Böhringer Prozess: Das Urteil

München - Als das Schwurgericht München Charlotte Böhringers Neffen wegen Mordes verurteilt, spielen sich tumultartige Szenen ab: Zuschauer protestieren. Benedikt T. schreit wütend. Seine Angehörigen und Freunde weinen. Ein Verteidiger verlässt einfach den Saal.

Sekundenlang bleiben Benedikt T.'s Angehörige und Freunde im Sitzungssaal stehen. Fassungslos blicken sie den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl an, der gerade verkündet hat: Der Angeklagte ist schuldig des Mordes an seiner Tante Charlotte Böhringer - das Gericht verhängt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Mit Heimtücke und Habgier seien zwei Mordmerkmale erfüllt, deshalb stellt die Kammer auch die besondere Schwere der Schuld fest, was eine frühzeitige Haftentlassung unmöglich macht.

Während seine Freunde entsetzt in Tränen ausbrechen und fluchtartig den Sitzungssaal verlassen, lehnt sich Benedikt T. mit schockiertem Gesichtsausdruck auf der Anklagebank zurück. Er bestreitet die Tat nach wie vor vehement. Ungläubig verfolgt er die Worte Götzls, der mit seiner eineinhalbstündigen Urteilsbegründung beginnt. Plötzlich erhebt sich Verteidiger Peter Witting, streift langsam seine Robe ab und verlässt beinahe lautlos mit gesenktem Kopf und Tränen in den Augen den Saal. Später wird er erklären: "Es ist für mich unerträglich zuzuhören, was sich die Kammer da zusammengezimmert hat."

Punkt für Punkt greift Manfred Götzl die Indizien auf, die nach Ansicht der 1. Strafkammer für die Schuld des Angeklagten sprechen. Benedikt T. habe seine Tante am 15. Mai 2006 mit mehr als 24 Schlägen auf den Kopf ermordet - zur "Erfüllung seiner Wünsche und zur Lösung seiner Probleme". Der Neffe habe nicht länger als "unterbezahlter Aushilfs-Tankwart" arbeiten, sondern den Geschäftsführer-Posten in der Parkgarage seiner Tante an der Baaderstraße antreten wollen. Zudem habe er damit rechnen müssen, dass seine Lebenslüge auffliegt. Jahrelang habe er Familie und Freunden vorgegaukelt, erfolgreich Jura zu studieren. "Die Rolle des Versagers passte nicht zu seinem Selbstverständnis", sagt Götzl. "Was wissen Sie schon", fällt Benedikt T. ihm ins Wort.

Immer wieder muss Götzl den Angeklagten, aber auch die Zuschauer zur Ruhe mahnen. "Haben Sie denn gar keine Achtung vor dem Gesetz?", fragt der Vorsitzende in den Saal. Gelächter. "Vor welchem Gesetz?", bekommt er entgegengeschmettert. "Sie machen sich schuldig, dass der Mörder noch frei rumläuft", schreit Benedikt T.'s Bruder Mate. "Sie, Herr Götzl, sind schuldig!"

Immer mehr Justizvollzugsbeamte und Polizisten postieren sich jetzt im Gerichtssaal. Inzwischen sind Angehörige und Freunde zurückgekehrt. Mit versteinerter Mimik hören sie zu, wie Götzl von Indizien spricht, von denen "jedes einzelne noch nichts beweist, aber die Gesamtschau aller Indizien". Indizien, die sich "wie ein Ring um den Angeklagten schließen". Für die Kammer gebe es keine Zweifel an Benedikt T.'s Schuld.

Götzl zählt auf: DNA-Spuren von Böhringer an 500-Euro-Scheinen in Benedikt T.'s Geldbeutel; DNA-Spuren an der Jacke der Leiche, die der Angeklagte zwar beim Auffinden verursacht haben könnte, was an der entsprechenden Stelle aber sehr unwahrscheinlich sei; DNA-Spuren von Benedikt T. an einem Umschlag und dem darin befindlichen Testament der Toten; das Verhalten des Angeklagten am Tag nach der Tat, das darauf hindeute, dass dieser bereits vom Tod der Tante gewusst haben muss: Er habe sich keine Sorgen um seine Tante gemacht, obwohl sich diese normalerweise täglich in der Tankstelle gemeldet habe.

Selbst dafür, dass der Täter die letzten Schläge einem Gutachten zufolge mit der rechten Hand ausgeführt hat, findet Götzl eine Erklärung: Der Linkshänder Benedikt T. habe von Anfang an mit der rechten Hand zugeschlagen, weil er die linke zum Offenhalten der Tür gebraucht habe, nachdem er seine Tante dort überrascht habe. "Sehenden Auges setzen Sie sich über die Beweisaufnahme hinweg", empört sich der Angeklagte. Götzl überhört das.

