Vor der Küste Libyens kentert erneut ein Flüchtlingsboot. Foto: Irish Defence Forces / Handout
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Vor der Küste Libyens kentert erneut ein Flüchtlingsboot.

Suche nach Vermissten im Mittelmeer

Flüchtlingsboot kentert vor Libyen: Helfer geben nicht auf

Rom - Mehr als 24 Stunden nach dem Flüchtlingsunglück geben die Helfer nicht auf: Sie suchen im Mittelmeer nach Vermissten. Während die Überlebenden Sizilien erreichen, diskutiert Europa über Konsequenzen.

Auch mehr als einen Tag nach dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer haben Rettungskräfte weiter nach etwa 200 Vermissten gesucht. Der Einsatz vor der Küste Libyens wurde am Donnerstag ohne Pause fortgesetzt, wie die italienische Küstenwache mitteilte. Bis zum Nachmittag konnten 373 Menschen gerettet werden. Sie erreichten am Nachmittag Sizilien, wo sie von Hilfsorganisationen im Empfang genommen und betreut wurden. Die Helfer bargen zudem 25 Leichen. Insgesamt sollen etwa 600 Menschen an Bord gewesen sein.

Das irische Marineschiff „Niamh“ legte am Nachmittag in Palermo an. Es war nach dem Unglück am Mittwoch vor der libyschen Küste als erstes vor Ort und hatte die meisten Menschen aufgenommen. Einige der Geretteten, die medizinische Hilfe benötigten, waren bereits zuvor mit Hubschraubern nach Italien gebracht worden. Die Überlebenden des Unglücks stammten italienischen Medienberichten zufolge vor allem aus Syrien, Eritrea, dem Sudan, Somalia und Bangladesch.

Ein weiteres Flüchtlingsboot war am Donnerstagvormittag etwa 30 Seemeilen vor der libyschen Küste gekentert, wie die Küstenwache mitteilte. Alle 381 Menschen an Bord konnten rechtzeitig gerettet werden. Sie sollte ebenfalls nach Italien gebracht werden.

Nach Flüchtlingsdrama: "Unwahrscheinlich, dass Überlebende gefunden werden“

Am Ort des Unglücks vom Mittwoch suchten weiter internationale Helfer mit Booten und Hubschraubern nach Vermissten. Allerdings sank mehr als 24 Stunden nach dem Schiffbruch die Hoffnung, noch Überlebende zu finden. „Es ist unwahrscheinlich, dass weitere Überlebende gefunden werden“, sagte Martin Xuereb von der privaten maltesischen Flüchtlingshilfe MOAS, die ebenfalls an dem Einsatz beteiligt war.

Nach Angaben von Geretteten waren etwa 100 Migranten im Frachtraum des Schiffes, als es kenterte. „Wir haben gehört, dass das Boot sehr schnell, innerhalb von Minuten gesunken ist“, sagte Melissa Fleming vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR dem TV-Sender Channel 4. Das überfüllte Flüchtlingsboot war am Mittwochmittag etwa 30 Kilometer vor der libyschen Stadt Zuwara bei der tunesischen Grenze gekentert.

Nach dem erneuten Drama wuchs auch die Kritik an den bisherigen Anstrengungen der EU-Staaten zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer und ihrer Aufnahme. „Es muss bessere Wege geben, damit Flüchtlinge nicht ihr Leben riskieren müssen, um in die Sicherheit Europas zu gelangen“, forderte Fleming. Auch Ärzte ohne Grenzen (MSF) kritisierte das „Fehlen adäquater Such- und Rettungsoperationen“.

Vertreter der Brüsseler EU-Kommission brachten am Donnerstag ihre „große Trauer“ über das Unglück vor der libyschen Küste zum Ausdruck. „Schon ein einziges verlorenes Leben ist eines zu viel“, unterstrichen die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans und EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos in einer gemeinsamen Erklärung in Brüssel.

Die Politiker erinnerten daran, dass die EU ihre Rettungsmissionen im Mittelmeer bereits aufgestockt und den Kampf gegen Schlepper verstärkt habe. „Es ist einfach, vor dem Fernseher zu weinen, wenn wir Zeuge dieser Tragödien werden. Es ist schwieriger, sich der Verantwortung zu stellen.“ Die EU müsse gemeinsam und konkret handeln.

Fünf Gründe, warum so viele Migranten über Libyen kommen

Es ist eines der gefährlichsten Länder der Welt. Dennoch versuchen Zehntausende Menschen, auf der Flucht vor Krieg und Armut über Libyen nach Europa zu kommen. Warum wählen so viele Flüchtlinge genau diesen Weg und riskieren damit ihr Leben?

ZERFALLENER STAAT: Seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 ist Libyen zunehmend ins Chaos abgeglitten. Hatte Italien die Flüchtlingsroute 2009 noch mit einem bilateralen Vertrag mit Libyen weitgehend blockiert, gibt es in dem Wüstenland inzwischen keinen Staat mehr, der die Flüchtlinge an der Weiterreise nach Europa hindert.

KEINE ARBEIT: Im ölreichen Libyen hatten Flüchtlinge und Migranten einst eine neue Heimat und Arbeit gefunden. Unter Gaddafi waren in dem Land mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern laut Schätzungen bis zu zwei Millionen Gastarbeiter beschäftigt. Heute behindern Kämpfe verfeindeter Milizen die wirtschaftliche Produktion. Mangels Arbeitsmöglichkeiten suchen viele ihr Glück auf der anderen Seite des Mittelmeers.

GUTE SCHMUGGLERNETZWERKE: In der Sahara spielen Staatsgrenzen nur eine untergeordnete Rolle und sind sehr schwer zu sichern. Dort ansässige Nomadenstämme sind länderübergreifend unterwegs und gut vernetzt. Der Schmuggel von Menschen bietet einigen von ihnen die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Auch das Internet hat die Kommunikation vereinfacht: Auf Facebook etwa gibt es inzwischen viele Seiten, die eine „Reise nach Europa“ über die „Route Libyen“ anbieten.

NÄHE ZU LAMPEDUSA: Die Entfernung von Tunesien zur italienischen Insel ist eigentlich kürzer. Während von der libyschen Küste knapp 300 Kilometer zu überwinden sind, sind es von der tunesischen aus gerade mal 140 Kilometer. Doch die Regierung in Tunis arbeitet eng mit Europa zusammen. Die dortige Küstenwache hat Patrouillenboote aus Italien im Einsatz, um Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa zu suchen und aufzuhalten.

MEHR KRIEGE IN DER REGION: Vor allem die immer brutaler werdenden Kriege und Konflikte in der Region sind der Grund, warum so viele Menschen sich auf den Weg nach Europa machen. Ein großer Teil der Flüchtlinge, die Libyen passieren, kommt etwa aus Syrien. In dem Bürgerkrieg starben nach Angaben der Vereinten Nationen in vier Jahren mehr als 250 000 Menschen. Fast die Hälfte der Syrer, zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder, sind demnach aus ihren Häusern vertrieben worden.

dpa

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