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Brasiliens Präsidenschaftskandidatinnen Dilma Roussef (links) und Marina Silva vor ihrem TV-Duell.

Rio de Janeiro

Brasilien vor der Wahl: Reif für den Wechsel?

Rio de Janeiro - Brasilien hat harte Wahlkampfwochen hinter sich. Es könnten noch härtere kommen. Amtsinhaberin Rousseff dürfte um eine Stichwahl wohl nicht herumkommen. Dann könnte es eng werden.

Marina Silva nutzt jede Sekunde der knappen Fernsehzeit, die ihr das Wahlkampfreglement zugesteht. 100 Prozent präsent, 100 Prozent emotional und voll im Angriffsmodus - so präsentierte sich sie Ex-Umweltministerin im letzten TV-Spot vor der Wahl an diesem Sonntag. „Die konkreteste Essenz der Politik ist: der Traum“, beginnt sie leise, um sich mit wahlkampfheiserer Stimme in ein flammendes Plädoyer zu steigern. „Diejenige, die nicht mal Stadtverordnete war, wurde Präsidentin“, attackiert sie Amtsinhaberin Dilma Rousseff. Mit ihr will sie sich messen, doch dazu muss sie in einem Zweit-Fronten-Kampf auf den letzten Metern ihre bröckelnden Umfragewerte festigen.

Die 56-Jährige schlitterte von ihrem Umfragehoch im August zuletzt sukzessive nach unten, während die 2010 gewählte Rousseff deutlich Boden gut machte. 40 Prozent für Rousseff, 24 Prozent für Silva in der ersten Runde am Sonntag, so lauten die Prognosen. Noch Ende August hatten beiden Rivalinnen mit je 34 Prozent gleich auf gelegen. Doch selbst die Kühnsten im Silva-Lager träumten nie von einem Sieg in der ersten Runde. Es ist die zweite Runde, die Stichwahl am 26. Oktober, die für die Strategen in Silvas Sozialistischer Partei PSB zählt.

Allerdings hat Silva, die bis 2009 selbst 24 Jahre Mitglied der regierenden Arbeiterpartei (PT) Rousseffs war, einen Zwei-Fronten- Wahlkampf zu führen. Denn die Stichwahl ist auch das erklärte Ziel von Aécio Neves, der sich als „einzig wahrer Antipetista“ präsentiert und mit seiner eher im Mitte-Rechts-Spektrum verorteten Sozialdemokratischen PSDB-Partei den Wandel propagiert. Der 54-Jährige liegt laut Umfragen derzeit bei 21 Prozent der Stimmen.

„Ich bin vorbereitet, Brasilien zu regieren“, sagt Neves, der locker daher kommt. Meist trägt er Jeans, Hemd über der Hose. So auch am Donnerstag, als er im Kampagnen-Büro in Rios Nobelviertel Leblon durch eine Seitentür den Raum im 5. Stock betrat, wo Kameras und rund 25 Journalisten auf ihn warten. Eine knappe Viertelstunde teilte er nach allen Seiten aus. Er kritisierte Korruptionsaffären und geißelte den neuesten Skandal, wonach PT-Genossen bei der Post angeblich Wahlmaterial seiner Partei zurückhielten, als „Verbrechen“.

Alle drei Kandidaten und noch vier weniger prominente, aber durchaus illustre Bewerber trafen sich am späten Donnerstagabend zur letzten TV-Redeschlacht vor der Wahl. Sie begann um 22.50 Uhr und endete nach teils heftigen Wortwechseln erst gegen 01.15 Uhr am Freitagfrüh. Rousseff (66), so hat man den Eindruck, sieht die Mühen ihrer Herausforderer eher mit gelassener Staatsfrau-Attitüde, auch wenn ihre Strategen Silva zuletzt scharf und verletzend attackierten.

Gestützt auf einen soliden Umfragevorsprung und vor Selbstbewusstsein strotzend verwies sie in der Debatte auf die Erfolge der nunmehr fast 12-jährigen PT-Regentschaft. Krisenmanagement, Armutsbekämpfung, sozialer Wohnungsbau, niedrige Arbeitslosigkeit - all das gepaart mit dem Slogan „Neue Regierung, Neue Ideen“ sind die Pfunde, mit denen sie wuchert und noch ein gewichtiges dazu: „Lula“. Rousseffs Vorgänger und Mentor Luiz Inácio Lula da Silva stärkt ihr den Rücken.

„Meine zweite Amtszeit (2007-2010) war besser als meine erste (2003-2006). Ich hatte mehr Sicherheit, mehr Erfahrung, mehr Unterstützung, um Projekte zu beschleunigen. .. Ich bin sicher, dass das auch mit Dilma so sein wird“, röhrt der einflussreiche Altpräsident im Wahlkampf der Staatschefin. Doch selten ging das Land so gespalten in eine Wahl. Rousseff hat diesmal starke Gegenkandidaten. Und nicht für jeden ist die Aussicht auf insgesamt 16 Jahre PT-Regierung eine Verlockung.

Ihre Botschaften senden die Kandidaten vor allem übers Fernsehen aus. Detailliert nachlesbare Wahlprogramme sind eher Mangelware. Auch die nächtliche Sendezeit der letzten TV-Redeschlacht war der Erfahrung geschuldet, dass die Brasilianer nur ungerne auf ihre geliebten Telenovelas verzichten, die vorher zur Primetime laufen.

Das Rousseff-Lager hatte im Wahlkampf mit elf Minuten die meiste TV-Sendezeit für Spots, Neves standen vier und Silva nur zwei Minuten zu Verfügung. Diese Karten werden neu gemischt vor der Stichwahl, denn dann haben beide Kandidaten die gleiche Sendezeit. Das kann wahlentscheidend sein.

dpa

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