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Hier werden die Unterlagen aus US-amerikanischen Kriegsgefangenenlagern aufbewahrt.

Viele Anfragen bei der Deutschen Dienststelle

Enkelgeneration interessiert sich für Wehrmachtsgeschichte

Berlin - Rund 40.000 Anfragen im Jahr: Das Interesse an der Geschichte der deutschen Wehrmachtssoldaten scheint 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ungebrochen.

Eine Frau findet im Nachlass ihrer Mutter einen Brief, ganz verwischt in Sütterlin geschrieben. Mit Hilfe der Deutschen Dienststelle (WASt) in Berlin kann sie ihn entziffern. Ganz schnell habe es gehen müssen, heißt es im Text, da in wenigen Minuten das letzte Flugzeug rausgehe und man von russischen Stellungen umzingelt sei.

Am Ende des kurzen Schreibens steht: „Falls ich hier nicht mehr rauskomme: Ich liebe dich und sorg' dafür, dass unsere Tochter eine gute Ausbildung bekommt.“

Es ist eine von vielen Geschichten, die Hans-Hermann Söchtig erzählen kann. Er ist Leiter der Behörde mit dem sperrigen Namen „Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ (WASt).

In deren riesigem Archiv lagern mehr als 300 Millionen Unterlagen, etwa zu Wehrmachtssoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, Kriegsgefangenen der West-Alliierten oder auch Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Scheinbar endlos ziehen sich die Regale in den Backsteinbauten einer früheren Waffen- und Munitionsfabrik im Norden Berlins.

Auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Interesse an den Akten keineswegs nachgelassen. „Ganz im Gegenteil, wir haben stabil hohe Anfragezahlen“, sagt Söchtig. Fast 40.000 waren es allein 2014. Bis zu einem Jahr kann daher etwa die Bearbeitung einer privaten Anfrage zu militärischen Dienstzeiten dauern.

Ob Kriegskinder, vermisste Soldaten oder Kriegsverbrecher: In den Akten verbergen sich die Schicksale und Geschichten von Opfern und Tätern. Doch es findet sich auch Positives. So half die Behörde etwa Anni-Frid, Sängerin der schwedischen Popgruppe Abba, als Kriegskind ihren deutschen Vater zu finden. Auch das Grab des in Rumänien gefallenen Vaters von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder machte die Dienststelle ausfindig.

Daneben gibt es natürlich Tausende aufgeklärte Schicksale ohne Promi-Einschlag. „Durch unsere Arbeit haben die Angehörigen die Möglichkeit, einen Ort der Trauer zu finden“, erklärt Behördenleiter Söchtig. Gerade aus der Enkelgeneration verzeichnet die Dienststelle ein wachsendes Interesse. Viele wollen wissen, welche Rolle ihr Großvater im Krieg hatte. Wann und wo er im Einsatz war? Ob er verwundet wurde oder in Kriegsgefangenschaft geriet?

Über die persönlichen Fragen hinaus gibt es aber auch ein öffentliches Interesse. 2006 sorgte die Dienststelle für Aufsehen, als Dokumente aus ihrem Archiv veröffentlicht wurden, die eine SS-Mitgliedschaft des jüngst gestorbenen Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass belegten. 2013 bestätigte die Behörde, dass der 2008 gestorbene Schauspieler Horst Tappert („Derrick“) Mitglied der Waffen-SS war. Herausgegeben werden dürfen solche Informationen nur, wenn die Betroffenen selbst - oder bei Gestorbenen die nächsten Angehörigen - zustimmen.

In etwas weniger prominenten Fällen geht es indes auch mal darum, ob jemand, nach dem eine Straße benannt werden soll, an Kriegsverbrechen beteiligt war. Den Nazijägern der weltweit einzigartigen NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg arbeitet die Berliner Behörde ebenfalls zu.

Auch für Ehrungen werden die Unterlagen zurate gezogen, zum Beispiel für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. „Es gab durchaus Wehrmachtsangehörige, die geholfen haben“, sagt Söchtig. „Unsere Dokumente können Leute nicht nur be-, sondern auch entlasten.“ Für Ihre Zuarbeit erhielten er und seine Mitarbeiter oft Dankesschreiben von Angehörigen - und manchmal sogar aus Israel. Selbst bei der sehr großen Zahl vorhandener Akten gilt laut Söchtig allerdings auch: „Wir können nicht in jedem Fall helfen.“ Lücken gibt es immer.

Das ist die Deutsche Dienststelle (WASt) in Zahlen:

Gegründet 1939 als „Wehrmachtauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene (WASt)“ hat die Deutsche Dienststelle inzwischen ein großes Archiv angesammelt. Einige Zahlen:

- Auf rund 16.400 Quadratmetern werden etwa 4300 Tonnen Akten mit einer Gesamtlänge von circa 56 Kilometern verwaltet.

- Rund 18 Millionen Karteikarten existieren zu Angehörigen der früheren deutschen Wehrmacht sowie anderer militärischer und militärähnlicher Verbände.

- 150 Millionen Verlustmeldungen und 15 Millionen Meldungen über deutsche Kriegsgefangene finden sich in den Regalen.

- 100 Millionen Veränderungsmeldungen umfassen die vorhandenen Verzeichnisse von Erkennungsmarken für Heer und Luftwaffe.

- Hinzu kommen mehr als zwei Millionen Marineakten, mehr als 150 Bände mit Feldpostnummern und viele weitere Bestände.

Informationen zur Antragstellung

dpa

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