Reisende in einer Turnhalle in Brüssel
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Reisende in einer Turnhalle in Brüssel.

Anschläge in Brüssel

"Ein Mann rief etwas auf Arabisch": Das berichten Augenzeugen

Brüssel - "Sie haben geschrien, geweint, sie hatten Angst." Am Flughafen von Brüssel erlebten viele Menschen die Anschläge mit. Hier berichten Überlebende.

Augenzeugen haben dramatische Szenen bei den Explosionen am Brüsseler Flughafen Zaventem geschildert. „Alles stürzte herunter, Glas, es war ein unbeschreibliches Chaos“, sagte der 40-jährige Belgier Jef Versele aus Gent der Nachrichtenagentur PA. „Die Bombe kam von unten und ging durch das Dach, es war gewaltig. Ungefähr 15 Fenster in der Eingangshalle wurden einfach rausgesprengt.“

Jordy van Overmeir war aus Bangkok nach Brüssel geflogen und holte sein Gepäck, als er einen Knall hörte. „Ich dachte erst, da sei ein Koffer runtergefallen“, sagte er dem britischen Sender Sky News. „In der Ankunftshalle habe er Rauch gerochen und Glas und Blut gesehen. „Dann ging ich aus dem Flughafen auf den Parkplatz und da sah ich Menschen mit Kopfverletzungen, weinende Menschen, mehr Blut und auf der Straße überall Glas.“

Explosionen kamen scheinbar aus dem Nichts

Die beiden Explosionen kamen scheinbar aus dem Nichts. "Wir dachten zuerst, es handelt sich um irgendetwas von der Baustelle, hier wird zurzeit so viel gebaut", berichtet Anne, die am Brüsseler Flughafen Zaventem in der Gepäckabfertigung arbeitet. Doch dann seien Menschen in Panik auf sie zugerannt. "Sie haben geschrien, geweint, sie hatten Angst."

Und dann wird klar: Attentäter haben den Flughafen der belgischen Hauptstadt angegriffen. Als sich die ersten Rauchschwaden verzogen haben, bietet sich ein Bild des Grauens. Todesopfer liegen in Blutlachen auf dem Boden, die Gliedmaßen teilweise abgerissen.

"Ein Mann rief ein paar Wörter auf Arabisch, danach habe ich eine laute Explosion gehört", berichtet Alphonse Lyoura von der Gepäckabfertigung. Zwei Minuten später habe dann die nächste Explosion den Airport erschüttert.

"Ich habe mindestens sechs oder sieben Verletzten geholfen. Wir haben auch leblose Körper fortgeschafft, es war überall die totale Panik", sagt Lyoura, der von seinem Einsatz noch blutverschmiert ist.

Die Explosionen haben Betonplatten aus der Decke gerissen, die nahe der Eincheck-Schalter zu Boden stürzten. Nach Angaben der Feuerwehr gab es allein am Flughafen mindestens 14 Tote und 96 Verletzte. Der Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw sagt, dass eine Explosion am Flughafen "wahrscheinlich durch einen Selbstmordattentäter verursacht" wurde.

Dann, kurz nach 9.00 Uhr, erschüttert eine dritte Explosion die belgische Hauptstadt, getroffen wird diesmal die U-Bahnstation Maelbeek, nur wenige hundert Meter von den Hauptgebäuden der EU-Kommission und des EU-Rats entfernt.

Die Menschen stürzen dort aus dem Schacht ins Freie, halten sich Taschentücher auf blutende Kopfwunden, sacken auf dem Bürgersteig zusammen. Geschockte Passanten knien sich hin zu ihnen, leisten erste Hilfe. Die viel befahrene Straße vor der Station wird gesperrt. Am Nachmittag tritt der Brüsseler Bürgermeister Yvan Mayeur vor die Presse: "wahrscheinlich etwa 20 Personen" getötet und 106 weitere verletzt.

"Ich wäre beinahe am Ort gewesen"

Die 33-jährige Greet berichtet, wie sie der Explosion an der U-Bahnstation nur knapp entging. "Ich wäre beinahe am Ort gewesen", sagt Greet. Mit dem Zug war sie aus Aalst nach Brüssel gekommen und wollte dann zu Fuß von der Station Schuman nach Maelbeek weitergehen.

"Als wir bei Schuman ausstiegen, hat ein Bahnmitarbeiter geschrien, wir sollen raus laufen, so schnell wir könnten", berichtet Greet - und schaut fassungslos auf die Station Maelbeek.

