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Erst provokant, dann falsch verstanden: das AfD-Duo Petry (l.) und Gauland.

Erst provoziert Partei, dann relativiert sie

AfD-Attacke auf Boateng ist Eigentor von Rechts

München - Erst der Wirbel um Islam und Kirchen. Nun Aufregung um ein Zitat von Alexander Gauland über Fußballer Jérôme Boateng. Das Muster der AfD ist immer ähnlich: Auf die Provokation folgt die Relativierung. Diesmal aber könnte die Partei zu weit gegangen sein.

In sozialen Netzwerken gehören emotionale Aufwallungen zur Tagesordnung. Doch der Shitstorm, der sich gestern über AfD-Vize Alexander Gauland entlädt, hat eine neue Qualität. Diesmal echauffieren sich nicht nur namenlose Wutbürger, hier schreibt die erste Reihe der deutschen Politik. Gauland sei ein „übler Rassist“, seine Äußerungen „abstoßend und widerlich“, schimpft SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann. Vize-Kanzler Sigmar Gabriel nennt die AfD „deutschfeindlich“. Und Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt meint, Gauland und die AfD seien „nicht in Deutschland angekommen.“

Zwei Wochen vor Beginn der Fußball-EM scheinen sich die Rechtspopulisten mit den Falschen angelegt zu haben. Mit Nationalhelden. Vergangene Woche hatte Pegida gegen Kinderbilder deutscher Nationalspieler mit Migrationshintergrund auf Kinder-Schokolade gehetzt. Die Aufregung war groß. Vor dem Hintergrund entsprechender Schlagzeilen fand am vergangenen Mittwoch in Potsdam ein Gespräch Alexander Gaulands mit zwei Journalisten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ statt. Am Sonntag dann veröffentlicht die Zeitung ein Zitat daraus. „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Jérôme Boateng, in Berlin geboren, ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Er war zentraler Bestandteil der Weltmeister-Mannschaft von 2014 und des Teams, das 2013 mit dem FC Bayern die Champions League gewann. Entsprechend groß ist die Aufregung beim DFB: „Es gibt leider Menschen, die wollen offensichtlich unser Land spalten“, sagte Vizepräsident Rainer Koch.

Als sich am Sonntagvormittag im Internet die Wut über die Äußerungen entlädt, rudert die AfD zurück. Schuld ist die Presse. „Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat“, sagt Parteichefin Frauke Petry, entschuldigt sich aber gleichzeitig „bei Herrn Boateng für den Eindruck, der bereits jetzt entstanden ist.“ Gauland selbst scheint sich doch zu erinnern: Er habe Boateng nicht beleidigt, legt er sich fest. „ Ich habe in dem vertraulichen Hintergrundgespräch die Einstellung mancher Menschen beschrieben, aber mich an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert.“ Die FAZ-Journalisten weisen diese Darstellung zurück: Beide hätten das Zitat mitgeschrieben. Zudem habe es sich bei diesem Teil des Gesprächs nicht um Hintergrund gehandelt. Lediglich in einer Passage, in der es um andere AfD-Führungspolitiker ging, wurde Vertraulichkeit vereinbart. Eine nachträgliche Autorisierung von Zitaten gab es, anders als bei Gesprächen mit Politikern oft üblich, nicht.

CDU-Vize Julia Klöckner sieht in Gaulands Vorgehen ein „typisches Muster“ der AfD: „beleidigen, provozieren – später dann relativieren“. Tatsächlich gibt es etliche Fälle, in denen die Rechtspopulisten erst vorpreschten – dann aber vorsichtiger wurden. Beispiel: Islam. „Der Islam ist an sich eine politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist“, hatte AfD-Vize Beatrix von Storch forsch erklärt. Jörg Meuthen sagte dagegen später, er habe nichts gegen Moscheen in Deutschland. „Moslems sollen ihren Glauben leben dürfen, aber friedlich.“

Oder die Auseinandersetzung mit den Kirchen: Bayerns AfD-Chef Peter Bystron nannte den Katholikentag (siehe unten) den „Gipfel der Scheinheiligkeit“, weil eine Lobby, die Milliarden am Flüchtlingselend verdiene, sich selbst feiere. „Hier klatschen sich die Profiteure der Asylkrise gegenseitig auf die Schultern und verkaufen es auch noch als einen Akt der Nächstenliebe“, schrieb Bystron. Petry dagegen ärgerte sich eher darüber, dass die AfD nicht eingeladen wurde. Aber: „Ich habe nie aufgehört zu denken, dass Kirche eine gute Sache ist.“

Bislang kam die AfD damit durch. Sich mit den WM-Helden anzulegen, könnte sich als strategischer Fehler erweisen. Normalerweise versuchen Politiker eher, sich in deren Ruhm zu sonnen. Zum Teil sind sie selbst begeisterte Fußballfans. „Ich freue mich, dass Jérôme Boateng in meinem Wahlkreis lebt“, sagt Florian Hahn, CSU-Abgeordneter aus dem Landkreis München und Vorsitzender des FC-Bayern-Fanclubs im Bundestag. Boateng sei in „seiner Leistungsbereitschaft, Disziplin und seinem positiven sympathischen Auftreten ein echtes Vorbild für die junge Generation“. Auf einen Nachbarn Gauland möchte Hahn „gerne verzichten“.

Nach Gauland-Hetze: So verteidigt Rummenigge Boateng

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss des FC Bayern München, hat sich am Sonntag mit einem offiziellen Statement auf der FCB-Webseite in die Debatte eingeschaltet.

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