine Meinung – ob nun TTIP („verhindern“) oder GEZ-Gebühren („abschaffen“). In einem Artikel verteidigt er seine Forderung, staatlichen „Schulzwang“ durch eine „Bildungspflicht“ zu ersetzen, damit Eltern ihre Kinder auch zu Hause unterrichten könnten. Begründung: In Schulen bestehe eine „sozialistische Idealisierung des Kollektivs“ und Indoktrinierungsgefahr. Die sieht der Uni-Dozent auch durch die angebliche „Frühsexualisierung“ an Schulen und sogar Kindertagesstätten gegeben.

Dass angeblich schon bei Grundschulkindern um Verständnis für Homo- und Intersexualität geworben wird, ist bei AfD-Anhängern ein beliebtes Thema. Tillschneider sieht sich als „Feind aller linken Spießer“, er sei „100 Prozent Patriot“ und „100 Prozent Demokrat“. Allerdings hat er in seinen Wahlauftritten den Landtag von Sachsen-Anhalt verhöhnt – er verliere sich in „technokratischen Scheindebatten“. Regelrecht verhasst ist Tillschneider die EU – es sei nur eine Frage der Zeit, „wann dieser monströse Vielvölkerstaat in sich zusammenbricht“. Klar, dass Tillschneider auch einen Austritt Großbritanniens aus der EU begrüßen würde, wie er auch einen Wahlsieg der rechtsradikalen Marine Le Pen in Frankreich herbeisehnt.

Uni-Dozent und AfD-Agitator zugleich? Er trennt das strikt

Fragt sich, wie so jemand an der Uni Bayreuth lehren kann. Tillschneider, ehemaliger Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, scheint in der Fachwelt ein anerkannter Experte zu sein. Er selbst betont, dass er strikt Politik und Wissenschaft trenne – was sogar die Juso-Hochschulgruppe nicht in Frage stellt. Er beschäftige sich ganz neutral in Seminaren und Vorlesungen mit islamischen Quellen und dem Koran – obwohl er bei der AfD als „Islamisierungskritiker“ auftritt.

Der umtriebige AfD-Mann ist dem bayerischen Wissenschaftsministerium seit längerem bekannt. Eine Betätigung in Parteien, die nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden, sei auch dem Uni-Personal gestattet, sagt ein Sprecher. Doch sei eine „dem Amt angemessene Zurückhaltung geboten“ – Verstöße rügen müsse dabei der Dienstvorgesetzte, in diesem Fall der Lehrstuhlinhaber Prof. Rainer Oßwald. Ob der seinen Mitarbeiter Tillschneider jemals auf die AfD angesprochen hat, ist nicht bekannt – eine Anfrage unserer Zeitung ließ Oßwald gestern unbeantwortet.

Ohnehin dürfte Tillschneiders Tätigkeit an der Uni bald Geschichte sein. Nach dem Abgeordnetengesetz von Sachsen-Anhalt ruhen alle Rechte und Pflichten eines in den Landtag gewählten Beamten. Tillschneider werde mit Beginn der Legislaturperiode keine Bezüge mehr erhalten, auch die drei im Vorlesungsverzeichnis angekündigten Seminare im Sommersemester 2016 werde er nicht abhalten können – „so verstehen wir das Gesetz“, hieß es am Montag aus dem Ministerium.

Auch im Ausland sind die drei Landtagswahlen intensiv diskutiert worden. Wir haben eine kleine internationale Presseschau zusammengestellt.

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