Er sammelt Vorschläge für das „Unwort des Jahres“: Professor Wengeler von der Uni Trier. Im Jahr erhält er rund 2000 Zusendungen. Die „Unwörter“ der letzten drei Jahre waren: Gutmensch, Lügenpresse, Sozialtourismus. Das nächste wird Anfang 2017 vorgestellt.

Verrohung der Sprache

Sprachexperte: „Asylant ist ein Schimpfwort“

München - Professor Martin Wengeler von der Uni Trier ist Germanist und Experte für Politische Sprache. Der Sprachwissenschaftler ist zudem in der Jury „Unwort des Jahres“. Wir sprachen mit ihm über die Verrohung der Sprache.

Bayerns Lehrer beklagen eine Verrohung der Sprache. Stellen Sie das auch fest?

Ich weiß nicht, was auf den Schulhöfen los ist und verfolge auch die sozialen Netzwerke nicht. Aber wenn ich ab und zu in Internetblogs reinschaue oder wenn ich sehe, welche Reaktionen wir beim „Unwort des Jahres“ bekommen, dann habe ich schon den Eindruck: Vor allem das Internet ist eine Spielwiese für Hass-Sprache. Die wird zunehmend benutzt für eine gesellschaftliche Stimmung, bei der gegen Ausländer gehetzt werden kann.

Ein neues Phänomen?

Ich bin skeptisch bei der Behauptung, etwas wird immer mehr, immer schlimmer. Man muss genau hinschauen und fragen: Gab es zum Beispiel Anfang der 90er-Jahre, als durch die Bürgerkriege im damaligen Jugoslawien so viele Menschen zu uns kamen, nicht auch eine so hasserfüllte Sprache?

Und? Wie war es damals?

In der öffentlichen Diskussion haben Politiker etablierter Parteien damals eine drastisch abwertende Sprache verwendet, wenn es um diese Menschen ging. Da wurde von „Wirtschaftsasylanten“ oder „Asylmissbrauch“ gesprochen, pauschalisierend von „den kriminellen Ausländern“. CDU und CSU haben Wahlkampf mit Plakaten gegen „Scheinasylanten“ gemacht. Eine solche Sprache ist inzwischen an den rechten bis rechtsextremen Rand gedrängt worden.

Die Kanzlerin hat am Mittwoch Horst Seehofer indirekt vorgeworfen, die Sprache rechtspopulistischer Hetzer zu benutzen. Hat sie Recht?

Bei den einzelnen Begriffen sehe ich das nicht so. Ich habe den Eindruck, da ist man heutzutage vorsichtiger geworden, auch bei der CSU. Die Argumentationsfiguren sind allerdings schon ähnlich: Was ich da in den letzten Tagen von Markus Söder und anderen als Reaktion auf die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gehört habe, da sehe ich keine großen Unterschiede zur AfD: Zum Beispiel wenn die CSU weiterhin auf eine „Obergrenze“ pocht, obwohl doch längst viel weniger Flüchtlinge kommen.

Warum macht es einen Unterschied, ob man „Asylant“ oder „Asylbewerber“ sagt?

Schon in den 80er-Jahren wurde behauptet, dass „Asylant“ allein von der Wortbildung her negativ ist. Die Endung „-ant“ erinnere zum Beispiel an „Simulant“. Das ist mir zu pauschalisierend. Ähnliches wird vom Wort „Flüchtlinge“ gesagt, manche sehen das abwertend wie „Schwächling“. Aber es gibt immer sprachliche Gegenbeispiele: „Fabrikant“ oder „Säugling“ haben überhaupt nichts Negatives. Ob ein Wort grenzwertig ist oder nicht, darf man nicht von sprachformalen Gründen her sehen, sondern vom Gebrauch. Und „Asylant“ wurde so oft abwertend, im Zusammenhang mit Ausnützen oder Kriminalität gebraucht, dass es zu einem Schimpfwort wurde. In den 90er-Jahren gab es zum Beispiel eine Serie in der Bild: „Asylanten im Revier“. Das waren nur Negativbeispiele. Heute wird es vor allem in rechten Kreisen verwendet.

Welche Wörter sind noch grenzwertig?

Was im Zusammenhang mit Migration relevant ist, ist die gewählte Metaphorik. Flut, Wasser, Militär. Das spielt beim Thema Zuwanderung schon immer eine Rolle – auch bei den Gastarbeitern in den 70ern. Damals titelte der Spiegel: „Die Türken kommen“. In den rechten Kreisen wird von „Invasion“ gesprochen, das wird immer gängiger und salonfähiger. Oder: der „Gutmensch“ für jemanden, der Flüchtlingen hilft oder sich für einen menschlichen Umgang mit ihnen einsetzt. Das Wort wird schon seit den 90er-Jahren diskutiert, auch das findet man vor allem im rechten Milieu.

Jetzt werden viele sagen: Darf man denn seine Meinung nicht mehr offen aussprechen?

Darum geht es nicht. Es ist aber eben nicht gleichgültig, wie man Menschen bezeichnet. Wer sprachliche Sensibilität fordert, dem wird von Kritikern oft vorgeworfen, er wolle etwas verbieten – da ist man schnell die Sprachpolizei. Wenn diese aber selber zum Beispiel als „Pack“ bezeichnet werden, werden auch sie empfindlich.

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