Der Stationsname im U-Bahnhof "Rathaus Neukölln" in Berlin. Foto: Hauke-Christian Dittrich
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Der Stationsname im U-Bahnhof "Rathaus Neukölln" in Berlin. Foto: Hauke-Christian Dittrich

Debatte entbrannt

Experten sehen Parallelgesellschaften mit eigenen Gesetzen

Berlin - Für die Ereignisse der Silvesternacht in Köln suchen die Menschen nach Erklärungen. Vieles ist immer noch unklar. Ein Begriff macht öfter die Runde.

Mehr als eine Woche nach der folgenreichen Silvesternacht in Köln sind noch viele Fragen offen. Wer waren die Täter? Haben sie sich abgesprochen? Welche Rolle spielt die Herkunft der Verdächtigen, unter denen sich auch Flüchtlinge befinden? 

An Theorien für die massiven Übergriffe auf Frauen nahe dem Kölner Hauptbahnhof im Schatten des weltberühmten Doms mangelt es nicht, und mancher Erklärungsansatz ist auch nicht neu.

Zeugen und Opfer hatten laut Polizei die Peiniger als Männer mit nordafrikanischem oder arabischem Aussehen beschrieben. Bislang ist ihnen noch nichts endgültig nachgewiesen. Ungeachtet dessen wird über einen denkbaren Zusammenhang zwischen den Übergriffen und der Herkunft der möglichen Täter diskutiert.

So sprach die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor im ZDF von einem "patriarchalischen Problem" bei den Übergriffen: "Ich denke schon, dass es Auswüchse dieser speziellen Kultur sind. Sicher bringen Menschen ihre Sozialisation mit."

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Der Berliner Autor Ahmad Mansour ("Generation Allah") schrieb: "Solche Taten gibt's leider in unterschiedlichen Kulturen und die Gründe dazu können sehr unterschiedlich sein. Jedoch in manchen arabischen Kulturen führen Erziehungsmethoden, die auf Tabuisierung der Sexualität und Abwertung von Frauen basieren, zu solchen Taten."

In der Debatte um die Angreifer von Köln fällt auch der Begriff "Parallelgesellschaft". Ein Thema, mit dem sich die Integrationsforscherin Martina Sauer vom Zentrum für Türkeistudien in Essen befasst. Parallelgesellschaft definiert sie als "ein Leben ohne Kontakte zu Deutschen und ohne Einbindung in die Mehrheitsgesellschaft".

Das berichten Politiker aus Neukölln

Was das im Alltag auch bedeuten kann, wissen etwa Politiker aus Berlin-Neukölln zu berichten, dem größten Bezirk der Hauptstadt mit 326 000 Einwohnern. SPD-Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey oder ihr Vorgänger und Parteifreund Heinz Buschkowsky sehen neben einer Mehrheit von integrierten Migranten auch Gruppen mit eigener Sprache und eigenen Normen und Verhaltensweisen.

Giffey (37) zählte kürzlich Beispiele auf: Immer wieder würden in den Schulen, in denen zum Teil 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund hätten, bestimmte Fragen auftauchen: "Darf der Hausmeister durch die Halle laufen, wenn die Mädchen Sport machen? Dürfen Kinder in der dritten Klasse noch gemeinsam vor dem Schwimmen duschen oder ist das gegen den Koran?" Es gebe Männer, die Frauen nicht die Hand geben würden. "Und wir haben immer noch das Thema Zwangsheirat."

Die Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes nannte kürzlich die Zahl von 3443 drohenden oder vollzogenen Fällen von Zwangsehen in türkischen oder arabischen Familien im Jahr in Deutschland.

Klar ist auch: Wer in Nord-Neukölln wohnt, muss kein Deutsch sprechen. Arbeit, Geschäfte, Vereine, Kinos, Restaurants - alles gibt es auch für Menschen, die nur arabisch oder türkisch beherrschen.

Berlin versucht schon lange gegenzusteuern. Es gibt kostenlose Kitas, Sprachförderkurse, Integrationskurse und Beratungsstellen. Gefördert werden Initiativen gegen die in manchen Einwandererkreisen verbreitete Prügelstrafe, gegen Zwangsehen und spezieller Schwimmunterricht für Neuköllner Kinder.

"Ursachen liegen in den 80er und 90er Jahren"

Das Entstehen paralleler Strukturen oder Clans, die die Polizei in Berlin, Bremen oder im Ruhrgebiet für organisierte Drogen- und Straßenkriminalität verantwortlich macht, sehen Wissenschaftler in einer gescheiterten Integrationspolitik in den 80er und 90er Jahren. Vielen Einwanderern aus dem Libanon mit Wurzeln in kurdischen Gebieten sei der Zugang zu Job und Bildung versperrt geworden, sagt der Islamforscher Mathias Rohe.

Niemand habe mit einem langen Aufenthalt gerechnet. "Man hat also gar nicht versucht, sie schnell ins System einzugliedern", sagt Rohe. "Die Menschen suchten stattdessen im Familiären Halt, und so wurden bekannte Clan-Strukturen mit uralten Mechanismen wieder aufgebaut."

Integrationsforscherin Martina Sauer

Lagebericht 2014 LKA Organisierte Kriminalität

dpa

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