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Auf dem Weg zur Hinrichtung: Mit bestialischen Videos (hier aus Libyen) versuchen die IS-Terroristen weltweit Aufmerksamkeit zu erregen und Kämpfer anzulocken – bisher mit Erfolg.

Das will die Terrormiliz

Der islamische Staat (IS): Das Kalifat der Hölle

Die Kämpfer des „Islamischen Staates“ morden in Syrien, im Irak und in Libyen. Und immer mehr Terrorgruppen, wie Boko Haram in Nigeria, schließen sich dem IS an. Das will der Islamische Staat (IS).

Update 2 vom 10. Mai 2016: Der Mann ist, wie sich nun herausgestellt hat, doch kein Terrorist des Islamischen Staates. Laut Polizei ist er geistig verwirrt und stand unter Drogen.

Update 1 vom 10. Mai 2016: Ein mutmaßlicher Terrorist des IS hat am Dienstag in Grafing-Bahnhof mehrere Menschen mit einem Messer attackiert.

Abu Bakr al-Baghdadi, der Kalif des Islamischen Staates.

In Syrien wird ein Mann bei lebendigem Leib in einem Gitterkäfig verbrannt, in Libyen werden Christen am Strand mit Blickrichtung Europa auf bestialische Weise ermordet. Die schwarz maskierten Mörder jubeln, während ihre Kumpane das Massaker filmen. Die Bilder des Grauens werden via Twitter, Facebook und Youtube verbreitet. Und erreichen ihr Ziel: Die Welt blickt auf den „Islamischen Staat“ (IS) – eine Terrororganisation, die im Nahen Osten mit bisher beispielloser Grausamkeit einen „Heiligen Krieg“ führt. Einen Kampf, der das im Juni 2014 ausgerufene „Kalifat Großsyrien“ zum islamischen Weltreich ausweiten soll.

Geplant ist ein Reich des Terrors und der Scharia, in dem weder Freiheit noch Freizügigkeit, weder Freude noch Lebenslust, weder demokratische Tendenzen noch Andersgläubige einen Platz finden sollen. Dafür kämpfen die „grünen Legionen“ des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi – grün ist die Farbe des Propheten. Dafür töten die Kämpfer des IS, dafür sind sie bereit zu sterben. Es ist Fanatismus pur, aber er lockt Dschihadisten aus mehr als 80 Ländern nach Syrien und in den Irak – auch aus Deutschland.

Islamischer Staat: Abu Bakr al-Baghdadi ist der Kopf der IS

Wer aber ist der Mann an der Spitze der Mordbrenner, der in wenigen Jahren eine erfolgreiche Armee des Todes geschmiedet hat und die Welt unterjochen will? Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri, geboren am 1. Juli 1971 in der zentralirakischen Stadt Samarra, ist ein religiöser Fanatiker der abschreckendsten Sorte, aber kein Dummkopf. Den Kampfnamen Abu Bakr al-Baghdadi legte er sich erst später zu, als er sich inmitten des Chaos, das die USA und die Koalition der Willigen im Irak angerichtet haben, radikalisierte. Seinem Biographen zufolge soll er einer frommen Familie entstammen, die ihre Wurzeln auf die Familie des Propheten Mohammed zurückführt. Auch wenn sich dieser Anspruch kaum untermauern lässt, für al-Baghdadi ist er von elementarer Bedeutung, denn nur dann darf er den Titel eines Kalifen (Stellvertreter des Propheten und religiös-politisches Oberhaupt) führen. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass sich der Pseudo-Kalif des IS mit dem schwarzen Turban der Nachkommen des Propheten schmückt. Es ist auch ein deutliches Zeichen dafür, wie größenwahnsinnig der Machtanspruch dieses Mannes ist. Fest steht, dass der spätere Chef der Terrormiliz – von dem kaum Bilder existieren – in Bagdad studiert und mit der Note „sehr gut“ 2007 zum Doktor der islamischen Theologie promoviert hat.

