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Gut gelaunter Rentner: Münchens Alt-Oberbürgermeister Christian Ude in seinem Schwabinger Esszimmer.

Merkur-Interview

Alt-OB Ude: Entweder ist man ein Gutmensch oder ein Neonazi

München - Im ausführlichen Merkur-Interview lässt der Altvater von München das Jahr noch einmal Revue passieren, kritisiert die SPD und redet über seinen Nachfolger. Das Thema Flüchtlinge liegt ihm besonders schwer im Magen.

Das Leben kann auch nach der Politik ganz schön gefährlich sein. Aber immerhin: Christian Ude öffnet die Tür zu seiner Schwabinger Altbau-Wohnung inzwischen ohne Krücken. „Seitdem ich von der Theaterbühne gefallen bin, höre ich nur noch Erzählungen von Schauspielern, die das auch erlebt haben“, witzelt der Münchner Alt-Oberbürgermeister. „Aber so dämlich wie ich ist noch keiner von der Bühne gefallen.“ Ude, inzwischen viel als Kabarettist und Autor unterwegs, wollte kurz vor Beginn einer Vorstellung am Vorhang vorbei in den Zuschauerraum linsen. „Dabei bin ich den berühmten Schritt zu weit gegangen.“ Die Folge: eine schmerzhafte Hüftquetschung.

Vier Wochen lang war Ude auf Krücken angewiesen. Zumindest zuhause kann er sich jetzt wieder frei bewegen, wenn auch etwas wackelig. Sein kritischer Geist arbeitet dafür umso schneller. Im Interview blickt er zurück auf ein turbulentes Jahr – für die Stadt, das Land und seine SPD.

Herr Ude, 2015 war für Sie das erste Jahr komplett im Ruhestand. Wie muss man sich den Alltag eines Politrentners vorstellen?

Ich habe Gott sei Dank keinen regelmäßigen Alltag, sondern viel Abwechslung – nur nicht mehr im Korsett eines prall gefüllten Terminkalenders.

Wird’s Ihnen auch manchmal langweilig?

Nein. Ich kann ausschlafen und in Ruhe Zeitung lesen, ohne dass der Chauffeur zweimal anruft. Meine Frau und ich können gemeinsam Essen gehen, auch schon mittags. Daneben habe ich mir Aufgaben gesucht, die mir wirklich Spaß machen. Derzeit bin ich fast jeden Abend ausgebucht, weil ich mit dem „Blechschaden“ durch ganz Bayern toure. Eine Konzertreihe ist eine für mich völlig neue Erfahrung.

Ihr alter Parteifreund Franz Maget hat vor einem Jahr gesagt: „Ohne Krawatte lebt es sich leichter“ . . .

. . . das stimmt absolut (greift sich an den Hemdkragen) . . .

. . . um jetzt als Sozialreferent an die Botschaft nach Tunesien zu gehen. Könnten Sie sich etwas so Festes nochmal vorstellen?

Nein. Mich reizt die Vielseitigkeit: Kabarett, Vorträge, mein Theaterverein, bald Äthiopienhilfe und Beratertätigkeit in Istanbul. 2016 erscheint ein Buch mit Erzählungen, außerdem arbeite ich mit anderen an einem über Europa.

Womit wir bei der Politik wären. Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres Nachfolgers Dieter Reiter?

Ich finde, er macht das souverän. Er hat die größte Herausforderung – die Flüchtlingsfrage – mit ganz klarem Kompass gemeistert und dabei eine überzeugende inhaltliche Position bezogen, die sogar international wahrgenommen wurde. Was sich noch bewähren muss, ist die Konstellation mit der CSU. Sie sollte Frieden bei den Streitthemen und rasche Entscheidungen bringen – beides erkenne ich noch nicht.

Sie haben die Münchner CSU oft und gerne kritisiert. Jetzt regiert sie eineinhalb Jahre mit – aber die Kinderkrippen sind immer noch geöffnet, linke Projekte werden nicht geschlossen. Lagen Sie falsch?

Nein. Ich habe ein realistisches Bild der Münchner CSU bis 2010 gezeichnet. Seitdem wandelt sie sich, beispielsweise hat sie die Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen und Ausländern eingestellt.

Dann gibt es ja gar keine Unterschiede mehr zwischen CSU und SPD.

Das ist im Stadtrat ein großes Problem, das beide Volksparteien im nächsten Wahlkampf spüren werden.

Was raten Sie der SPD?

Gerade auf Bundesebene gilt: Wenn die Union unsere vernünftigen Positionen abschreibt, dürfen wir uns deshalb nicht unvernünftige suchen, nur um uns zu unterscheiden. Einige scheint genau diese Versuchung zu locken. Stattdessen muss man selbstbewusst sagen, wo man sich durchgesetzt hat und wie man jetzt die großen Herausforderungen angeht.

