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Türkisch Soldaten neben dem Bus, der am Donnerstag in die Luft gesprengt wurde.

Eskalation der Gewalt

Nach Anschlag in Ankara: Türkei kündigt Vergeltung an

Ankara - Bei einem Autobomben-Anschlag in Ankara starben am Mittwochabend mindestens 28 Menschen. Die Regierung hat nun die Arbeiterpartei PKK für das Attentat verantwortlich gemacht.

Die türkische Regierung macht die verbotene kurdische Untergrundorganisation PKK und ihren syrischen Ableger YPG für den verheerenden Anschlag von Ankara verantwortlich. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte am Donnerstag, ein 1992 in Syrien geborener Selbstmordattentäter habe die Tat mit Unterstützung der „separatistischen Terrororganisation“ PKK verübt.

Nach Angaben von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan wurden 14 Menschen in Verbindung mit dem Anschlag in der Hauptstadt festgenommen. YPG und PKK dementierten eine Beteiligung an der Tat, bei der der Attentäter mit einer Autobombe 28 Menschen mit in den Tod gerissen hatte. Die Gewalt im Kurdenkonflikt eskalierte unterdessen weiter.

Kanzlerin Angela Merkel hat nach dem Bombenanschlag in Ankara Präsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu deutsche Solidarität im Anti-Terror-Kampf zugesichert. Sie habe am Mittwochabend mit Davutoglu und am Donnerstagmorgen mit Erdogan telefoniert, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin mit. Merkel verurteilte das Attentat und sprach den Familien die Anteilnahme aus. Den Verletzten wünschte sie rasche Genesung.

Türkei: Regierung kündigt Vergeltungsmaßnahmen an

Davutoglu kündigte Vergeltung für den Anschlag an. Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Regierung in Damaskus. „Die YPG ist eine Marionette des syrischen Regimes, und das syrische Regime ist direkt verantwortlich für diesen Anschlag. Wir behalten uns das Recht vor, jede Art von Maßnahme gegen das syrische Regime zu treffen.“ Die Türkei werde den „verräterischen Elementen und Marionetten der äußeren Mächte ohne zu zögern auf härteste Weise entgegentreten“.

Die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, der Selbstmordattentäter habe sein mit Sprengstoff beladenes Auto am Mittwochabend in einen Konvoi mit Bussen der Armee gesteuert und zur Explosion gebracht. Der Polizei sei es gelungen, den Angreifer anhand seiner Fingerabdrücke zu identifizieren. Diese seien dem Mann abgenommen worden, als er vermutlich gemeinsam mit syrischen Flüchtlingen in die Türkei gekommen sei.

Einen Tag nach dem Schweren Anschlag sind bei einem neuen Angriff auf die türkische Armee im Südosten des Landes mindestens sechs Soldaten getötet worden. Ziel des Anschlags in der Ortschaft Lice in der Provinz Diyarbakir sei am Donnerstagmorgen ein Militärkonvoi gewesen, hieß es aus Kreisen der Sicherheitskräfte.

Zuvor hatten bereits türkische Medien unter Berufung auf die Polizei berichtet, der Anschlag sei von einem Kurden aus Syrien verübt worden. Es handele sich um einen Mann, der als Flüchtling in die Türkei gekommen sei und einer Kurdenmiliz in Syrien nahegestanden habe. Er habe das Anschlagsauto gefahren und sei durch die Explosion getötet worden. Ob es sich um einen Selbstmordattentäter handelte, stand demnach nicht fest.

PKK weist Vorwürfe zurück

Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK übernimmt keine Verantwortung für den verheerenden Anschlag. Der PKK-Kommandeur Cemil Bayik sagte der PKK-nahen Agentur Firat am Donnerstag: „Wir wissen nicht, wer das getan hat. Es könnte aber ein Vergeltungsschlag für die Massaker in Kurdistan gewesen sein.“ Die Türkei und die Kurden liegen seit mehr als drei Jahrzehnten in einem gewaltsamen Streit über die Gründung eines eigenen Staates. Hier finden Sie einen Überblick.