Der Islamische Staat (IS) hat seine Wurzeln im Krieg der Amerikaner im Irak

Wie so viele Terrorgruppen hat auch der IS seine Wurzeln in dem Krieg, den die Amerikaner im Irak entfesselt haben. All diese Gruppen richteten sich gegen die US-Besetzung und den neuen Staat (am bekanntesten wurde El Kaida). An der Spitze des IS, der sich im Jahr 2000 noch „Tawid al Jihad“ (Kämpfer Gottes) nannte, stand damals Abu Musab al-Sarkawi, ein 1966 in Jordanien geborener Islamist. Er war es, der die Schiiten zum Hauptfeind der Sunniten erklärte und Dschihadisten aus vielen Ländern in seine Gruppe lockte – darunter auch El-Kaida-Mitglieder. Er war es, der „Tawid al Jihad“ schließlich als selbstständigen El-Kaida-Ableger formierte, die Gruppe in „El Kaida im Irak“ umbenannte und sich nach einem Richtungsstreit von der Terror-Mutter lossagte. Ab sofort hieß Al-Sarkawis Terrorbande „Islamischer Staat im Irak“ (ISI).

2006 wurde Al-Sarkawi, auf dessen Kopf Washington 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatte, bei einem US-Angriff getötet. Um diese Zeit dürfte auch der Mann aus Bagdad, al-Baghdadi, zum ISI gestoßen sein. Die Amerikaner hatten den späteren Kalifen bereits 2004 im Visier: Elf Monate lang war er im „Camp Bucca“, einem Gefangenenlager der Streitkräfte im Irak, interniert. Dort war es, wo er Kontakte zu anderen Gruppen knüpfte und an seiner Strategie für den späteren Ausbau des IS bastelte. Die US-Behörden entließen den Mann, der 2010 zum „Emir“ und Anführer des ISI gewählt wurde, weil sie ihn für „nicht gefährlich“ hielten.

2013 zog er nach Syrien, um gegen das Assad-Regime zu kämpfen, und richtete in der Stadt Ar-Raqqa am Euphrat sein Hauptquartier ein. Er rief einen „Islamischen Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS) aus, und er bootete die syrische Al-Nusra-Front – eine lokale Terrorgruppe – aus. 2014, nachdem seine Horden die nordirakische Stadt Mossul gestürmt hatten, verkürzte er den Namen seiner Gruppe auf IS und rief ein Kalifat aus – mit ihm als „Kalif Ibrahim“ an der Spitze. Nicht ohne vorher mit El Kaida auf internationaler Ebene in Konkurrenz zu treten: Heute ist der IS neben dem Irak und Syrien unter anderem in Ägypten, im Jemen, in Libyen und in Algerien aktiv. Kleine Terrorzellen existieren in zahlreichen, auch europäischen Ländern.

Islamischer Staat: IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi ist der der Albtraum des Westens und der islamischen Welt

Heute ist Abu Bakr al-Baghdadi neben El-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri der meistgesuchte und mächtigste Terrorist weltweit, der Albtraum des Westens und auch der islamischen Welt. Er hat einen Traum der El Kaida und von Osama bin Laden verwirklicht: Er verfügt mit seinem Kalifat über ein von ihm und vom IS beherrschtes Territorium.

Die Liste der von US-Regierungen präsentierten Fehleinschätzungen im Orient ist umfangreich. Auch Präsident Obama hat diese Kette nicht unterbrochen. Sein Fazit „Der IS ist weder ein Staat noch islamisch“ ist Wunschdenken. Die Kämpfer der IS-Gespensterarmee morden im Namen Allahs – und damit sind sie vom Islam nicht zu trennen. Dem US-Institut TRAC (Terrorism Research and Analysis Consortium) zufolge ist der IS schon lange keine reine Kampftruppe mehr, sondern „eine Regierungsmacht in den eroberten Gebieten“. Es gilt das radikale Gesetz der Scharia, es gibt Bürgermeister, lokale Regierungen und Gouverneure. Der IS unterhält Schulen, Moscheen und Banken. Und er versorgt die Bevölkerung mit dem Nötigsten. „Diese recht geordneten Strukturen unterscheiden den IS von anderen Terrorgruppen und machen seine Stärke aus“, betonen die TRAC-Analysten.

