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In Hannover haben die Einheitsfeierlichkeiten mit Joachim Gauck und Angela Merkel begonnen.

Tag der Deutschen Einheit

Politiker feiern Einheit und würdigen Mut der DDR-Bürger

Hannover - Deutschland feiert sich und seine Einheit. Beim zentralen Festakt in Hannover erinnert Kanzlerin Merkel an den Mut der DDR-Bürger vor 25 Jahren. Für Gänsehaut-Feeling und feuchte Augen im Publikum sorgen aber andere.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer freut sich Deutschland über ein Leben vereint in Vielfalt: Beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Hannover rief Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag dazu auf, noch bestehende Probleme beherzt anzugehen. Gleichzeitig würdigte sie den Einsatz der Demonstranten in der DDR. „Ohne den Mut dieser Bürger, ohne den von ihnen erzeugten Reformdruck wäre es nicht zum Mauerfall gekommen.“

Die Wiedervereinigung sei ohne die friedliche Revolution in der DDR und die anschließende diplomatische Überzeugungsarbeit der damaligen Bundesregierung auf internationalem Parkett nicht denkbar gewesen. „Die Wiedervereinigung war ein historisches Meisterstück.“

Klaus Meine und der "Wind of Change"

An dem Festakt nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ex-Bundespräsident Christian Wulff, Altkanzler Gerhard Schröder sowie die Ministerpräsidenten anderer Bundesländer teil. Gefeiert wurde unter dem Motto „Vereint in Vielfalt“. Für Gänsehaut-Feeling und feuchte Augen beim Publikum sorgte Klaus Meine, Sänger der Rockband „Scorpions“, der zusammen mit einem Mädchenchor seine Wendehymne „Wind of Change“ sang. Dazu waren bewegende Momente der jüngsten deutschen Geschichte als Filmzusammenschnitt zu sehen.

Merkel schlug in ihrer Rede einen großen Bogen von den Werten, die zur Einheit Deutschlands führten, bis hin zu den aktuellen Problemen und Herausforderungen des Jahres 2014. „Heute können wir feststellen wie unendlich viel seit 1990 geleistet wurde. Städte, die grau und kaputt waren, wurden bunt und entwickelten wieder ihr eigenes, neues Lebensgefühl“, sagte Merkel.

Zwar sei die Arbeitslosigkeit im Osten noch höher als im Westen, 2013 seien aber erstmals mehr Menschen von West- nach Ostdeutschland gezogen als umgekehrt. Der allergrößte Teil der jungen Menschen finde inzwischen, dass die Wiedervereinigung Vorteile gebracht habe. Deutschland habe beim Zusammenwachsen beider Staaten „wirklich nicht alles falsch, sondern vieles richtig gemacht“, betonte Merkel.

Unterschiede zwischen Ost und West immer unbedeutender

Die Unterschiede zwischen Ost und West verlören immer mehr an Bedeutung. „Und deshalb muss es uns auch für die Zeit nach dem nach Ende des Solidarpakts ab 2020 gelingen, die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern neu zu ordnen, und zwar so, das wir für die ostdeutschen Länder finanzielle Brüche vermeiden und gleichzeitig ein System entwickeln, von dem alle strukturschwachen Regionen in Deutschland profitieren können.“ Das sei „eine echte Kraftanstrengung“.

Die Kanzlerin riss in ihrer Rede nahezu alle größeren aktuellen Themen an. In diesem „Seuchen, Kriegs- und Terrorjahr“ scheine die Welt aus den Fugen geraten zu sein, zitierte Merkel Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Bei der Bewältigung der unzähligen nationalen und internationalen Probleme müsse Deutschland sich auf seine Werte und Überzeugungen besinnen, die schon den Fall der Mauer ermöglicht hätten.

Merkel zählte unter anderem die Arbeitslosigkeit in Deutschland, die Probleme bei der Bundeswehrausrüstung, die wachsende Zahl der Flüchtlinge und die Bedrohung durch islamistischen Terror und Krankheiten wie Ebola auf. Die Kanzlerin betonte aber zum Abschluss des Festaktes: „Das Jahr 2014, das so ganz anders verläuft, als wir uns vor einem Jahr vorstellen konnten, muss uns nicht mutlos werden lassen.“

Zehntausende beim Bürgerfest

Bei strahlendem Spätsommerwetter sind am Freitag in Hannover Zehntausende Menschen zum großen Bürgerfest am Tag der Deutschen Einheit geströmt. Auf der 1,5 Kilometer langen Partymeile am Maschsee mitten in der Innenstadt herrschte schon am Mittag dichtes Gedränge. Dort präsentieren sich die 16 Bundesländer in ihrer ganzen Vielfalt mit Musik und Mitmachangeboten für Familien.