Ziel des Anschlags im Regierungsviertel Cankaya in der Nähe des Parlaments waren nach Angaben der Armee Busse, die Angehörige der Streitkräfte transportierten. Das Militär bestätigte, dass unter den Toten Soldaten seien, machte aber keine Angaben zu deren Anzahl. Nach Angaben des Provinzgouverneurs detonierte vermutlich eine Autobombe.

Ministerpräsident Davutoglu sagt Gespräche über Flüchtlingskrise ab

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte nach dem Anschlag seinen Besuch in Brüssel zu Gesprächen über die Flüchtlingskrise ab, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Davutoglu wollte am Donnerstag in Brüssel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras zusammenkommen.

In Ankara wurde ein Konvoi der Armee angegriffen.

Kanzlerin Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier reagierten entsetzt auf den Bombenanschlag. „Die Bundesregierung verurteilt diesen neuerlichen terroristischen Akt auf das Schärfste“, sagte Merkel nach einer Mitteilung des Bundespresseamtes. Auch die EU und die USA verurteilten die Tat. Das Außenministerium in Washington teilte mit, man bestätige dem Nato-Partner Türkei im Kampf gegen die gemeinsame Bedrohung durch den Terrorismus aufs Neue die starke Partnerschaft beider Länder. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hofft, dass die Verantwortlichen rasch zur Rechenschaft gezogen würden. „In dieser tragischen Zeit stehen die Vereinten Nationen den Menschen und der Regierung der Türkei solidarisch zur Seite.“

Die türkische Regierung verhängte aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ eine Nachrichtensperre über den Anschlag, die aber nicht offizielle Verlautbarungen betrifft. Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP - der Erdogan eine Nähe zur PKK vorwirft - verurteilte den Anschlag.

Türkei bombardiert PKK-Stellungen im Nordirak

Türkische Sicherheitskräfte sind in den vergangenen Monaten vor allem in der Südosttürkei immer wieder Ziel von Anschlägen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK geworden. Im September starben bei einem PKK-Anschlag im südosttürkischen Ort Daglica 16 Soldaten.

28 Tote bei Anschlag auf Militärkonvoi in Ankara

Nach dem Anschlag in Ankara hat die türkische Luftwaffe neue Angriffe auf Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak geflogen. Wie das Militär am Donnerstag mitteilte, wurden in der Nacht Ziele in der Grenzregion Haftanin bombardiert. Die Armee hatte in der PKK-Hochburg demnach bis zu 70 Kämpfer im Visier.

Die Armee geht seit Mitte Dezember mit einer Offensive gegen PKK-Kämpfer vor, die sich in Städten im überwiegend von Kurden bewohnten Südosten der Türkei verschanzt haben. In mehrere Bezirken gelten seitdem Ausgangssperren. Zuletzt hatte die Armee ihren Einsatz in der Nacht zum Mittwoch auf die Stadt Idil ausgeweitet. Ein mehr als zwei Jahre anhaltender Waffenstillstand zwischen PKK und türkischer Regierung war im Juli gescheitert. Seitdem eskaliert der Konflikt.

In der Vergangenheit kam es jedoch auch immer wieder zu Anschlägen, die nicht von der PKK verübt wurden, sondern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) oder linksterroristischen Gruppen angelastet wurden. Im vergangenen Monat riss ein Selbstmordattentäter in Istanbul elf deutsche Touristen mit in den Tod. Die Regierung machte den IS für diese Tat verantwortlich.

Im Oktober waren in Ankara beim schwersten Anschlag in der jüngeren Geschichte der Türkei mehr als Hundert Menschen getötet worden. Ziel waren damals Teilnehmer einer regierungskritischen Friedensoperation. Die Regierung machte auch dafür den IS verantwortlich.

dpa

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