Viele Martins, drei Utes und zwei Horsts

Das verraten die Vornamen unserer Abgeordneten

München - Nomen est omen, lautet ein lateinisches Sprichwort: Der Name hat eine Vorbedeutung. Was also lernen wir über Bayerns Politiker, wenn wir ihre Vornamen untersuchen? Eine Analyse vieler Martins, dreier Ulrikes und zweier Horsts.

Nur der Papst sucht sich seinen Vornamen selbst. Jorge Mario Bergoglio gab sich den Namen „Franziskus“, und das war eine Ansage, um sein kirchenpolitisches Programm zu verdeutlichen: Franz (Franziskus) von Assisi (1181/82 - 1226) ist der Heilige der Armut und der Naturliebe. Nein, Namen sind nicht Schall und Rauch. Der Vorname eines Kindes wird von den Eltern nicht zufällig ausgewählt und verrät deshalb einiges über deren Lebensstil und das regionale, soziale und religiöse Milieu, in dem ein Kind aufwächst.

Der neue, am 7. Oktober zusammengetretene Landtag zählt 180 Abgeordnete, 127 Männer und 53 Frauen, die alle ihre persönliche Vornamensgeschichte haben. Lassen sich darin allgemeine Tendenzen erkennen?

Die 180 Abgeordneten haben 115 verschiedene Erst- oder Rufnamen, die Mehrzahl der Namen kommt also nur einmal vor. Die Namenforschung (Onomastik) spricht hier von einem Trend zur „Individualisierung“. Seit den 1950er-Jahren wollen die Eltern einen „besonderen“ Namen für ihr Kind, weniger einen verbreiteten oder familiengebundenen. Zum Vergleich: Im ersten Landtag der Nachkriegszeit, 1946, hatten die 180 Abgeordneten nur 71 verschiedene Rufnamen. Ein Viertel der Männer hieß Josef, Georg oder Hans, und von den vier Frauen (alle bei der CSU) hießen zwei Maria.

Welche Vornamen sind im neuen Landtag beliebt? Bei den Frauen kann man von „beliebt“ kaum sprechen, weil 37 der 43 weiblichen Vornamen nur einmal auftreten. Fünf kommen zweimal vor (Angelika, Kerstin, Petra, Ruth, Tanja) und einer dreimal: Ulrike heißen die Abgeordneten Gote, Müller und Scharf. Bei den Männern sind die Spitzenreiter Martin (sechsmal) und Thomas (fünfmal), gefolgt von Alexander, Florian, Jürgen, Klaus, Markus und Peter (je viermal). Diese acht Namen decken insgesamt ein Viertel der männlichen Abgeordneten ab.

Maria und Josef, die altbairischen Topnamen, sind heute im Landtag kaum mehr vertreten: Keine Abgeordnete hat den Rufnamen Maria, und als Josef sind nur zwei geboren, von denen einer, der Grüne Dr. Dürr, nun als „Sepp“ auftritt.

Gibt es auch „auffällige“ Namen? Sieht man vom türkischstämmigen Arif (arabisch „wissend, einsichtig“) Tasdelen ab, sind die Vornamen aller Abgeordneten ziemlich normal: Es gibt im Landtag – um einige extravagante, aber gerichtlich zugelassene Kreationen zu nennen – keine „Alaska“ oder „Pepsi-Carola“, keinen „Wismut“ oder „Wilderich“. Auch die Vornamen ausländischer Herkunft sind unauffällig: Kein Kevin, keine Mandy, sondern allgemein akzeptierte Benennungen. Bei den Männern englisch Harry und Oliver, französisch Marcel und italienisch Sandro (Kurzform von Alessandro „Alexander“); bei den Frauen die russischen Koseformen Natascha (von Natalja) und Tanja (von Tatjana), französisch Annette und Simone, spanisch Isabell (mit unspanischem Doppel-l schreibt sich Frau Zacharias) sowie englisch Susann und Melanie.

