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Gut gelaunt: Gesine Schwan beim Besuch unserer Redaktion. Die SPD-Kandidatin tritt am 23. Mai bei der Bundespräsidentenwahl gegen Horst Köhler an.

Gast der Redaktion des Münchner Merkur

Schwan: „Bayern ist einfach ein wunderbares Land“

Sie strebt das höchste Amt in Deutschland an: Gesine Schwan will Bundespräsidentin werden. Beim Redaktionsbesuch sprach sie über ihre Kandidatur – und über Strauß, Pauli und Ferien am Chiemsee.

DGB-Chef Michael Sommer warnt vor sozialen Unruhen, falls sich die Krise verschärft. Übertreibt er?

Ich kann mir vorstellen, dass in zwei bis drei Monaten die Wut der Menschen deutlich wachsen könnte. Dann laufen vermutlich abfedernde Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld aus. Wenn sich dann kein Hoffnungsschimmer auftut, dass sich die Lage verbessert, dann kann die Stimmung explosiv werden. Schließlich gibt es seit Jahren in Deutschland ein Unbehagen über die wachsende soziale Kluft.

Bundespräsident Köhler hat über Jahre für freie Märkte geworben. Werfen Sie ihm das jetzt vor?

Ich habe seit Jahren kritisiert, mit welcher Blindheit wir uns ökonomischen Mechanismen unterwerfen. Zum Beispiel in der Bildung: Kinder müssen heute schon ganz früh lernen, sich gegen andere durchzusetzen. Das torpediert den Gemeinsinn. Generell gilt: Wer jetzt noch weitere Deregulierung fordert, hat die Krise nicht begriffen.

Das ist aber keine Antwort auf unsere Frage.

Lassen Sie mich so antworten: Mir persönlich ist es wichtig, stets eine klare Linie zu vertreten. Das bedeutet nicht, dass man seine Meinung nicht ändern darf. Man muss allerdings den Menschen erklären, warum man seine Ansichten wechselt. Das gehört zur Vertrauenswürdigkeit. Grundsätzlich erwarte ich von jedem Menschen vier Maximen: Er muss ehrlich sein, er muss kompetent sein, er muss zu seiner Meinung stehen und gerecht sein.

Sie stellen hohe Anforderungen. Gibt es ein Politiker-Vorbild für Sie?

Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist für mich ein Vorbild – insbesondere seine Reden. Ich erinnere nur an seine berühmte Rede am 8. Mai 1985 – also dem 40. Jahrestag der Kapitulation. Er hat mit seiner Interpretation der Vergangenheit, die alle teilen können, eine unglaubliche Integration der Gesellschaft erreicht. Das bewundere ich.

In Bayern gibt es derzeit eine bizarre Vorbild-Debatte. Sozialministerin Haderthauer hat im Interview gesagt, dass Franz Josef Strauß für sie kein Vorbild sei. Frau Schwan, ist Strauß für Sie ein Vorbild?

In seiner aktiven Zeit war Strauß sicher kein Vorbild für mich. Ich habe mich damals in einem ganz anderen politischen Spektrum bewegt. Strauß war ohne Zweifel hochgebildet, er hatte historischen und strategischen Sinn. Aber seine Rhetorik – die hat mir nicht gefallen.

Warum?

Seine Reden wirkten latent aggressiv.

Wäre es nicht an der Zeit, den Bundespräsidenten direkt vom Volk wählen zu lassen?

Ich lehne eine direkte Wahl ab. Die Parteien hätten noch mehr Einfluss auf die Präsidentenwahl. Schließlich würden sie die Wahl organisieren. Es gibt aber noch einen Grund: Aus der Erfahrung der Weimarer Republik haben sich die Väter des Grundgesetzes bewusst für eine parlamentarische Demokratie in Deutschland entschieden und gegen ein semi-präsidiales System wie in Frankreich. Der Bundespräsident hat kulturelle, aber keine operative Macht. Würde der Bundespräsident direkt gewählt, gäbe es einen großen Machtschub. Die Bürger hätten die Erwartung, dass der Präsident auch etwas bewegen kann. Diese Erwartungen würden nicht erfüllt – das halte ich für gefährlich.

Was sagen Sie dazu, dass die Freien Wähler in Bayern Gabriele Pauli nicht zur Bundesversammlung schicken, weil Pauli für Sie stimmen wollte?

Das ist Sache der Freien Wähler. Dass Frau Pauli und ich uns sympathisch sind, kann ich allerdings nicht verhehlen.

Wie groß sind Ihre Chancen am 23. Mai?

Meine Chancen stehen 50:50.