Al-Baghdadi hat in seinem Kalifat einen „Schura-Rat“ (ein Beratergremium) installiert, das gewährleisten soll, dass seine religiösen Regeln befolgt werden. Und es gibt sogar ein Kabinett mit einem Minister für Finanzen, Sicherheit und Organisation. Er heißt Abdullah Ahmed al-Meschedani, trägt den Decknamen Abu Kassem und ist für ausländische Kämpfer und den Transport von Selbstmord-Attentätern des IS an ihren Einsatzort zuständig. Er ist der Mann, der auch deutsche Dschihadisten in das Kalifat des Todes holt.

Al-Baghdadis Stellvertreter heißen Abu Ali al-Anbari und Abu Muslim al-Turkmani. Sie beherrschen das Handwerk des Krieges: Beide waren hohe Offiziere in der Armee des Diktators Saddam Hussein. Und beide gingen in den Untergrund, als US-Verwalter Paul Bremer nach der Eroberung Bagdads die Infrastruktur und die Sicherheitsdienste des Irak zerschlug. Es sind zwei von vielen ehemaligen Saddam-Leuten, die heute das Rückgrat des IS bilden.

Das erklärt die Stärke und die Schlagkraft der „grünen Legionen“, es erklärt ihre militärische Kompetenz und wie es al-Baghdadi gelingen konnte, innerhalb kurzer Zeit sein Kalifat zu schaffen. Dass der IS bei seinen Eroberungszügen relativ leichtes Spiel hatte, kommt hinzu: Der Irak und Syrien zerfleischen sich in blutigen Bürgerkriegen, und Libyen zählt zu den „failed states“, den gescheiterten Staaten. Der IS konnte in rechtsfreie Räume vorstoßen.

Islamischer Staat: Antiquitäten, Geiseln und Benzin bringen dem IS Millionen ein

An Ressourcen mangelt es ihm bis heute nicht, weder an Waffen noch an Kriegern noch an Geld. Bis zu 50.000 Kämpfer wurden bisher rekrutiert, etwa 4000 kamen aus Europa, 400 aus Deutschland. Der IS gilt als reich. Er hat irakische Staatsbanken geplündert und er verfügt Geheimdiensten zufolge über finanzkäftige Unterstützer in arabischen Staaten. Durch Schutzgeld-Erpressungen, Wegzölle und Geiselnahmen fließen monatlich Millionen in die Terrorkasse. Die Geldquellen sprudeln auch dank der eroberten Gas- und Ölfelder im Nordirak: Raffiniertes Benzin wird über Mittelsmänner sogar an das Assad-Regime in Damaskus und auch an die türkische Regierung verkauft. Als beachtliches Zubrot sind außerdem Erlöse aus Leichenverkäufen und dem Handel mit aus Museen und Grabungsstätten geraubten Antiquitäten zu verbuchen.

Ein erschreckendes Szenario, aber nicht überraschend. Das Assad-, das Saddam- und das Gaddafi-Regime waren Bollwerke gegen den Terrorismus. Und auch deshalb gefragte Partner des Westens und der USA. Kurz vor den Nato-Luftschlägen auf Libyen hat Muammar al-Gaddafi sich in einem Interview mit dem französischen „Journal du Dimanche“ als Prophet präsentiert: „Wenn ihr (die Europäer) mich destabilisiert, werdet ihr Verwirrung stiften und Rebellenhaufen begünstigen. Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, und El Kaida wird sich in Nordafrika einrichten. Die Anarchie wird sich von Pakistan und Afghanistan bis nach Nordafrika ausbreiten.“ Muammar al-Gaddafi hat (leider) nicht nur Recht behalten, es kam mit dem Islamischen Staat sogar noch schlimmer. Die IS-Erfolge faszinieren viele Muslime – die nigerianischen Boko-Haram-Horden haben dem „Kalif“ bereits die Treue geschworen. Und dessen Truppe ist auf dem Vormarsch: in Nordafrika und in Richtung Europa.

Von Werner Menner

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