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Ein jesidisches Mädchen.

Shirin erzählt ihre Schreckensgeschichte

So entkam eine Jesidin dem Grauen des IS

München - In den letzten zwei Jahren wurden tausende jesidische Frauen von den Terroristen des Islamischen Staats entführt, versklavt und vergewaltigt. Shirin ist entkommen – und erzählt in München ihre Schreckensgeschichte.

Die Geschichte von Shirin, das hat sie verdient, beginnt in Sicherheit. Auf einem Hinterhof in der Münchner Theresienstraße, in einem flachen Verlagshaus. Sie ist hier, um über ihr Buch zu sprechen. Das Buch heißt Ich bleibe eine Tochter des Lichts, und die junge Frau erzählt darin, wie der selbsternannte Islamische Staat ihre Familie zerrissen hat. Wie sie, 18 Jahre alt, von islamistischen Kriegern versklavt wurde, verkauft, vergewaltigt und geschwängert.

Shirin, das ist kurdisch und heißt: die Süße, die Schöne, aber eigentlich heißt Shirin ganz anders. Der Deckname soll ihre Familie schützen, die noch im Irak lebt. Im neuen Namen liegt die Hoffnung, dass ihre Mutter, ihre Schwestern und Brüder überhaupt noch am Leben sind. Nur Shirins Vater ist in Sicherheit, in einem Flüchtlingslager nahe der türkischen Grenze. Wenn sie telefonieren, sagt er: Solange du lebst, lebe ich auch, solange es dir gut geht, geht es mir gut. Vor ein paar Wochen hat er ein Lebenszeichen der Mutter empfangen: Sie wurde offenbar von ihren verbliebenen Kindern getrennt und nach Rakka in Syrien verschleppt.

Eine der ältesten Religionen der Welt 

Shirin ist Jesidin. Die Jesiden sind eine kleine Religionsgemeinschaft, die zur Volksgruppe der Kurden gehört. Die meisten der etwa eine Million Gläubigen leben im Norden des Irak, viele in der Türkei und in Syrien, ein paar Zehntausend in Deutschland. Sie bezeichnen sich als eine der ältesten Religionen der Welt, doch ihr Glaube ist in keiner Heiligen Schrift begründet, er wird mündlich überliefert. Jeside ist auch nur, wessen Mutter und Vater Jesiden sind. Ihre zentrale Figur ist der Engel Taus-i Melek, symbolisiert durch einen blauer Pfau. Islamisten sehen in diesem Engel den Satan – und in den Jesiden Teufelsanbeter. 

Shirin mit ihrem Buch in München.

Das ist der Ursprung des Grauens, das für Shirin im Sommer 2014 beginnt. In Hardan, ihrem Heimatdorf im Nordirak leben damals etwa 200 Familien, Jesiden und Muslime, fast alle in schlichten Lehmhäusern. Es gibt keine befestigten Straßen, Busse oder Züge, aber Facebook und Bollywood-Filme. Shirin geht zur Schule, ist kurz vorm Abitur, will bald Jura studieren. Und sie ist verliebt in Telim, einen Jungen aus einem Nachbardorf. Die beiden haben sich erst einmal gesehen, doch sie telefonieren oft. 

In diesem Sommer also, am Morgen des 3. August, rollen Pickups und Jeeps in Hardan ein. Darauf stehen Männer mit langen Hemden und langen Bärten, schwarze Fahnen schwenkend – Soldaten der Terrormiliz Islamischer Staat, die an diesem Tag alle Dörfer der Region einnimmt. Die Peschmerga, die kurdischen Streitkräfte, sind in der Nacht geflohen. Sie hatte geschworen die Jesiden zu schützen. Unter den Invasoren erkennt Shirin viele ihrer muslimischen Nachbarn, die sich den Terroristen angeschlossen haben. Handwerker und Ärzte des Dorfes, Lehrer ihrer Schule. Die Soldaten trennen Frauen und Kinder von den Männern. Viele jesidische Männer werden sofort erschossen und in Massengräbern verscharrt. 7000 sollen in den ersten Augusttagen 2014 in Hardan und der umliegenden Region ermordet worden sein. Shirins Vater ist auf Geschäftsreise, ihm rettet die Arbeit das Leben. Die Frauen und Kinder werden indes nach Tal Afar gebracht, eine IS-Hochburg im Nordwesten, und dort in eine leer stehende Schule gesperrt. 