Aber Horst Köhler hat nach allen Berechnungen in der Bundesversammlung einen Vorsprung von zehn Stimmen. Union, FDP und Freie Wähler haben 614 Stimmen – SPD, Grüne und Linke 604!

Bei der Wahl 2004 habe ich vermutlich neun Stimmen aus dem bürgerlichen Lager gewonnen, Horst Köhler hat 18 Stimmen verloren.

Sie touren derzeit durch Deutschland. Darf man als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Wahlkampf machen?

Es ist kein Wahlkampf, sondern ein Wettbewerb um das Amt. Ich präsentiere mich in der Öffentlichkeit. Schließlich haben die Menschen ein Recht darauf zu erfahren, wofür ich stehe. Der Unterschied zu einem normalen Wahlkampf ist, dass ich mich um ein überparteiliches Amt bewerbe. Es darf daher zwischen den Kandidaten keine persönlichen Gifteleien geben. Aber ich darf um Stimmen werben.

Und den Amtsinhaber kritisieren?

Horst Köhler hat fünf Jahre gezeigt, wo er als Bundespräsident seine Schwerpunkte setzt. Ich zeige derzeit, was ich machen würde. Da gibt es sicher erhebliche Unterschiede. Wenn Sie das als Kritik am Amtsinhaber interpretieren, ist das Ihre Sache.

Was würden Sie denn konkret anders machen?

Ich sage Ihnen jetzt nicht, was Herr Köhler nach meiner Meinung vielleicht falsch macht. Ich nenne Ihnen aber gern meine Kernziele.

Und die wären?

Das Amt hat viel Potenzial. Ich würde es nutzen, um Demokratie und Bürgerbeteiligung zu stärken. Dazu bietet das Amt unglaubliche Möglichkeiten. Vor allem würde ich Debatten anstoßen. Die Gesellschaft ist derzeit verunsichert, wie es weitergeht. Hier ist Orientierung gefragt. Die Politik muss auch wieder transparenter werden. Viele Bürger wenden sich ab. Schließlich will ich die Bürger ermutigen, aktiv zu werden und an sich selbst zu glauben. Da gibt es noch sehr viel ungenutztes Potenzial.

Sie haben angekündigt, die Mitverantwortung der Finanz-Elite für die Krise herauszustellen. Was heißt das?

Ich halte nichts davon, die Finanz-Elite mit moralischen Vorwürfen zu überhäufen. Wir müssen vielmehr das System hinterfragen, das zu dieser Krise geführt hat. Die Manager haben innerhalb ihres Rahmens konsequent gehandelt. Wenn das System kurzfristige Gewinne fördert, dann setzen die Manager eben genau darauf. Statt den Managern zu sagen: „Böse, böse, böse“, würde ich die Verantwortlichen an einen Tisch bitten. Manche werden vielleicht behaupten, die Krise sei nur ein Betriebsunfall ...

... und andere werden sagen, Sie haben völlig Recht, Frau Bundespräsidentin, aber es gibt eben einen globalen Wettbewerb.

Ich weiß, das wird als Ausrede für alles verwendet. Ich frage aber: Darf globale Konkurrenz dazu führen, dass wir ins Desaster geraten? Müssen wir den globalen Wettbewerb nicht so steuern, dass es eben nicht zu einer Krise kommt? Da gibt es genügend Vorschläge, die wir diskutieren müssen. Gardinenpredigten helfen sicher nicht. Es ist besser, die Verantwortlichen zu fragen, was sie zu einer Lösung beitragen können.

Sie stammen aus West-Berlin und haben über Jahre die Europa-Universität in Frankfurt an der Oder geleitet. Sehen Sie sich als Kandidatin des Ostens?

Ich bin ein Wossi. Ich war sehr stolz, dass mich Menschen in Frankfurt an der Oder gefragt haben: Sind Sie aus dem Osten oder aus dem Westen? Ich habe als Westdeutsche stets versucht, mich in die Lage der Ostdeutschen hineinzuversetzen.

Was schätzen Sie an Bayern?

Ich fühle mich mit Bayern eng verbunden. Ich habe bereits in den 50er-Jahren mit meinen Eltern oft Ferien am Chiemsee verbracht. Meine Eltern hatten auch den Traum, dort einmal ein Häuschen zu kaufen. Es ist einfach ein wunderbares Land. Mein erster Mann war ein großer Opernfan. Wir waren daher häufig in München – eine sehr schöne Stadt mit unglaublicher kultureller Dichte. Aber mir gefällt es eigentlich überall gut.

Zusammengefasst v. Steffen Habit

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