Wäre für Sie Rot-Grün noch immer die ideale Konstellation?

Gegenfrage: Will die SPD den Wählern auf Dauer die Juniorenrolle in einer Großen Koalition in Aussicht stellen? In München, in Bayern, im Bund.

Florian Pronold, Vorsitzender der Bayern-SPD, hat eine Große Koalition explizit ins Spiel gebracht.

Natürlich ist es schwierig, von 20 Prozent ausgehend den Regierungswechsel anzukündigen. Aber ich fand es nicht verständlich, warum diese für die SPD so schmerzhafte Koalitionsfrage viele Jahre vor der Wahl aufgeworfen wurde. Eine Partei muss die Wähler inhaltlich und personell überzeugen.

Ist die Bayern-SPD denn inhaltlich und personell gut aufgestellt?

Die Frage beantwortet die SPD selbst: Sie hat einen Landesvorsitzenden, der vom Landesparteitag in erschütternder Art und Weise demontiert wurde. Die Union weiß, dass man Vorsitzende zu stärken hat, selbst wenn man noch so sauer ist. Dieser Gedanke ist der SPD fremd.

Auf allen Ebenen.

Die hoch kompetente Münchner SPD-Vorsitzende Claudia Tausend wird in Bayern nicht einmal in den Landesvorstand hineingelassen. Und der Bundesvorsitzende, immerhin Vize-Kanzler, wurde auf dem Bundesparteitag demontiert, dass man sich die Augen reibt.

Wie sich das bei Gabriel auswirkt, bleibt abzuwarten. Florian Pronold wirkt schwer angeschlagen, seit ein pensionierter Realschullehrer im Juni mehr als 30 Prozent gegen ihn holte.

Wer wäre das nach einem solchen Parteitag nicht?

Wie geht es weiter?

Die SPD muss diese aberwitzigen Kraftproben, wer die noch reinere Lehre vertritt, schleunigst einstellen. Sie liegt unter 20 Prozent in Bayern und 25 im Bund – da muss man zusammenstehen. Gott sei Dank mussten die meisten Menschen arbeiten, als sich die aus Bayern kommende Juso-Vorsitzende auf Phoenix über den sozialdemokratischen Vize-Kanzler äußerte. Ein Rentner wie ich kann das tagsüber anschauen und rauft sich die Haare – eben weil er es gut mit dieser Partei meint.

Auf dem Parteitag wurde Gerhard Schröder wieder in den Kreis der SPD-Familie aufgenommen. Er gedachte der Verstorbenen wie Helmut Schmidt oder Egon Bahr. Gehen der SPD die Typen aus?

Ja. (längere Pause)

Wie lässt sich das kompensieren?

Die Charaktere wären schon da. Die Frage ist, ob eine Partei willens ist, starke Persönlichkeiten auszuhalten, auch wenn die tatsächlich mal ihren Kopf durchsetzen. Oder kommt es eher darauf an, wie oft man im Ortsverein präsent ist und wie farblos man bei allen kontroversen Themen ist, damit sich bloß niemand auf den Fuß getreten fühlt?

Da müssten Sie mit Ihrem Parteichef Sigmar Gabriel ja eigentlich äußerst zufrieden sein.

Ich habe auch meine Kontroversen mit ihm. Aber er hat es großartig geschafft, nach einem desaströsen Wahlergebnis – das haben außer der SPD alle Menschen so gesehen – die Partei zu mobilisieren. Die Union hat nach der siegreichen Wahl gestaunt, dass die Medien nur noch interessierte, wie der SPD-Mitgliederentscheid ausgeht. Gabriel hat aus 25 Prozent Wähleranteil einen nahezu 50 Prozent Politikanteil gemacht. Er hat die Bedeutung der SPD verdoppelt! Da muss ich nicht immer seiner Meinung sein. Die Fragen der Gegenwart sind so komplex, dass man keinen Menschen findet, mit dem man in jedem Detail einer Meinung ist.

Das müssen Sie der SPD wohl noch beibringen.

Ich sage jetzt etwas, das mir noch nie über die Lippen gekommen ist: Die Union ist großartig. (Allgemeines Gelächter.) Die haben sich in der Flüchtlingsfrage bekämpft wie die Kesselflicker. Seehofer hat Angela Merkel, die Königin der Herzen, wie eine dumme Schulgöre in die Ecke gestellt und abgewatscht, dass es selbst für Kritiker der Union als Beispiel schlechten Benehmens nicht mehr erträglich war. Aber als es darauf ankam, haben sie Angela Merkel gestärkt – wohlgemerkt: ohne den geringsten Fortschritt in der Sache. Das ist großartig, wenn man mit einem Ehekrieg so fertig wird und als glückliches Paar nach Hause geht.