Eine Geschichte mit furchtbaren Details

Monate später sitzt Shirin in dem flachen Verlagshaus in München. Sie ist heute 19, eine kleine Frau mit schwarzen Augen und Haaren, die mit sanfter Stimme antwortet, klug und lebendig. Neben ihr sitzen die Übersetzerin Nalin Farec und die Buchautorin Alexandra Cavelius, der Shirin ihre Geschichte in allen furchtbaren Details erzählt hat. Ob sie sich vorstellen kann, jemals nach Hardan zurückzukehren, in ihr Dorf, das im letzten November von den Peschmerga befreit wurde? „Solange meine Mutter und meine Geschwister nicht frei sind, wird Hardan für mich nicht frei sein“, sagt Shirin und die Übersetzerin streichelt ihren Unterarm. „Die Toten kommen sowieso nicht ins Leben zurück, und selbst für die, die jetzt noch gefangen sind, wird das schwer.“ Laut einem Bericht der Vereinten Nationen im Januar werden im Irak noch immer 3500 Frauen und Kinder vom IS als Sklaven gehalten, vor allem Jesidinnen. 

Am Handgelenk trägt Shirin heute wieder ein rot-weißes Glücksbändchen. Eines, wie es ihr bei der Ankunft in Tal Afar abgerissen wurde. Das Weiß dieser traditionellen jesidischen Bänder steht für Reinheit, das Rot für die Blutopfer, die die Jesiden in ihrer Geschichte wieder und wieder leisten mussten. 

In Tal Afar beginnt Shirin zu ahnen, wozu der IS und seine Krieger imstande sind. Sie beobachtet, wie ein Mädchen in ihrem Alter fortgezerrt und vergewaltigt wird. Sie hört auf sich zu waschen und schmiert sich Ruß ins Gesicht, um auf die Soldaten so unattraktiv wie möglich zu wirken. Als die Schule nach einigen Tagen bombardiert wird, schaffen die Terroristen die Frauen und Kinder nach Badusch, in eines der größten Gefängnisse im Irak. Alle Jungen, auch Shirins kleiner Bruder Kemal, 12 Jahre alt, werden von ihren Müttern getrennt. Sie bekommen vom IS Koran- und Kampfunterricht, sollen für Grausamkeiten abgehärtet und zu Kindersoldaten erzogen werden. Da Kemal sich weigert, brechen ihm die Terroristen ein Bein und stecken ihn wieder ins Gefängnis. 

Mädchen wurden an Krieger verkauft

Mädchen und junge Frauen werden aus den Zellen geholt, um in den IS-Zentren Mossul und Rakka an Krieger verkauft zu werden. Shirin kann das hinauszögern. Da verheiratete Frauen von einigen Islamisten nicht angerührt werden behauptet sie, sie sei verheiratet, gibt ihre kleine Schwester Leyla als Tochter aus. Das funktioniert, bis sie eines Tages verraten wird – von ihrem ehemaligen Mathelehrer, der im Gefängnis arbeitet. Shirin wird als Sklavin an einen Turkmenen verschenkt, einen kleinen fetten Krieger, der Obsthändler war, bevor er zum IS kam. Heute nennt sie ihn nur den hässlichen Gnom. Schon am ersten Abend fordert der hässliche Gnom Sex. Bis dahin dachte Shirin, beim Sex gehe es um Küssen und Streicheln. Sie wehrt sich mit Bissen und Tritten. Der Turkmene lässt von ihr ab. Als er am nächsten Tag ihr Zimmer betritt, hat sich Shirin gerade ihren Schal um den Hals gelegt und zieht mit aller Kraft an den Enden. 

Im Kino wäre Shirins Geschichte ein Heldendrama. Nachdem die Heldin versucht hat sich umzubringen, kämpft sie sich durch absurde Kaskaden der Gewalt; jeder Mann, an den sie weiterverkauft wird, scheint noch erbarmungsloser, brutaler als der vorherige. Monatelang: Ein Überleben unter Kannibalen, Kopfabschneidern, Vergewaltigern. Von einem wird sie schwanger. Auf einer stillgelegten Baustelle lässt sie eine Palette mit Ziegelsteinen auf ihren Bauch krachen. So viel Blut. 

Doch diese Geschichte ist kein Film, kein Schreckensroman. Es liegt kein Funken Fiktion darin, der Shirins Erzählung irgendwie erträglicher, überhaupt irgendwie erträglich machen könnte. Im Verlagshaus in der Theresienstraße sitzt einem eine junge Frau gegenüber, die auf barbarischste Weise vernichtet werden sollte. Wie sollte sich das begreifen lassen? In der halben Stunde Gespräch gehen immer wieder die Worte aus. Als Reporter und Mann weiß man auch nicht, ob man ihr in die Augen schauen soll, doch sie schaut ein paar Mal freundlich zurück. Wie hat sie das alles überlebt? „Mit den Gedanken an meine Mutter. Mit der Hoffnung, dass ich sie eines Tages wiedersehen würde.“ Shirin lächelt. Seit ihrer Flucht hat sie ihre Mutter nicht mehr gesehen, ihre Stimme nicht mehr gehört. „Und dank meiner Religion. Ich habe nicht aufgehört zu beten, dass mein Gott mich befreit. Nie habe ich die Hoffnung aufgegeben.“ 

