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Digitale Fundamentalopposition: Die AfD-Politiker Björn Höcke, André Poggenburg und Alexander Gauland (v.l.)

Einfache, plakative, provokante Botschaften

Die AfD und ihre Facebook-Armee

München – Die AfD ist auf Facebook eine Macht. Die Partei verfügt über eine regelrechte Armee von Unterstützern und über Reichweiten, von denen SPD und Union nur träumen können. Und das weiß sie gekonnt einzusetzen.

Man muss sich Herrn König als einen viel beschäftigten Menschen vorstellen. Früh morgens beginnt sein Arbeitstag. Kurze Lagebesprechung mit der AfD-Parteizentrale, dann legt der Mann in seinem Haus nahe Aschaffenburg los. Themen finden, zuspitzen, Botschaften setzen. König bearbeitet Bilder mit Photoshop, bastelt sie auf dem Computer mit Zitaten von AfD-Spitzenpolitikern zusammen, stellt sie ins Internet. Er sichtet Links und Kommentare, beurteilt sie, schaltet frei, löscht – unzählige an einem Tag.

Wenn es König mal zu viel wird, geht er kurz mit dem Hund. Dann geht es weiter. Der Tag endet manchmal erst nachts. Aber die Arbeit lohnt sich. König verwaltet den Schatz der Partei. Er ist Administrator der offiziellen AfD-Facebook-Seite.

Man kann derzeit nicht mit Herrn König sprechen. Die Partei will das nicht. In Wirklichkeit heißt er auch anders. Den Namen König hat dem Mann ein Journalist gegeben, der ihn besucht und beschrieben hat. Man konnte lesen, er sei Anfang Sechzig, sei früher mal Angestellter in einem Autohaus und ganz früher mal SPD-Mitglied gewesen. In der Parteizentrale heißt es, man habe „König“ inzwischen zwei Mitarbeiter zur Seite gestellt. Er mache das gut, man lasse ihm viel Freiheit.

Die Botschaften sind einfach, plakativ, provokant. Ein Foto von Alexander Gauland, darüber der Satz: „Österreich schützt sein Volk, wir das unsere nicht“. Ein Foto der Kanzlerin, skeptischer Blick. Der Satz: „Deutschland stand vor einer kompletten Grenzschließung ... und dann kam Frau Merkel“. Die Themen sind in Variationen immer wieder die gleichen.

Der Wert der Seite ist für die AfD nicht aufzuwiegen

Mehr als 270 000 Nutzer folgen der Facebook-Seite der AfD. Weit mehr als den Seiten der Volksparteien CDU (107 000) und SPD (106 000) zusammengenommen. Würde die Partei ihre Seite verkaufen, könnte sie mit mehr als fünf Millionen Euro Erlös rechnen, heißt es in der AfD. In Wahrheit ist der Wert, den die Seite für die Partei hat, in Geld wohl nicht aufzuwiegen.

Die Nutzer teilen die Beiträge, übernehmen die Inhalte für ihre eigenen Facebook-Seiten, deren „Fans“ verteilen sie wieder weiter. „Das ist nicht nur eine große Community, sondern eine, die besonders viel interagiert“, sagt der Hamburger Politikberater und Blogger Martin Fuchs. Die AfD erreiche so am Ende vier bis fünf Millionen Menschen. „Das ist Wahnsinn und im Vergleich zu anderen Parteien eine weit überdurchschnittliche Reichweite“, sagt Fuchs. Zum Vergleich: Das ZDF-„heute journal“ – eine der beliebtesten Nachrichtensendungen – sehen durchschnittlich 3,7 Millionen Menschen. Die Autorin und AfD-Beobachterin Liane Bednarz spricht von der „ersten Facebook-Partei“. AfD-Mann König hat im Netz eine Parallelwelt erschaffen. Eine politische Käseglocke, die den herkömmlichen Medienbetrieb nicht mehr braucht?

In der Partei scheint man das so zu sehen. „Es ist eben so, dass unsere Anhänger den herkömmlichen Medien nicht vertrauen“, sagt der Pressesprecher der AfD, Christian Lüth. Statt Fernsehen oder Zeitungen Glauben zu schenken, informierten sich viele lieber direkt bei der Partei. „Wenn Herr Gauland oder Frau Petry etwas sagen, dann hat das bei unseren Wählern eine höhere Glaubwürdigkeit.“ Im Klartext: Was die Medien berichten, ist egal. Richtig ist für die Anhänger, was die Parteiführung verlautbart.

Die AfD weiß diese Macht zu nutzen: In der vergangenen Woche erschien ein Interview mit Partei-Chefin Frauke Petry in der „Welt am Sonntag“. Darin sprach sie sich für eine Anhebung des gesetzlichen Rentenalters aus. An einer weiteren Verlängerung der Lebensarbeitszeit führe „kein Weg vorbei“. Außerdem werde man „vermutlich über eine weitere Kürzung der Renten reden müssen“. „Brutal“, aber eben notwendig, sagte Petry. Da solche Interviews in der Regel nicht erscheinen, ohne von dem entsprechenden Politiker gegengelesen zu werden, konnte man davon ausgehen, dass die Worte auch so gefallen waren. Eigentlich.