Hätte Frau Merkel auf dem SPD-Parteitag ein besseres Ergebnis bekommen als Herr Gabriel?

Dann wäre sie ja in der Sozialdemokratie und würde ebenfalls der Neigung zum Opfer fallen, eigene Leute in der Luft zu zerreißen.

"Politische Korrektheit fällt mir zunehmend auf die Nerven"

Ist ein Problem der SPD die politische Korrektheit, die sie von sich selbst erwartet? Gerade in der Flüchtlingskrise wirkt das so.

Jetzt sprechen Sie zwei verschiedene Dinge an. Politische Korrektheit fällt mir zunehmend auf die Nerven. Die politische Klasse entfernt sich von der Bevölkerung. Der Grünen-Vorschlag, dass man jetzt Münchner*innen sagen soll, wenn man alle Münchner meint, bedient kein Bedürfnis irgendeines Bürgers. Gleichzeitig wird bei Pegida oder ihren Gegnern in Leipzig, aber auch generell im Internet, die Sau rausgelassen. Vulgär und in einer Wortwahl, dass es einem die Sprache verschlägt.

Der Ärger über Political Correctness reicht weit in die Mitte der Gesellschaft. Und zwar gerade beim Thema Flüchtlinge.

Aber bei diesem Thema geht es um mehr als Political Correctness: um die Frage, ob man bereit ist, Werte wie Humanität und ein christliches Menschenbild auch dann hochzuhalten, wenn es etwas kostet.

Die SPD sah sich immer als Vertreterin der einfachen Arbeiter. Heute arbeiten die nicht mehr in der Fabrik, sondern in der Selbstbedienungs-Bäckerei. Das sind Menschen, mit denen die Flüchtlinge in den Wettbewerb treten werden. Ein Dilemma für die SPD.

Ich rate zur Vorsicht. Die SPD stellt als Partei der ausgebeuteten Arbeiter des 19. und 20. Jahrhunderts heute fest, dass die eigenen Wähler und Funktionäre nicht mehr aus der untersten Einkommensgruppe kommen. Genau dafür haben wir ja gearbeitet. Die heute von Armut betroffenen Schichten sind politisch nicht mehr organisierbar, auch wegen der fehlenden Staatsbürgerrechte und der fehlenden Sprachkenntnisse . . .

. . . aber bleiben trotzdem SPD-Klientel.

Sie haben Recht. Diese Gruppe tritt in den Wettbewerb mit den Flüchtlingen, auch um Sozialleistungen oder Sozialwohnungen. Und genau deshalb darf man diejenigen, die sich Sorgen machen, nicht missachten.

Immerhin: Es wird wieder diskutiert. Ist 2015 das Jahr, in dem die Politik zurückgekommen ist?

Ja. Die politischen Themen bestimmen wieder den Diskurs. Es geht nicht mehr um Mode-Schnickschnack und nicht mehr ausschließlich um die Bundesliga, sondern die gesellschaftlichen Herausforderungen. Ich erlebe überfüllte Säle – in Volkshochschulen, kirchlichen Einrichtungen und Theatern. Nur in den Parteien wird die Debatte nicht geführt.

Wie meinen Sie das?

Wann wurde in einer Münchner Partei seriös und ausführlich über Griechenland, über Libyen, über den IS diskutiert? Im Fernsehen wird das bis zum Erbrechen erörtert, aber nicht bei Großveranstaltungen politischer Parteien.

Vermutlich eine Folge der Entpolitisierung, die es vorher lange gab.

Sicher. Aber die Parteien begründen die Parteienfinanzierung mit dem Satz: Sie wirken an der politischen Willensbildung des Volkes mit. Das sehe ich im Moment kaum. Stattdessen diskutiere ich mit Yanis Varoufakis im Januar in der Muffathalle.

Für 19 Euro Eintritt. Als wir den Preis lasen, haben wir gestaunt.

Ich auch. Glauben Sie mir: Es liegt nicht am Moderator. Aber wetten wir, dass es trotzdem voll wird?

Das klingt so, als würden die Volksparteien die Menschen nicht mehr erreichen.

Das große Glück der politischen Klasse ist es, dass die Angriffe so unterirdisch sind – von der deutschen Rechten, über die AfD bis vor allem Pegida. Es gibt noch kein Sprachrohr der Unzufriedenen.

Was ist zu tun?

Wir müssen die Positionen wieder annähern. Es kann doch nicht sein, dass man nur einen Satz zum Thema Flüchtlinge sagen muss und damit entweder ein vertrottelter Gutmensch ist, der das Land ruiniert, oder ein Neonazi, der hinter Gitter gehört. Es wäre eine Aufgabe der Volksparteien, das wieder zusammenzuführen.

Lesen Sie auch: Oberbürgermeister Dieter Reiter und Bürgermeister Josef Schmid im großen Merkur-Interview.

 

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