Sie fleht schließlich Ibrahim an, den Mathelehrer. Den Mann, der sie verraten hat. Er leitet inzwischen eine Koranschule im Viertel ihres aktuellen Besitzers. Sie erzählt ihm alles. Der Lehrer, der dachte, die Mädchen würden vom IS nur an Muslime verheiratet und konvertiert, verspricht schockiert, zu helfen. Er bereitet ihre Flucht vor. Zum Schein wird Shirin an einen jungen Muslim verheiratet, der sie aus dem IS-Gebiet schmuggeln soll. Die beiden geben vor, frisch verheiratete Muslime zu sein, die mit dem Auto die Eltern der Braut im Zentrum Iraks besuchen wollen. Es gelingt, irgendwie. Die Peschmerga, die kurdischen Milizen, bringen Shirin dann nach Dohuk an der türkischen Grenze – zu ihrem Vater. Er stellt keine Fragen. 

In einem der Flüchtlingslager, wo sie nun leben, hört sie von Jan Kizilhan. Einem kurdischstämmigen Psychologen aus Baden-Württemberg, der misshandelte Jesidinnen zur Therapie nach Deutschland bringt. Bald spricht Shirin mit dem Psychologen, einen Monat später, im Juli 2015, fliegt sie nach Stuttgart. 

Eine Schicksalsgemeinschaft aus 17 Frauen

Das Land Baden-Württemberg entschied als erstes, Jesiden aufzunehmen, 1100 traumatisierte Frauen und Kinder. Niedersachsen will dem Beispiel folgen, mit zwei weiteren Bundesländern verhandelt der Zentralrat der Jesiden momentan. Shirin wohnt in einem kleinen Ort, in einem Haus am Waldrand, gemeinsam mit 16 anderen irakischen Jesidinnen. Eine Schicksalsgemeinschaft. Jesidische Frauen, jede mit ihrer eigenen furchbaren Geschichte. Geschichten von abgeschnittenen Brüsten und von Mitgefangenen, die lebendig verbrannt worden sind. Es wird nicht viel darüber gesprochen, sagt Shirin. Schon die eigene Geschichte muss ja verdrängt und vergessen werden. 

Auf die versprochene Therapie warten viele der traumatisierten Frauen noch. Man muss ihnen Zeit geben, sagt Jan Kizilhan, der die Aufnahme der Jesidinnen in Deutschland koordiniert. Die Frauen müssten sich erst sicher fühlen, um eine Therapie zu überstehen. Shirins Begleiterinnen im Verlag sagen, es mangelt an speziell geschulten Therapeuten und Dolmetschern – deshalb gehe es mit den Therapien so schleppend voran. Dem Eindruck widerspricht Kizilhan – klar, die Hilfe könnte immer noch weitreichender, noch besser sein. Aber es läuft schon gut. 

So oder so ist es ein monotoner Alltag am Waldrand: Aufstehen, zum Deutschkurs gehen – Hallo! Wie geht es dir? Woher kommst du? –, eine Kleinigkeit essen und dann warten, dass es Abend wird. Dann warten, dass es Morgen wird. Manchmal am Wochenende ein kleiner Spaziergang. Es ist ein Leben in Sicherheit, zum Preis der Einsamkeit. Wenn das zweijährige Programm vorbei ist, kann Shirin entscheiden, ob sie bleiben will. Daran denkt sie noch nicht: „Seit ich in Deutschland bin, stehe ich morgens auf und lebe einfach in den Tag hinein. Ich weiß nie, ob es schlimmer kommt oder besser. Ich warte und denke von Tag zu Tag.“ Sie wartet auf Nachrichten von ihrer Familie. 

Außer mit ihrem Vater schreibt und telefoniert sie regelmäßig mit Telim, dem Jungen aus dem Nachbardorf, in den sie verliebt war. Er war ihr in den letzten Monaten ziemlich nah, lebte in einem bayrischen Flüchtlingsheim. Doch inzwischen ist er in den Irak zurückgekehrt. Es war zu hart für ihn, als einziger Jeside unter vielen Muslimen. Er hat zu Shirin gesagt: Ich bleibe, aber nur wenn du versprichst, mich zu heiraten. Shirin sagte, sie sei noch nicht so weit. Sie bereut das heute, ein wenig, aber immerhin reden sie wieder. 

Shirin, die Mutige, Tapfere, sie hat eine Botschaft, die aus ihr sprudelt am Ende des Gesprächs. Das Buch solle den Menschen im Westen die Augen öffnen, das Schicksal der Jesiden und all der anderen nahebringen, die vom Islamischen Staat verfolgt und gefoltert werden. Shirin, das Mädchen, die Überlebende, sagt: „Die Geschichten dieser Menschen dürfen nicht ungehört bleiben, nicht vergessen werden.“

von Christoph Farkas


Das Buch

Alexandra Cavelius: Ich bleibe eine Tochter des Lichts. Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen. Europa Verlag, 368 Seiten, 18,99€.

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