Insgesamt sind die Vornamen der weiblichen Abgeordneten internationaler als die der männlichen. Dafür zeigen die Männer eine starke germanisch-deutsche Namenspalette: Von Albert, Alfred, Bernhard über Gerhard, Günter, Harald bis zu Walter, Winfried und Wolfgang. Fast die Hälfte der 72 verschiedenen männlichen Vornamen gehört einer Namenschicht an, die in den 1970er-Jahren bei den Neugeborenen wegbrach und deshalb heute vor allem die ältere Generation kennzeichnet. Unter den weiblichen Abgeordneten sind die germanisch-deutschen Namen schwächer vertreten, ihr Anteil beträgt knapp ein Fünftel: Gisela, Gudrun, Helga, Inge, Ingrid, Mechtilde, Ulrike, Ute.

Die starke – übrigens fraktionsübergreifende – germanisch-deutsche Vornamenskomponente gibt dem Landtag onomastisch einen konservativen Zug, der allerdings nicht dominiert. Die Mehrzahl der Vornamen ist griechisch-lateinischen Ursprungs, es handelt sich um antike, biblische und Heiligennamen. Die acht häufigsten männlichen Vornamen (siehe Tabelle) gehören zu dieser christlich-antiken Schicht: Spitzenreiter sind der Heiligenname Martin und der Apostelname Thomas; es folgen gleichauf Alexander, Florian, Jürgen (Variante von Georg), Klaus (Kurzform von Nikolaus), Markus und Peter. Diese Vornamen erscheinen übrigens zwischen 1955 und 1990 auf den Hitlisten der beliebtesten Vornamen, Alexander ist noch heute ein Renner.

Der Alterspräsident des Landtags, Peter Paul Gantzer (Jahrgang 1938), kombiniert zwei Apostelnamen. Auch die jüngste Abgeordnete, Judith Gerlach (1987), hat einen biblischen Vornamen. Die klassischen katholischen Männervornamen Josef, Georg, Hans (Kurzform von Johannes) und Franz, die den Landtag von 1946 prägten, kommen 2013 nur noch vereinzelt vor. Andererseits sind die im alten Bayern durchaus beliebten preußisch-protestantischen Vornamen Friedrich und Wilhelm (Kurzformen Fritz bzw. Willy) heute aus dem Landtag verschwunden.

Die waren die beliebtesten Vornamen 2012

Die beliebtesten Vornamen 2012

Das neue bayerische Kabinett ist nicht nur politisch ausgewogen, sondern auch onomastisch: Die fünf Frauen haben alle christlich-antike Vornamen: Beate Merk, Christine Haderthauer, Emilia Müller, Ilse (Kurzform von Elisabeth) Aigner und Melanie (griechisch „die Schwarze“) Huml. Bei den zwölf Männern stehen sich germanisch-deutsche und christlich-antike Vornamen gleichgewichtig gegenüber: Einerseits Albert Füracker, Bernd (Kurzform von Bernhard) Sibler, Gerhard Eck, Helmut Brunner, Ludwig Spaenle und Winfried Bausback; andererseits Franz Josef Pschierer, Georg Eisenreich, Joachim Herrmann, Johannes Hintersberger, Marcel (von lateinisch Marcellus) Huber und Markus Söder.

An der Spitze steht Horst Seehofer, dessen germanischer Vorname – den er mit dem SPD-Abgeordneten Arnold teilt – einige Rätsel aufgibt. Das Wort „Horst“ ist im Mittelhochdeutschen belegt und bedeutete ursprünglich „bewachsene Anhöhe über niedrigem Sumpfland“. Daraus entwickelte sich in der Jägersprache die Bedeutung „hoch liegendes Nest eines größeren Raubvogels“.

Als Vorname ist Horst allerdings erst seit 1769 belegt, in einem Werk des Dichters Klopstock. Er verbreitete sich allmählich im 19. Jahrhundert und machte dann in Norddeutschland Karriere, wo er 1919–1945 zu den beliebtesten männlichen Vornamen zählte. Heute ist Horst unter Neugeborenen extrem selten, sozusagen ein Unikat.

Helmut Berschin

Unser Autor

Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik.

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