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Sein Bild steht für das ganze Grauen eines Krieges: Der kleine Omran in einem Rettungswagen in Aleppo. 

Helfer und Journalist berichten

Apokalypse in Aleppo: Was die Menschen dort jeden Tag erleiden

Aleppo - Es ist einer der verheerendsten Konflikte der Neuzeit: Die Schlacht um die syrische Stadt Aleppo nimmt dramatische Ausmaße an. Ein Bericht aus der Stadt des Grauens. 

Er sitzt in einem Rettungswagen, die Füße nackt, seine Haut voller Staub, sein T-Shirt voller Blut. Er weint nicht, er schreit nicht. Er fasst sich an den blutigen Kopf, dann versucht er, seine Hand am Sitz abzuwischen. Omran, 5 Jahre alt, hat gerade einen Bombenangriff überlebt.

Das Bild von Omran aus Aleppo, aufgenommen am Mittwoch, geht um die Welt. Der traumatisierte Bub wird zum Symbol für das Töten, das kein Ende nimmt. Ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Täglich töten Bomben Unschuldige, täglich sterben Kinder. „Wir sind extrem besorgt“, sagt Rudi Tarneden vom Kinderhilfswerk Unicef.

Kein anderes Gebiet im syrischen Bürgerkrieg ist so umkämpft wie Aleppo. Seit Anfang August hat sich die Lage, die seit langem dramatisch ist, noch mal zugespitzt: Für das Rote Kreuz ist die Schlacht um Aleppo einer der verheerendsten Konflikte der Neuzeit. Nahrung und Wasser wird knapp, Strom fällt aus. Apokalypse in Aleppo.

Vor dem Bürgerkrieg war Aleppo eine quirlige Handelsmetropole

Vor dem Bürgerkrieg, der seit mehr als fünf Jahren tobt, war die Stadt eine quirlige Handelsmetropole, die Altstadt ist Weltkulturerbe. Davon ist kaum mehr etwas übrig. 4000 Schulen gab es vor dem Krieg, jetzt stehen noch 686. Es ist ein unübersichtlicher Krieg mit vielen Fronten: Die Truppen von Präsident Baschar al-Assad beherrschen den Westteil der Stadt, Regimegegner den Osten. Die Russen unterstützen Assad, ihre Kampfjets jagen auch die Terrormiliz Islamischer Staat, die ebenfalls große Gebiete rund um Aleppo kontrolliert. Und seit gestern lässt Assad erstmals auch Kurdengebiete in der Region bombardieren.

Rudi Tarneden steht in diesen Tagen in ständigem Kontakt zu Unicef-Mitarbeitern in Syrien. 15 Helfer sind in der zerstörten Stadt, in der immer noch 1,5 Millionen Zivilisten wohnen. Sie verteilen Trinkwasser und Hygieneartikel. Sie koordinieren „mobile Gesundheitsteams“, die Menschen ohne Dach über dem Kopf medizinisch versorgen, so gut es geht. Tausende müssen im Freien schlafen. Man kann es sich angesichts der Bilder kaum vorstellen, aber die wenigen Ärzte, Verwaltungsangestellten, Helfer, die noch ausharren, erhalten einen Rest Alltag aufrecht. „Die Menschen haben sich an das Grauen gewohnt, sie versuchen zu arbeiten, einzukaufen“, berichtet Tarneden. „Aber das Schlimmste ist: Es gibt keinen sicheren Ort. Es kann jeden Moment etwas passieren.“ Ein Grundgefühl der Angst, das nie weggeht.

Der Franziskanerpater Lufti musste schon so viele Kinder und Jugendliche beerdigen

Ein Russischer Kampfjet, der in Iran startete, wirft Bomben über Syrien ab. Das Bild wurde gestern veröffentlicht.

Das kennt auch Zouhir Al Shimale. Er ist 25, ein Journalist aus Aleppo. Auch er steckt in der Stadt fest. „Gestern sind Fassbomben in meiner Straße runtergegangen“, schreibt er in einer E-Mail an unsere Zeitung. „Der Granatbeschuss hört nachts und morgens nicht auf. Morgens sind die Straßen sowieso fast leer. Vor einer Stunde ist wieder eine Fassbombe gleich neben meiner Arbeit explodiert, ein Mensch starb, viele wurden verletzt.“ Zouhir Al Shimale erzählt von Menschen, die nichts anderes machen können als zu bleiben und zu hoffen, dass der Tod sie nicht findet. Rudi Tarneden von Unicef sagt: „Die Menschen können nicht weg und sie wollen nicht weg – weil sie nicht wissen, wohin. Weil sie niemandem glauben, der ihnen sagt: Hier seid ihr in Sicherheit.“ Aber einige versuchen doch zu fliehen: Busse fahren rein und raus aus Aleppo, die Tickets sind extrem teuer. „Gerade“, schreibt Journalist Al Shimale, „hat eine Fassbombe so einen Bus, in dem Frauen und Kinder saßen, getroffen – alle sind tot.“