"AfD gilt als Partei, die außerhalb des Systems steht"

Offenbar war Petry indes klargeworden, dass die zitierten Passagen so gar nicht zum selbst gezeichneten Bild der AfD als Partei der kleinen Leute passten. Auf Facebook holte sie daher zum Gegenschlag aus. In einem Post wandte sie sich vergangenen Sonntag an ihre Anhänger. „Wieder einmal gibt es Anlass, die in den Medien veröffentlichten Aussagen klarzustellen“, schreibt die Parteichefin. In dem Interview seien nur „stark gekürzte Aussagen zu lesen“. Was sie angeblich tatsächlich gesagt habe, führt sie dann ausführlich aus. Jedenfalls sei es natürlich „keineswegs“ Ziel der AfD, „die Menschen bei immer weniger Rente immer länger arbeiten zu lassen“.

Öffentliche Aussage, Zurückrudern, Erklärung bei Facebook: So läuft es immer wieder. AfD-Vize Alexander Gauland äußert sich über den dunkelhäutigen Fußballnationalspieler Boateng. Ihm wird Rassismus vorgeworfen. Kurz darauf ein wohl von Herrn König gestaltetes Bild im Netz. Ein seriös lächelnder Gauland beteuert: „Ich habe Herrn Boateng nicht beleidigt!“ 5600 Mal geteilt. Der Parteivorstand stellt sich hinter Gauland. Schuld sind die etablierten Medien. Die Wagenburg ist geschlossen. Inzwischen habe man genügend Möglichkeiten, „verkürzte und falsche Darstellungen“ mit Hilfe der sozialen Medien zurechtzurücken, schreibt die AfD Bayern in einem Facebook-Post.

Gerade auf Facebook werde eine Art APO-Haltung kultiviert, sagt Social-Media-Experte Fuchs. Eine Fundamentalopposition. „Die AfD gilt als Partei, die außerhalb des Systems steht und sich als Strategie auserkoren hat, das System anzugreifen.“

Die Facebook-Infrastruktur beschränkt sich keineswegs nur auf die Hauptseite des Bundesverbandes. Von Anfang an bedienten sich auch Orts- und Kreisverbände der sozialen Medien. Die AfD habe schnell begriffen, dass die klassischen Medien ihr nicht die Aufmerksamkeit schenken würden, die sie brauchte, um potenzielle Anhänger zu gewinnen, sagt Fuchs. „Also musste die AfD ihr eigener Verleger sein.“ Man kommunizierte, aber man organisierte sich auch auf Facebook. Manche Facebook-Seite entstand, bevor es überhaupt einen regulären Internetauftritt gab. Fuchs spricht von einer „digitalen Parallelstruktur“.

Dort ist der Kontakt zwischen den Anhängern äußerst rege. Man teilt die Inhalte, bestärkt sich gegenseitig. Man ist unter sich – da nimmt man es manchmal mit der Wahrheit auch nicht so genau. Die AfD Nürnberg postete im März eine manipulierte Schlagzeile der „Abendzeitung“. Aus „Jugendliche wollten Flüchtlingsheim in Brand stecken“ wurde kurzerhand „Polizei erwischt Linksextreme bei Brandstiftung in Asylbewerberheim!“ Die Abendzeitung ging rechtlich erfolgreich dagegen vor.

Geschadet hat nichts: Die AfD liegt heute bei 14 bis 15 Prozent

Ein anderes Beispiel: Im Mai hatte in Grafing ein psychisch kranker Deutscher namens Paul H. mehrere Passanten niedergestochen. Auf rechtsgerichteten Internetseiten verbreitete sich, bei dem Attentäter handele es sich in Wahrheit um einen Islamisten namens Raffik Youssef. Die Unwahrheit, die aber von der AfD Heidelberg auf Facebook bereitwillig weiterverbreitet wurde.

Geschadet hat der AfD das bisher nicht. In Umfragen lag die Partei zuletzt bei 14 bis 15 Prozent. Am Ende vielleicht sogar wegen solch provokanter Aktionen?

Herr König wird jedenfalls weiter täglich für die AfD Themen sondieren und Beiträge basteln. Gegen die Zuwanderung. Gegen das Freihandelsabkommen TTIP. Gegen die Rundfunkgebühren. In seinem Haus nahe Aschaffenburg wird er weiter Stimmungen erspüren, Meinungen machen. Auf eines achtet er dabei genau: Bei aller Stimmungsmache darf Facebook keinesfalls einen Grund finden, die Seite eines Tages zu sperren – denn das wäre für die Partei eine Katastrophe. Ihr Schatz wäre verloren.

Til Huber

Til Huber

E-Mail:til.huber@merkur.de

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