Das Verbrechen an Charlotte Böhringer sei "auf die ganz persönlichen Bedürfnisse des Angeklagten zugeschnitten", sagt Götzl. Der Gedanke an einen anderen Täter liege daher so fern, dass er ausgeschlossen werden könne. "Das ist unglaublich", schreit Benedikt T. Er springt auf und dreht sich zur Tür, die zu den Zellen im Gefangenen-Trakt führt. "Sie sind es nicht würdig zuzuhören - schämen Sie sich", schreit er Götzl an. Der reagiert gelassen, sagt bestimmt: "Sie bleiben hier."

Das gilt nicht für Zuschauer. Wieder gehen einige aus dem Saal, lassen dabei die Tür ins Schloss knallen. "Das ist eine Diktatur", keift ein Mann den Richter an. "Wir sind die Stimme des Volkes!" Inzwischen stehen mehr als ein Dutzend Wachleute und Polizisten im Gerichtssaal und fixieren vor allem Angehörige und Freunde des Angeklagten. Bereit, jederzeit einzugreifen. Doch trotz der Zwischenrufe lässt Götzl niemanden hinauswerfen. Ruhig wiederholt er: "Seien Sie bitte still, die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, das zu hören."

Doch nicht jeder will offenbar hören, was Götzl zu sagen hat. Eine Mitarbeiterin der Verteidiger rennt weinend aus dem Saal. Nur Rechtsanwalt Stefan Mittelbach sitzt jetzt noch vor dem Angeklagten. Schweigend hört der Verteidiger zu, was er nicht nachvollziehen kann, wie er später sagen wird. "Ich bin bestürzt darüber, wie über ganz zentrale Themen einfach hinweggegangen wurde." Den Gefühlsausbruch seines Mandanten könne er gut verstehen.

Das sieht Staatsanwalt Martin Kronester anders. Zwar habe er nicht damit gerechnet, "aber es überrascht mich nicht". Andere schon. "So schlimm war es nicht einmal beim Sedlmayr-Mord", berichtet später ein Justizvollzugsangestellter. Da hätten zwar die Angeklagten getobt, nicht aber die Zuschauer.

Vor dem Gerichtsgebäude wartet Verteidiger Witting. Sein Mandant befindet sich da schon wieder auf dem Weg zurück ins Gefängnis. Witting lehnt erschöpft an einer Mauer. Dann stößt er sich ab. Seine Augen funkeln wütend, als er ankündigt, gegen das Urteil in Revision zu gehen. Zwar wisse die erfahrene Kammer, wie man ein revisionssicheres Urteil abfasse, meint Witting. "Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Spektakuläre Indizien-Prozesse

Der Fall Brühne

Die 1910 in Essen als Vera Kohlen geborene Frau wurde mit ihrem Bekannten Johann Ferbach 1962 angeklagt, den Münchner Arzt Otto Praun sowie dessen Haushälterin Elfriede Kloo am 14. April 1960 in Pöcking am Starnberger See ermordet zu haben. Brühne und Ferbach wurden ­ trotz einer schwachen Indizienlage ­ wegen gemeinschaftlichen Doppelmordes zu einer lebenslangen Haftstrafe im Zuchthaus verurteilt. Die Revision wurde vom Bundesgerichtshof abgelehnt. Im Dezember 1979 wurde Brühne nach 18 Jahre Haft von Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß begnadigt und aus dem Frauengefängnis Aichach entlassen. Brühne stritt die Tat zeitlebens ab. Sie starb vor sieben Jahren in München.

Der Fall Oetker

Im Dezember 1976 wurde der Industriellen-Sohn Richard Oetker auf einem Parkplatz entführt. Er musste in einer Holzkiste liegen und Handschellen tragen. Nach der Zahlung von 21 Millionen Mark Lösegeld kam Oetker zwei Tage nach der Entführung und schwer verletzt frei. 1979 verhaftete die Polizei Dieter Zlof, als er bei seiner Münchner Bank einen registrierten 1000-DM-Schein einzahlen wollte. Obwohl er die Tat leugnete, wurde er aufgrund der Indizienlage 1980 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hatte, stellten 1997 in London Beamte von Scotland Yard rund 12,4 Millionen Mark aus dem Lösegeld bei ihm sicher. Erst daraufhin gestand er seine Täterschaft.

Der Fall Sedlmayr

Im Juli 1990 wurde der Volksschauspieler Walter Sedlmayr ermordet in seiner Schwabinger Wohnung gefunden. Vor Gericht bestritten die beiden Angeklagten, Sedlmayrs Ziehsohn und dessen Halbbruder, die Tat. Besonders belastend für beide waren jedoch: Das Zerwürfnis zwischen einem der Angeklagten und Sedlmayr kurz vor der Tat, die Auswahl der Dokumente, die aus der Wohnung des Schauspielers verschwunden sind, und die Tatwaffe, ein Hammer, der einem der Brüder zugeordnet werden konnte. 1993 wurden die beiden nach einem Indizien-Prozess zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Im Jahr 2007 wurde der eine Bruder, 2008 der andere auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen.

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