Ex-Bundesaußenminister Dietrich Genscher bezeichnete die Einheit 25 Jahre nach dem Fall der Mauer als gelungen: „Ich denke schon, das ist ein ganz großes Gemeinschaftswerk, was da entstanden ist“, sagte er vor dem zentralen Festakt in Hannover. Zwar gebe es nach wie vor Probleme. „Ich denke aber, dass die innere Vereinigung doch gut gelungen ist. Ich empfinde da jedenfalls große Dankbarkeit, auch für die innere gesamtdeutsche Solidarität.“

Tausende demonstrieren gegen Einheitsfeier

Mehrere Tausend Demonstranten haben am Freitag in der Innenstadt von Hannover gegen die Feier zum Tag der Deutschen Einheit protestiert. Zu einer Kundgebung auf dem Opernplatz hatten sich am Mittag linke Gruppen und Organisationen, Autonome sowie Anhänger kurdischer Gruppen versammelt. Die Polizei sprach von rund 2700 Teilnehmern, der Veranstalter von etwa 5000. Sie protestierten gegen Armut, Ausgrenzung, Antisemitismus und Nationalismus. Am Nachmittag beendete der Veranstalter die Demonstration, nachdem es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen war. Protestierer hatten Feuerwerkskörper gezündet und Farbbeutel geworfen.

Merkel und Gauck in Hannover: Bilder

Gauck und Merkel bei Einheitsfeier

Tillich warnt vor Verharmlosung der DDR

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat am Tag der Deutschen Einheit vor einer Verharmlosung der DDR gewarnt. Die Erinnerung an die friedliche Revolution müsse wachgehalten werden. „Es ist wichtig, weil die friedliche Revolution ein Aufbegehren gegen den Unrechtsstaat war“, sagte Tillich am Freitag bei einer Feierstunde im Landtag in Dresden. „Wir dürfen nicht dahin kommen, die Erinnerung an die DDR in immer kleinere Anekdoten, in immer kleinere Päckchen zu packen, auf denen am Ende draufsteht: „Nicht so schlimm“.“

De Maizière beklagt fehlendes Einheitsdenkmal

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat zum Tag der Deutschen Einheit bedauert, dass es in Deutschland noch kein Einheitsdenkmal gibt. Es sei leider noch immer nicht gelungen, ein Denkmal zu erschaffen, "das an die Bevölkerung von damals erinnert", sagte de Maizière in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der "Welt am Sonntag". Ein solches Denkmal sei ihm "sehr wichtig". Der Innenminister zeigte sich überzeugt, dass ein Einheitsdenkmal "unserer Erinnerungskultur" gut tun würde.

"Der 9. November war der Tag des Volkes, das die Mauer geöffnet hat", erinnerte de Maizière an den Fall der Mauer im Jahr 1989. Mit Blick auf die Wiedervereinigung im Jahr 1990 sagte er, der 3. Oktober sei "die Vollendung der staatlichen Einheit und ein Tag der Politik". Der Innenminister sprach sich dafür aus, an "diesen historischen Bogen" an einem festen Ort zu erinnern. In Berlin ist ein Einheitsdenkmal geplant.

Putin dringt zum Einheitstag auf Dialog mit Deutschland

Der russische Präsident Wladimir Putin hat zum Tag der Deutschen Einheit das Interesse Moskaus an einem konstruktiven Dialog mit Berlin bekräftigt. In einem Telegramm an Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel schrieb der Kremlchef am Freitag, mit vereinten Kräften könnten die aktuellen internationalen Fragen gelöst werden, um Europa und der Welt Stabilität und Sicherheit zu bringen. Deutschland hat sich im Ukraine-Konflikt für scharfe Sanktionen gegen Russland eingesetzt, um die Kremlführung zu einem Friedenskurs zu bewegen. Putin kritisiert die Strafmaßnahmen als „ungerechtfertigt“.

Auch in Berlin wurde gefeiert

Menschen feiern Tag der Deutschen Einheit

Dobrindt plant "Radweg Deutsche Einheit" von Bonn nach Berlin

Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) plant für das kommende Jahr einen "Radweg Deutsche Einheit" zwischen der früheren Bundeshauptstadt Bonn und Berlin. An dem Weg soll es Raststätten nur für Radfahrer mit WLAN-Anschluss und Aufladestationen für Elektro-Bikes geben, wie die "Bild am Sonntag" am Freitag vorab berichtete. "Der Radweg verbindet Radeln, Elektromobilität und digitale Infrastruktur miteinander", sagte Dobrindt dem Blatt. Die Raststätten für die Radfahrer sollen dem Bericht zufolge mit Informationstafeln zu regionalen und touristisch interessanten Sehenswürdigkeiten sowie zu historischen Aspekten der Wiedervereinigung ausgestattet sein.

Erinnerungen an die DDR von A bis Z

Erinnerungen an die DDR von A bis Z

Hintergrund: Tag der Deutschen Einheit

Am 3. Oktober 1990 wurden Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen Länder der Bundesrepublik. Das im Einigungsvertrag festgelegte Datum der Vereinigung von Ost und West ist seither als Tag der Deutschen Einheit nationaler Gedenktag. Um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zu stärken, wird jährlich am 3. Oktober ein zentrales Bürgerfest gefeiert. Es wird immer von dem Land ausgerichtet, das den Vorsitz im Bundesrat hat. 2014 ist es Niedersachsen, gefeiert wird in Hannover. In Erinnerung an den Volksaufstand in der DDR feierte die Bundesrepublik bis 1990 den 17. Juni als „Tag der Deutschen Einheit“.

25 Jahre nach der Wende: Rückblick in Bildern

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dpa

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