„Auf dem Wertebekenntnis beharren“: Charlotte Knobloch bei einem Auftritt in München.

Merkur-Interview

Knobloch zu Flüchtlingskrise: "Müssen auf unseren Werten beharren"

München - Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, fordert im Merkur-Interview ein striktes Bekenntnis zu unserer Werteordnung in der Flüchtlingskrise.

Jüdische Gemeinden warnen vor der Gefahr antisemitischer Anfeindungen durch muslimische Flüchtlinge in Deutschland. Sehen Sie es ähnlich?

Ja. Die Offenheit und Willkommenskultur gegenüber Menschen in Not stehen unserem Land gut zu Gesicht. Aber wir müssen auch etwas fordern, und das ist die Integration in unsere Wertegemeinschaft. Wer hier leben möchte, muss sich zu den Grundwerten unserer Verfassung bekennen. Dazu gehören Religionsfreiheit und Gleichberechtigung, unsere Rechtsstaatlichkeit, in der die Scharia keinen Platz haben darf, die strikte Trennung von Staat und Religion und natürlich auch die Ächtung jeglicher Form von Antisemitismus und das klare Bekenntnis zum Existenzrecht Israels.

Viele argumentieren: Die Migranten fliehen ja gerade vor den Islamisten. Sie seien also sicher nicht extremistisch.

Ich teile die Hoffnung, dass diese Menschen verstanden haben, dass der Islamismus und sein ideologisches Fundament mit ursächlich sind für den Hass, die Kriege und das Morden in ihren Heimatländern. Was aber den Antisemitismus betrifft, so muss man kein Islamist sein, um eine judenfeindliche Prägung erfahren zu haben.

Charlotte Knobloch zu Flüchtlingskrise: "Antisemitismus wird mit der Muttermilch aufgesogen"

Also Judenfeindlichkeit als Normalzustand?

In vielen muslimischen Ländern ist der Hass auf Israel und der Hass auf Juden selbstverständlicher, unreflektierter Teil der Erziehung und der Sozialisierung. Antisemitismus wird förmlich mit der Muttermilch aufgesogen und nicht als extrem wahrgenommen.

Was fordern Sie von der deutschen Politik?

Ich fordere zunächst mehr Problembewusstsein. Zu lange hat man Muslime weithin nur als Opfer von Fremdenfeindlichkeit betrachtet und die Radikalität innerhalb dieser Community verkannt. Das ist auch eine Folge der verunglückten Integrationspolitik vergangener Jahrzehnte. Bei der Integration der Flüchtlinge dürfen auf keinen Fall wieder Parallelgesellschaften und Parallelwerte entstehen.

Wie sehr ist muslimischer Antisemitismus in Deutschland schon jetzt verbreitet?

Antisemitische Einstellungen begegnen uns in der gesamten Gesellschaft. Aber unter hier lebenden Muslimen ist er besonders verbreitet. Nicht erst die Exzesse im Zuge der Gaza-Krise 2014 haben gezeigt, wie gewaltbereit dieser Judenhass artikuliert wird. Längst ist ‚Jude’ ein Schimpfwort in Schulen, besonders mit hohem Migrationshintergrund. Dort ist etwa auch ein demokratieschulender Geschichtsunterricht kaum möglich. Übelster Antisemitismus bleibt aus Angst von den Lehrern unwidersprochen. Und in vielen Moscheen wird antijüdischer Hass gepredigt.

Macht Ihnen der rechtsextreme oder die des islamistischen Antisemitismus mehr Sorgen?

Beides gefährdet unser Land in seinem Wesenskern. Das erschreckende erstarken der Rechtsextremen ist eine enorme Bedrohung. Als Pegida marschieren lupenreine Neonazis, offen rassistisch und antisemitisch. Fest steht: Rechtsextremisten wie Islamisten wollen unser freiheitliches System zerstören. Jetzt müssen sich alle Staatsgewalten als wehrhafte Hüter unserer Demokratie beweisen. Sonst steuern wir nach der kurzen Euphoriewelle sehr dunklen Zeiten entgegen.

Charlotte Knobloch zu Flüchtlingskrise: "Müssen auf Bekenntnis zu unseren Werten beharren"

Horst Seehofer hat im Landtag aus einem Brief von Ihnen zitiert. „Unser Land darf sich nicht verändern“, fordern Sie. Was meinen Sie damit?

Unser Land hat sich in den letzten Jahrzehnten in hervorragender Weise zu einer tragfähigen, stabilen freiheitlichen Demokratie entwickelt. Darauf können und sollten wir stolz sein. Als Holocaustüberlebende und jüdischer Mensch in Deutschland sage ich das aus voller Überzeugung, aber mit einer ganz klaren Forderung: Wir müssen auf dem Bekenntnis zu unseren Werten beharren. Wir dürfen gerne mehr werden, aber wir müssen wir bleiben, auch das muss der Appell ‚Wir schaffen das’ bedeuten.

Aber wird sich das Land nicht zwangsläufig durch die Zuwanderung verändern?

Ich wüsste nicht wieso. Ich schließe mich dem Politologen Herfried Münkler an, der sagte, es komme darauf an, aus den Menschen, die kommen und die bleiben wollen und dürfen, Deutsche zu machen. Mit anderen Worten, nicht wir sollten uns verändern, sondern diejenigen, die hier eine Heimat suchen und auch finden sollen.

Damit Sie keine Meldung verpassen: Verfolgen Sie die Flüchtlingskrise in unserem News-Ticker.

Interview: Til Huber

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