Franziskanerpater Firas Lufti musste schon viele Kinder und Jugendliche beerdigen. Er ist für das katholische Hilfswerk Misereor in Aleppo, sein Kloster ist nur 100 oder 200 Meter von den Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und den Milizen entfernt. Im Mai wurde das Kloster, das täglich hunderte Zivilisten versorgt, getroffen. Der Pater sagt: „In Aleppo lebt man wie in einem großen Gefängnis.“

Die Hauptversorgungsroute nach Aleppo wird ständig blockiert. Für die Menschen in der eingekesselten Stadt wird es immer schwieriger,an Nahrungsmittel zu kommen. „Für Wasser sind die Menschen oft drei oder vier Stunden unterwegs.“ Wie auch Unicef liefern der Pater und seine Helfer Wasser aus. „Jeden Tag fahren wir einen großen Tank aus unserem Brunnen zu ihnen.“ Anfang August wurde ein großes Umspannwerk zwei Mal bombardiert, das die zentralen Wasserpumpen antreibt. Seither gibt es kein fließendes Wasser mehr in der Stadt, berichtet Tarneden. „Angriffe auf lebensnotwendige zivile Infrastruktur, auf Wasserwerke, Krankenhäuser und Schulen sind Kriegsverbrechen“, sagt er. Pater Lufti gibt den Leuten Geld, damit sie den Strom bezahlen können, der durch Generatoren erzeugt wird. Bei vielen reicht das Geld nur für drei Stunden am Tag.

Nicht ein einziger Hilfskonvoi hat seit einem Monat das belagerte Gebiet erreicht

"Die meisten Menschen verbringen den ganzen Tag im Keller", sagt Zouhir Al Shimale. Er ist 25 Jahre alt und Journalist aus Aleppo. Unsere Zeitung hat per E-Mail Kontakt mit ihm.

In Genf, weit weg von all dem Grauen, macht am Donnerstag auch die Syrien-Beauftragte der Vereinten Nationen auf das Elend aufmerksam. Nach nur acht Minuten bricht Staffan de Mistura dort eine UN-Sitzung ab, in der es um humanitäre Hilfe für Syrien geht. „Nicht ein einziger Hilfskonvoi hat seit einem Monat eines der belagerten Gebiete erreichen können“, sagt sie. Die Konfliktgegner würden offenbar „nur noch kämpfen wollen“. Die UN fordern eine mindestens 48-stündigen Waffenruhe. Deutschland dringt am Donnerstag gemeinsam mit den anderen 27 EU-Staaten auf eine sofortige Waffenruhe. Am Abend dann ein leiser Hoffnungsschimmer: Russland bietet pro Woche 48 Stunden Kampfpause an.

Das wäre dringend nötig, „um die Wasserversorgung wieder in Gang zu bringen“, sagt Tarneden. Es ist gerade sehr heiß in Aleppo, bis zu 38 Grad. Wenn die Menschen verschmutztes Wasser trinken, dann droht nicht nur Lebensgefahr durch Bomben. Dann droht vor allem Kindern und geschwächten Menschen ein „stiller Tod“ – durch Cholera oder Durchfall. Denn langsam gehen auch die Medikamente und das Verbandsmaterial in Aleppo zur Neige, berichten die Ärzte ohne Grenzen. Permanent würden Wohnviertel bombardiert, täglich bis zu 50 Verletzte in Krankenhäuser eingeliefert. Im Osten Aleppos arbeiteten noch 35 Mediziner für 250 000 Bewohner.

Hunger, Durst, Zerstörung der medizinischen Versorgung – in Aleppo sind sie Mittel der Kriegsführung geworden.

Einen Kommentar zur Lage in Aleppo lesen Sie hier. Außerdem: Der Kabarettist und Syrien-Helfer Christian Springer alias "Fonsi" vermeldet schreckliche Verluste - das gespendete Feuerwehrauto wurde zerstört. 

(Mit Material von kna und dpa)

Stefan Sessler

Stefan Sessler

E-Mail:stefan.sessler@merkur.de

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