Irsching gilt als das modernste Gaskraftwerk in Europa. Foto: Tobias Hase/Archiv
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Irsching gilt als das modernste Gaskraftwerk in Europa. Foto: Tobias Hase/Archiv

Mangelnde Wirtschaftlichkeit

Betreiber wollen Aus für Gaskraftwerk Irsching

Irsching - Das Gaskraftwerk Irsching gilt als Deutschlands modernstes - und bleibt dennoch nur mit Hilfe von Subventionen in Betrieb. Die Eigentümer drohen mit dem Aus. Bund und Staatsregierung passt das nicht.

In der Energiepolitik häufen sich die unerfreulichen Botschaften für Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU): Es droht eine neue Runde des Tauziehens um die Millionenzuschüsse für Deutschlands modernstes Gaskraftwerk in Irsching. Die vier Betreiber denken wegen der mangelnden Wirtschaftlichkeit erneut über eine Stilllegung der Anlage in Vohburg an der Donau nach. Das bestätigte am Freitag ein Sprecher des Eon-Konzerns in Düsseldorf. Über die Pläne hatte zuerst die ARD berichtet.

Der Hintergrund: Gasstrom ist in der Herstellung vergleichsweise teuer, außerdem haben erneuerbare Energien gesetzlichen Vorrang bei der Einspeisung ins Netz. Deshalb laufen viele Gaskraftwerke nur noch zeitweise. „Es ist Energiewende paradox, dass jetzt die saubersten und effizientesten Kraftwerke in Deutschland, die Gaskraftwerke, keinerlei Geld verdienen“, sagte dazu der Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), Hans-Joachim Reck. „Die wirtschaftliche Perspektive des Gaskraftwerks Irsching ist äußerst kritisch“, erklärte der Eon-Sprecher in Düsseldorf.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will aber ebenso wie die Staatsregierung das Kraftwerk am Netz halten. Die Bundesnetzagentur werde nach Vorliegen des Stilllegungsantrags prüfen, ob die beiden Kraftwerksblöcke 4 und 5 wichtig für die Stabilität der Stromnetze seien: „Dann wird der Stilllegung widersprochen“, sagte Gabriel am Freitag in Berlin. Anschließend werde Irsching in die Reserve-Kraftwerksverordnung aufgenommen, Eon erhalte Geld dafür.

Gabriel ließ erkennen, dass er den Antrag für einen Winkelzug hält. Ende März 2016 läuft ein Sondervertrag für Irsching aus. Die Betreibergruppe um Eon hatte sich 2013 gegen Millionen-Zuschüsse bereiterklärt, das Kraftwerk weiter zu betreiben. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sollen es etwa 60 Millionen Euro pro Jahr sein. Gegen diese Regelung laufen Klagen, die laut Gabriel erfolgversprechend sind: „Der Vertrag, der da für Irsching gemacht wurde, ist rechtlich hochangreifbar. Das weiß das Unternehmen, deswegen beantragt es jetzt die Stilllegung.“

Aigner fordert wirtschaftlichen Betrieb

Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) wiederum forderte Gabriel auf, den „wirtschaftlichen Betrieb“ von Gaskraftwerken zu ermöglichen. Das bezieht sich auf die Forderung der Staatsregierung nach staatlichen Subventionen für Gaskraftwerke, die Gabriel bislang ablehnt.

Für die Pläne der Staatsregierung spielt der Weiterbetrieb Irschings eine wichtige Rolle. Seehofer will wegen des Widerstands in den vom Leitungsbau betroffenen Regionen so weit wie möglich auf neue Stromtrassen verzichten. Zusätzlich will er weitere Gaskraftwerke bauen lassen, für die aber keine Investoren in Sicht sind.

Seehofer hat aber CSU-intern berichtet, dass der SPD-Chef Entgegenkommen signalisiert habe. „Du kriegst dein Gaskraftwerk“, soll Gabriel demnach gesagt haben. Zu dem Entgegenkommen könnte nach unbestätigten Informationen aus Berlin auch gehören, dass Irsching weiterbetrieben werden soll.

Der Irschinger Block 5 allein könnte mit über 800 Megawatt Leistung so viel Strom produzieren wie ein kleines Atomkraftwerk. Der etwas kleinere Block vier mit etwa 600 Megawatt Leistung gehört Eon allein.

Seehofer kritisierte indirekt Gabriel : „Es ist geradezu ein Treppenwitz, dass wegen der noch nicht getroffenen Entscheidungen, unter welchen Bedingungen konventionelle Kraftwerke weiterbetrieben werden sollen, jetzt das modernste Gaskraftwerk Europas stillgelegt werden soll, damit alte Kohlekraftwerke weiterlaufen können“, sagte Seehofer der ARD.

SPD, Freie Wähler und Grüne dagegen machten Seehofer für das Irsching-Problem verantwortlich. „Herr Seehofer ist der Ministerpräsident, der seit drei Jahren die Energiewende in Bayern überhaupt nicht gebacken kriegt“, sagte SPD-Energieexpertin Natascha Kohnen. Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger diagnostizierte „Totalversagen“. Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sagte: „Seehofers Energiepolitik ist buchstäblich ein Scherbenhaufen.“

Hintergund: Das Gaskraftwerk Irsching

In Irsching bei Ingolstadt stehen drei große Gaskraftwerke, die bei der Stromerzeugung zusammen rund 1800 Megawatt leisten. Wegen der großen Konkurrenz durch Strom aus Wind und Sonne lassen sich die Anlagen aber immer weniger wirtschaftlich betreiben und stehen vielfach still. Haupteigentümer ist der Düsseldorfer Energieriese Eon. An dem mit 845 Megawatt größten Block 5 sind drei weitere Versorger - HSE, Mainova und N-Ergie - beteiligt.

Block 5 und Block 4 zählen mit einem Wirkungsgrad - dem Verhältnis aus nutzbarer und für den Anlagenbetrieb eingesetzter Leistung - von rund 60 Prozent zu den modernsten Gaskraftwerken Deutschlands. Sie waren erst 2010 (Block 5) beziehungsweise im Sommer 2011 ans Netz gegangen. Block 3 ist dagegen eine ältere Anlage aus den 70er Jahren mit nur 39 Prozent Wirkungsgrad, die noch Öl verfeuern kann. Sie wird noch für den Notfall von Netzschwankungen in Bereitschaft gehalten.

dpa

Kraftwerk Irsching

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