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Laut UN sind über drei Millionen Syrer auf der Flucht.

Krise auf dem Golan

Fast die Hälfte aller Syrer auf der Flucht

Genf - Das Leid und die Verzweiflung der Flüchtlinge in Syrien werden immer größer. Die Vereinten Nationen schlagen Alarm. UN-Blauhelmsoldaten sind auf den Golanhöhen eingekesselt - sie wollen sich verteidigen.

In den Kriegsregionen in Syrien und im Irak wird die Lage der Flüchtlinge immer verzweifelter. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind allein in Syrien fast zehn Millionen Menschen - rund die Hälfte aller Syrer - vor der Gewalt ins Ausland geflohen oder aus den Heimatorten vertrieben worden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sprach vom „größten humanitären Notfall unserer Zeit“. Die Organisation geht nach neuesten Zahlen von drei Millionen Flüchtlingen aus, 6,5 Millionen Menschen seien Vertriebene im eigenen Land.

Auch im Irak sind seit Anfang des Jahres mehr als 1,6 Millionen Menschen aus Angst vor den Kämpfen mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in andere Teile des Landes geflohen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit.

Viele der Vertriebenen seien körperlich, finanziell und emotional am Ende, erklärte der IOM-Notfallkoordinator im Irak, Brian Kelly. „Die derzeitige Krise im Irak ist beispiellos.“ Zahlreiche Opfer sind Kelly zufolge traumatisiert. Ganze Gruppen seien von IS-Einheiten gezwungen worden, von Bergklippen in den Tod zu springen.

UNHCR-Sonderbotschafterin Angelina Jolie erklärte, das Millionenheer der Flüchtlinge sei eine „brennende Anklage des gemeinsames Versagens, den Krieg in Syrien zu beenden“. Der Ruf und die Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft stünden angesichts der vielen bedrohten Menschen auf dem Spiel, sagte die US-Schauspielerin laut Mitteilung.

Blauhelme wollen sich verteidigen

Keine Entwarnung gab es für die auf den Golanhöhen im Süden des Landes eingekesselten philippinischen Blauhelme. Sie wollen sich gegen radikale Milizen verteidigen. Die Soldaten hätten sich geweigert, ihre Waffen abzugeben, erklärte ein Sprecher der philippinischen Armee am Freitag in Manila. Sie seien darauf vorbereitet, mit solchen Situationen umzugehen.

Syrische Regimegegner hatten am Mittwoch in Kunaitra den Übergang zu den von Israel besetzten Golanhöhen von der syrischen Armee erobert. Die radikal-islamische Al-Nusra-Front kesselte dort am Donnerstag 81 philippinische Blauhelmsoldaten ein. Zudem brachte sie weitere 43 Mitglieder der UN-Beobachtermission in ihre Gewalt. Die UN-Mission Undof beobachtet dort den Waffenstillstand zwischen Israel und Syrien.

Ein UN-Sprecher in Beirut sagte, den gefangenen Soldaten gehe es gut. Sie seien bisher unversehrt geblieben. Es gebe Verhandlungen, um eine Freilassung der Blauhelme zu erreichen. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte setzte die Al-Nusra-Front die Blauhelme fest, weil sich syrische Soldaten bei Kämpfen zwischen Rebellen und Armee in eine UN-Basis geflüchtet hätten.

"Größter humanitärer Notfall unserer Zeit"

Angesichts der Lage in Syrien schlug das UN-Flüchtlingshilfswerk Alarm. „Die Krise in Syrien ist zum größten humanitären Notfall unserer Zeit geworden, aber die Welt versagt dabei, den Menschen und den Ländern, in die sie flüchten, zu helfen“, sagte UN-Flüchtlingskommissar António Guterres in Genf. Selbst großzügige Angebote reichten nicht aus. „Die bittere Wahrheit ist, es ist zu wenig“, sagte Guterres. Zu den bisher gespendeten 3,1 Milliarden Euro würden bis zum Jahresende noch einmal 1,5 Milliarden Euro gebraucht, um die Flüchtlinge über den Winter zu bringen.

Laut UNHCR passieren die Menschen die Grenzen immer öfter total erschöpft, im Schockzustand, völlig verängstigt und ohne Ersparnisse. Die meisten seien seit mindestens einem Jahr auf einer Odyssee von Dorf zu Dorf gewesen, bevor sie sich endgültig zur Flucht entschlossen hätten. Die Flucht selbst werde immer schwieriger. Die Familien würden gezwungen, die Grenzposten zu bestechen oder Menschenschmuggler zu bezahlen.

Inzwischen lebten im Libanon 1,1 Millionen syrische Flüchtlinge, in der Türkei 815.000, in Jordanien 600.000. Dort explodierten in einigen Regionen die Lebensmittelpreise. So koste ein Brot mehr als zehnmal so viel wie vor einem Jahr, berichteten die UN weiter. Die Hilfsoperation sei inzwischen das größte Projekt in der 64-jährigen Geschichte des Flüchtlingshilfswerks.

dpa

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