Dort sind Kranken-, Feuerwehr- und Polizeiautos im Dauereinsatz. Nur sie dürfen noch an den Anschlagsort. TV-Kamerateams filmen über Polizisten hinweg, nehmen auf, wie Sanitäter Verletzte in Krankenwagen schieben. Immer wieder heulen Sirenen von Einsatzfahrzeugen auf. Maskierte Polizisten stehen in kleinen Gruppen zusammen, die Gewehre im Anschlag.

In den Straßen von Brüssel beugen sich die Passanten über ihre Smartphones. Vielen steht der Schock ins Gesicht geschrieben. "Fragen Sie bitte jemand anderen", sagt ein junger Mann mit Tränen in den Augen. "Wir haben Angst", sagt ein Bauarbeiter, der am Dienstag eigentlich an der Station Schuman arbeiten sollte.

Am Morgen des 22. März ist das passiert, wovor Brüssel nach den Anschlägen von Paris am 13. November monatelang gezittert hatte. Die Attentäter von Paris hatten engste Verbindungen in die belgische Hauptstadt, im Brennpunktviertel Molenbeek waren einige der Drahtzieher zu Hause. Seit den Pariser Anschlägen war die Terrorwarnstufe in Belgien entweder auf Maximalstärke oder auf einem Niveau darunter.

"Wir haben die Wucht der Explosion gespürt"

„Wir waren in einem Buchladen, haben eine Explosion gehört, dann einen zweiten großen Knall“, sagt eine Frau am Flughafen. „Wir haben die Wucht der Explosion gespürt“, fügt sie hinzu, „dann haben wir Menschen rennen gesehen.“ Schließlich seien sie in Sicherheit gebracht worden: „Wir sind zu Fuß vom Flughafengelände gegangen.“

Erica Sepulveda war am Morgen zum Flughafen gekommen, um ihre Eltern abzuholen. „Sie waren im Flugzeug aus Atlanta, als es geschah“, erzählt sie. In der Abflughalle, einer Etage über dem Ausgang, wo Sepulveda ihre Eltern erwartete, hatte nach ersten Erkenntnissen der Ermittler ein Selbstmordattentäter die tödliche Bombe gezündet. Die Wucht der Explosion zerstörte große Teile der verglasten Fassade.

Es war genau das geschehen, was Sepulvedas Eltern befürchtet hatten: „Sie hatten nicht fliegen wollen, weil sie Angst hatten vor Terroranschlägen.“ Dann flogen sie doch und saßen wie Tausende Fluggäste zunächst am Brüsseler Airport fest: „Sie sind jetzt noch am Flughafen“, sagt die Tochter am Vormittag, „man hat sie den ganzen Morgen im Flugzeug sitzen lassen.“ Erst als die Lage sicher schien, habe man sie aussteigen lassen und zu den Hangars gebracht.

Soldaten mit Maschinengewehren patrouillierten am Dienstag wieder in Brüssels Straßen - seit den Anschlägen von Paris gehören sie in der EU-Hauptstadt an öffentlichen Orten, in Einkaufszentren, an Bahnhöfen, am Flughafen, in der Metro zum gewohnten Bild. Die jüngsten Anschläge hat das nicht verhindert. Die Bevölkerung muss weiter um ihre Sicherheit fürchten.

„#OpenHouse“: Brüsseler bieten Unterschlupf bei Twitter an

Einwohner Brüssels bieten nach den Terroranschlägen über das Internet Hilfe für Menschen an, die wegen des Stopps öffentlicher Verkehrsmittel in der Stadt feststecken. Unter dem Schlagwort „#OpenHouse“ kündigten zahlreiche Twitter-Nutzer an, dass sie Betroffene bei sich zuhause unterbringen würden. Eine ähnliche Entwicklung gab es schon im November in der Terror-Nacht von Paris unter dem Hashtag „#PorteOuverte“.

Brüssel hatte vor Anschlägen gezittert

Am Morgen des 22. März ist das passiert, wovor Brüssel nach den Anschlägen von Paris am 13. November monatelang gezittert hatte. Die Attentäter von Paris hatten engste Verbindungen in die belgische Hauptstadt, im Brennpunktviertel Molenbeek waren einige der Drahtzieher zu Hause. Seit den Pariser Anschlägen war die Terrorwarnstufe in Belgien entweder auf Maximalstärke oder auf einem Niveau darunter.

Erst am Freitag war es den belgischen Sicherheitskräften gelungen, Salam Abdeslam zu fassen, der mutmaßlich eine entscheidende Rolle bei den Anschlägen von Paris spielte. Belgien und die internationale Gemeinschaft feierten dies als Erfolg. Bis zum Dienstagvormittag.

AFP/dpa

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