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Franz Müntefering. 

Interview mit dem Münchner Merkur

Müntefering: "Rente mit 63 war ein Fehler"

München - Franz Müntefering (SPD) gilt als Vater der Rente mit 67. Im Merkur-Interview erklärt der Ex-Arbeitsminister, warum das eigentlich falsch ist - und warum wir aber wirklich alle länger arbeiten müssen.

Er war Bundesminister, Vizekanzler, Fraktionschef und SPD-Vorsitzender: Inzwischen ist Franz Müntefering 76 Jahre alt. „Ich bin nicht mehr Mitglied des Bundestages, aber ich versinke nicht im Schaukelstuhl. Ich bin ansprechbar“, schreibt er auf seiner Homepage. Ein Gespräch lohnt sich, wie unser Interview beweist.

Herr Müntefering, Horst Seehofer behauptet, die Riester-Rente sei gescheitert. Hat er Recht?

Nein, hat er nicht. Die Einführung der Riester-Rente war richtig, weil wir neben der zentralen Säule der gesetzlichen Altersvorsorge noch die betriebliche und eine private Säule brauchen. Etwa 14, 15 Millionen Menschen nehmen das Angebot auch wahr.

Die Debatte geht nun aber weg von der privaten Vorsorge zurück zur gesetzlichen. Hat man vor zwölf Jahren falsch gedacht?

Klar ist: Wir brauchen alle drei Säulen. Die demografische Entwicklung war und ist absehbar. Deshalb haben wir damals verschiedene Maßnahmen ergriffen: die Deckelung der Beiträge, die Absenkung des Rentenniveaus, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Die private Vorsorge ist nur ein Teil davon.

Das Problem ist: Geringverdiener schließen nur sehr selten eine Riester-Rente ab.

Wir haben damals schon diskutiert, ob der Abschluss obligatorisch sein sollte. Man hat sich anders entschieden. Man muss die Riester-Rente besser bewerben. Der Hartz-IV-Empfänger muss wissen, dass er mit fünf Euro im Monat eine stattliche staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen kann.

Von mehr Werbung kann keine Rede sein: Wenn die Politik Riester für tot erklärt, schließt gar keiner mehr einen Vertrag ab.

Ich finde das sehr bedauerlich. Das Problem bei Riester und bei allen kapitalgedeckten Modellen sind derzeit die niedrigen Zinsen. Die gesetzliche Rentenversicherung ist und bleibt damit der Kern der Altersvorsorge. Dennoch sollte man die anderen Säulen nicht einreißen.

Sie gelten als der Vater der Rente mit 67. . .

Ich hab’ die nicht erfunden, das war die Koalition. Mir haben sie nur als zuständigem Minister die Vaterschaft zugesprochen - und ich habe die ganzen Alimente dafür bezahlt. Das mache ich auch gerne, weil es richtig war.

Alter für Rente muss flexibel gestaltet werden

Wolfgang Schäuble bringt die Rente mit 70 ins Gespräch. Hat er Recht?

Nein, wir sollten keine neuen Festlegungen auf Altersgrenzen vornehmen. Die Leute sind verschieden, die Arbeitsplätze sind verschieden. Es wird immer mehr Menschen geben, die auch über 65 oder 67 Jahre hinaus im Berufsleben bleiben wollen – vielleicht auch nur in Teilzeit. Wir brauchen eine größere Flexibilität. Aber natürlich muss in der Tendenz länger gearbeitet werden. Alles andere geht zu Lasten der Jungen.

Die Große Koalition hat – auch auf Drängen der SPD – die Rente mit 63 eingeführt. War das richtig?

Nein, das war ein Fehler. Genauso wie die Finanzierung der Mütterrente aus der Rentenkasse. Das sind zusätzliche Belastungen des Systems, die ich für nicht richtig halte.

Angenommen, Sie werden morgen Sozialminister: Was wäre das Erste, was Sie tun würden?

Die Annahme ist garantiert falsch. Zur Frage: Ich würde den Menschen Mut machen. Sie dürfen nicht jenen auf den Leim gehen, die behaupten, dass morgen überall die Altersarmut ausbricht. Niemand schaut auf die Situation in den Familien: Natürlich gibt es viele Frauen mit niedrigen Renten, weil sie wenig gearbeitet haben. Aber in den meisten Fällen bekommt der Partner eine höhere Rente. Da wird den Menschen derzeit unnötig zu viel Angst gemacht.

Mittelfristig dürfte das Problem zunehmen.

Richtig ist, dass das Rentenniveau faktisch sinken wird. Wir reden derzeit viel über Prozentpunkte, doch die eigentliche Frage lautet doch: 43 Prozent von was? Die Löhne, also die 100 Prozent, müssen stimmen. Das Problem ist also weniger die Rentenpolitik, sondern die „Geiz-ist-Geil“-Mentalität bei den Lohnabschlüssen und Arbeitsverhältnissen.

Bedauern Sie, dass die SPD nicht ausreichend hinter den Sozialreformen der Schröder-Zeit steht?

Das gilt ja nicht nur für die SPD, für die Union schon auch. Die hat beispielsweise damals die Rente mit 67 mitgetragen. Inzwischen sehe ich bei den Verantwortlichen eine Angst, dazu zu stehen. Dabei wird das Problem nicht geringer: Wir leben deutlich länger, 2030 werden etwa 30 bis 35 Prozent der Menschen im Rentenalter sein. Die Rente wird nicht mehr zehn Jahre ausbezahlt, sondern 19. Darauf muss man früh reagieren.

Macht es sich die aktuelle Politikergeneration zu einfach?

Wir haben damals Entscheidungen getroffen, die bis 2030 vorhalten sollten. Über 2030 hinaus müssen die Regeln jetzt gesetzt werden. Man muss den Mut haben, nach vorne zu blicken und nicht nur Politik für den Tag zu machen.

Sind Sie da auch von Ihrer Partei enttäuscht?

Was heißt enttäuscht? Tatsache ist: Die Koalition muss jetzt wegweisende Entscheidungen treffen. Noch ist Zeit.

Stattdessen reibt sich die SPD an Sigmar Gabriel auf. Verstehen Sie, warum er sich so verhält und warum er so angegangen wird?

Ersteres ja, letzteres nein. Er hat es nicht verdient, so angegriffen zu werden. Das ist auch inhaltlich nicht gerechtfertigt. Sigmar Gabriel ist ein guter Vorsitzender.

Wird er der nächste Kanzlerkandidat?

Das entscheidet sich Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres.

Haben Sie eine Präferenz?

Ja.

Verraten Sie sie uns?

Nein.

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